# taz.de -- Für Sicherheit und Gesundheit: Die langweiligste Demo des Jahres
       
       > Der Kanzler sperrt die Spree, die Sternfahrt bleibt in den Regionalnews –
       > und unsere Autorin wundert sich, was als Zumutung empfunden wird und was
       > nicht.
       
 (IMG) Bild: „Die Zukunft fährt Rad“: Fahrradfahrer:innen sind an der Siegessäule unterwegs
       
       Anfang Juni war wieder Sternfahrt in Berlin. Sternfahrt ist dieser eine
       Halbtag im Jahr, an dem die breite Asphalt-Schneise entlang des Grunewalds
       für Fahrräder geöffnet ist. Man kann dort bequem nebeneinander radeln, tief
       durchatmen und sich unterhalten.
       
       Ich fuhr neben zwei Jugendlichen. Die beiden redeten darüber, dass die
       Sternfahrt eigentlich voll öde sei. Niemand schreie Parolen. Niemand mache
       etwas kaputt. Eigentlich sei das Ganze nur eine chillige Ausfahrt für
       Leute, die halt gern Rad fahren, und keine richtige Demo.
       
       Stimmt irgendwie. Radfahren ist voll langweilig. Es stinkt nicht, lärmt
       nicht und ist insgesamt das Gegenteil von nicer Randale. Und dann diese
       Radfahrer-Forderungen: sichere Wege, weniger Tote, ein bisschen Platz –
       lauter Gähn-Themen.
       
       Mit Gegröle, Steine schmeißen und Sachen anzünden landet man auch mit 500
       Leuten in der Tagesschau. Friedlich dahinradelnd kann man 30.000 plus auf
       die Straße bringen – und kommt trotzdem nicht über die Regionalnachrichten
       hinaus. Ist ja schließlich auch immer dasselbe. Die Radfahrenden wollen
       seit Jahren, ach was, seit Jahrzehnten immer nur [1][sicher unterwegs]
       sein. Eine Forderung, die deutsche Politik autark umsetzen könnte, worauf
       sie aber halt keinen Bock hat.
       
       ## Sinnfreie Absperrerei
       
       Wie es läuft, wenn man Bock hat, erlebte ich tags darauf.
       
       Ich kam von der Arbeit nach Hause, auf dem Weg an der Spree entlang. Den
       kennen auch Berlin-Besucher bestens: auf der einen Seite der Hauptbahnhof,
       auf der anderen das Bundeskanzleramt. Der Weg war abgesperrt und
       polizeibewacht. Auch die Schiffe durften nicht mehr fahren. Grund: Der
       Hubschrauber des Bundeskanzlers landete auf der anderen Seite der Spree,
       hinter einer Mauer und Bäumen im Kanzlergarten. Wir mussten warten, bis der
       wieder abgeflogen war. Natürlich völlig sinnfrei. Wir flogen ja nicht. Und
       hatten, soweit ich das überblicken konnte, auch keine Panzerfaust in der
       Fahrradtasche.
       
       Ich überlegte, warum man eigentlich den mit Abstand größten Regierungssitz
       der Welt hat, wenn man dann trotzdem für den An- und Abflug noch die
       Umgebung lahmlegt. Und ob die Absperrerei [2][im Zeitalter von Drohnen]
       nicht insgesamt unlogisch ist. Aber – um Logik geht es ja auch nie. Es geht
       um Symbole.
       
       Die einen fahren symbolisch einmal im Jahr glücklich durch eine für ein
       paar Stunden abgasfrei ruhige Stadt. Und die anderen besorgen sich
       symbolische Habachtstellung von Fußgängerinnen, Radfahrern und
       Schifftouris. Die Achtung-Heli-Sperrungen sind relativ neu, also offenbar
       sachlich nicht notwendig; gestartet und gelandet wurde dort ja früher auch
       schon. Aber wir werden uns anpassen. So wie wir uns an dem Gedanken
       angepasst haben, es sei notwendig, überall immer mit dem privaten Auto
       hinfahren zu können. Und gelernt haben, dass es in Deutschland wichtig ist,
       [3][dass diese Autos weiterhin stinken und lärmen dürfen].
       
       Als ich so über meinem Lenker lehnend auf Weiterfahrt wartete, dachte ich
       mir, dass die Sternfahrt vielleicht doch keine öde Ausfahrt ist, sondern
       eher eine Zumutung: Sie zeigte, was alles möglich wäre. Wenn man sich nur
       dazu entscheidet.
       
       18 Jun 2026
       
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