# taz.de -- Berliner Kriminelle: Von der Schönheit des Fahrraddiebstahls
> Wer nachts nicht schlafen kann, sollte mal aus dem Fenster schauen. Dort
> gibt es einiges zu sehen. Wer will, kann auch noch die 110 wählen.
(IMG) Bild: Kein Fahrrad ist vor ihnen sicher
Ich bin in dem Alter, in dem Frauen oft nachts ein Weilchen wach liegen und
dann viel Zeit haben, um über dies und das nachzudenken. Letzte Woche
nutzte ich die geschenkte Wachzeit für entspannende Atemübungen und die
Frage, worüber ich [1][diesen Monat eigentlich in der taz schreiben]
sollte. Es war 4.20 Uhr.
Während ich meinen Atem spürte, schallte durch das geöffnete Fenster mein
ganz persönlicher Triggersatz: „Lassen Sie das Fahrrad in Ruhe!“ Ich sprang
auf, sah einen Radfahrer vorbeiradeln. Hinter einem Baum raschelte und
knackte es. Dann schob sich ein oranges Mounti aus dem Halbschatten, darauf
ein Mann, der noch sein Gleichgewicht suchte. Neben ihm schob ein zweiter
ein Gravelbike. Sie hielten vor einer ganz in Schwarz gekleideten dritten,
kleineren Person, die gerade die an unserer Laterne befestigten Räder
betrachtete.
Dort stand mein Bahnhofsrad 2.0, [2][nach zwei Diebstählen an genau dieser
Stelle inzwischen dreifach gesichert]. Daneben das Rad meines Nachbars aus
dem vierten Stock. Ha!, dachte ich. Jetzt aber!
Durch mein aus der Kommode geholtes Fernglas zoomte ich aus der
Dachgeschosswohnung auf den Gehweg. Zwei waren schon hinter dem nächsten
Baum verschwunden, der dritte inspizierte ein weiteres Fahrrad, das hinten
an einem Wohnmobil befestigt war. Ich wählte 110 und schilderte die
Situation.
## Hallo, Polizei?
„Haben Sie gesehen, wie die ein Fahrrad klauten?“
Nein. Hatte ich nicht. Aber gehört. Und jetzt schraubte der eine am
Wohnmobilrad, fuhr eine Kurve, kam zurück und prüfte es wieder.
„Wenn ein Wagen frei wird, schicke ich den vorbei“, hörte ich.
Demnächst kam also die Polizei. Und ich? Mit der Konzentration auf meinen
Atem war es ohnehin vorbei. Da konnte ich auch weiterblockwarten. Also
filmte ich den Mann, der erneut an dem Gravelbike werkelte. Plötzlich
erklangen sogar Maschinengeräusche durch die sonst völlig ruhige Straße.
Der Mann fuhr wieder einen Kreis. War wohl doch zu laut.
## Frauen an die Macht?
Ich hörte ein Auto kommen. Erkannte zwischen den Bäumen einen Kleinbus der
Polizei und lief die Treppe hinunter.
„Wir haben schon nachgesehen“, erklärten die bereits wieder startklaren
Beamten. „Das Rad am Wohnmobil ist unbeschädigt. Alles in Ordnung.“
Ich zeigte meine unscharfen Handyvideos. Erklärte, dass die Personen vor
einer Minute noch hier waren. „Dann fahren wir mal und schauen, ob wir
jemand Verdächtiges sehen.“
Unschlüssig blieb ich zurück. Auf Socken, ungekämmt, um 4.30 Uhr auf der
Straße.
Aus dem Hof des Nachbarhauses trat eine junge, elegant in Schwarz
gekleidete Frau. Sie steuerte auf das Wohnmobil zu, stellte einen Fuß neben
das Querfeldeinfahrrad auf den Träger und band sich ruhig die Schuhe. Sie
war nicht allein. Neben ihr schoben zwei Männer Fahrräder: ein Gravelbike
und ein oranges Mounti.
Als sie an mir vorbeiging, lächelte sie mich an.
„Sei freudvoll“, lautet ein buddhistisches Sprichwort, „nicht weil alles
schön ist, sondern weil du Schönheit in allem siehst.“ Und so dachte ich:
Organisierter Fahrraddiebstahl in junger, weiblicher Hand. Klasse, wie
aktiv Frauen ihre nächtliche Wachzeit gestalten können. Und einem nebenbei
noch ein taz-Kolumnenthema schenken.
17 Jul 2026
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## AUTOREN
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