# taz.de -- Tempolimit: Vernünftig Rasen
       
       > Wer beim Tempo auf Vernunft setzt, verkennt die Macht des Rausches. Warum
       > nicht Appelle, sondern Straßen und die Autos selbst uns bremsen müssen.
       
 (IMG) Bild: Geschwindigkeit ist geil. Und gefährlich
       
       Gerade läuft ein Prozess gegen drei Männer, die per Auto zwei unbeteiligte
       Frauen töteten. Unter einem [1][taz-Text, der fragte, warum Autohersteller
       Geschwindigkeit noch immer als Werbebotschaft verkaufen], sammelten sich
       133 Kommentare. Viele sahen zu schnelles Fahren als eine Frage der
       Selbstverantwortung. Man könne doch nicht immer neue Verbote fordern. Den
       Leuten müsse auch mal was zugetraut werden!
       
       Nun ja. Ich dachte an meine eigene Jugend. Schon damals liebte ich
       Zweiräder, allerdings die mit Antrieb. Ich fuhr eine schwere BMW mit
       Boxermotor, das Familienmotorrad, gesetzeskonform auf 27 PS gedrosselt.
       Meine beiden Motorradkumpel hatten 100 PS starke, vollverkleidete
       japanische Rennmaschinen. Solche, wie sie auch als Poster in meinem Zimmer
       hingen.
       
       Nachmittags machten wir Ausfahrten. Auf der Kurvenstraße hinterm
       Ortsausgang fuhr ich hinterher und bewunderte, wie die beiden ihre
       Plastikbomber so tief in die Kurven legten, dass die Fußrasten Funken
       schlugen. Und einmal ließen die beiden sich zwischen zwei Dörfern auf einen
       Biketausch ein. Ich weiß noch genau, wie ich glücklich kurz Gas gab und
       dann auf den Tacho sah: 160 Kilometer pro Stunde. Auf einem Feldweg. Auf
       der alten BMW hätte es mich dabei längst aus dem Sitz gehoben.
       
       Geschwindigkeit ist geil. Und gefährlich. Meine beiden Freunde zerlegte es
       kurz nach der Schulzeit. Ich selbst hatte das bräsigere Bike und einen
       agilen Schutzengel. Ein paar Jahre später überlegte ich, mir ein eigenes
       Motorrad zuzulegen. Doch mein Mann wünschte sich, mich gern im Stück zu
       behalten. Er hatte Recht. Ich bin eine gelassene Autofahrerin, weil ich
       dank mangelnden Fahrtwinds und Körpergefühls vier Räder immer schon
       langweilig fand. Aber eine besonnene Bikerin würde ich nie werden. Seitdem
       fahre ich Fahrrad. Und behielt den Fahrstil: Geschwindigkeit macht high.
       Und wenn man sie selbst erzeugt, macht sie auch noch stolz.
       
       ## Straßen dürfen keine Startbahn sein
       
       Ja, es gibt Menschen, die diszipliniert und vorsichtig sind. Großartig! Ich
       gehöre zu den anderen. Wenn ich Heißhunger auf Schokolade habe, brauche ich
       keinen Ernährungsratgeber, sondern eine schokoladenfreie Wohnung. Ansonsten
       wird gegessen, bis nur noch das Papier raschelt. Für Leute wie mich braucht
       es keinen Appell zur Selbstverantwortung, sondern eine Verkehrsführung, die
       führt: enge Fahrbahnen, Zebrastreifen, Bäume, breite Fuß- und Radwege,
       Kurven, Blumenkübel, Muster auf dem Asphalt. Straßen müssen sich nach
       Menschen anfühlen, nicht nach Startbahn.
       
       Mit einem modernen Auto auf gerader Straße 30 zu fahren, fühlt sich an, als
       überhole einen gleich ein Opa mit Rollator. Natürlich drückt dieses Gefühl
       aufs Gas. Eben deshalb brauchen wir Straßen, die bremsen und
       Assistenzsysteme, [2][die Tempolimits einhalten], ohne sich einfach
       wegdrücken zu lassen. Denn Geschwindigkeit ist leider geil. Aber, anders
       als Schokolade, auch gefährlich für andere.
       
       Und wer trotzdem seinen Rausch haben will, kann einfach das Gefährt
       wechseln. Mit einem R4 [3][oder Trabbi] knallen auch 30 Stundenkilometer
       auf Kopfstein richtig rein. Gute Fahrt!
       
       20 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Raserunfaelle-und-die-Autoindustrie/!6144030
 (DIR) [2] /Benzinpreise-Bitte-keinen-neuen-Tankrabatt/!6161714
 (DIR) [3] /Planstadt-Eisenhuettenstadt-mit-Historie/!6144288
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kerstin Finkelstein
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Verkehrssicherheit
 (DIR) Tempolimit
 (DIR) Wir retten die Welt
 (DIR) Motorrad
 (DIR) Wir retten die Welt
 (DIR) Wir retten die Welt
 (DIR) Wir retten die Welt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Unfälle und die Folgen: Im grauenhaften Nebel des Straßenverkehrs
       
       Wer ist verantwortlich, wenn im Verkehr jemand verletzt wird? Unsere
       Autorin fühlt sich an einen alten Film erinnert.
       
 (DIR) Schnee und Eis im Straßenverkehr: Radgehen als Wintersport
       
       Die Radwege sind nicht geräumt? Halb so wild. Schließlich sind Radfahrende
       frei, flexibel und selbstbestimmt. Mehr als Autos.
       
 (DIR) Neue buddhistische Übungen: Weichenstörung – ohmmmm!
       
       Fahrradfahren im Winter ist schon Wahnsinn? Ha, sagt unsere Autorin. Wer
       Öffis nutzt, hat jede Menge Zeit, alles übers Autofahren herauszufinden.