# taz.de -- Afghanistan unter den Taliban: „Ich habe Angst und gehe nicht mehr raus zur Arbeit“
       
       > Die Proteste in Herat wurden gewaltsam niedergeschlagen. Nun herrscht
       > dort und in der Hauptstadt Kabul ein Klima der Angst.
       
 (IMG) Bild: Frauen in Herat im Februar
       
       Nach zahlreichen Festnahmen von Frauen und anschließenden Protesten bleibt
       die westafghanische Großstadt Herat im Ausnahmezustand. Sie ist zwischen
       die Fronten eines Regimes mit seinen Unterdrückungsmaßnahmen und Frauen,
       die nicht aufgeben wollen, geraten.
       
       In Herat schleicht die Angst durch die Gassen wie ein stilles Gespenst.
       „Ich war tagelang nicht draußen“, berichtet eine junge Frau. „Als ich
       gestern einkaufen gehen musste, habe ich kaum Frauen draußen gesehen.“ Ihr
       Gesicht habe sie hinter einer Maske versteckt. Auch eine andere junge Frau,
       die anonym bleiben möchte, berichtet von einem Klima der Angst: „Zuvor habe
       ich mein Gesicht nicht bedeckt, jetzt trage ich eine Maske.“
       
       Anfang des Monats gab es in Herat eine Welle von Verhaftungen von Frauen,
       denen die herrschenden Taliban den Verstoß gegen die strengen
       Kleidervorschriften vorwarfen. Darauffolgende Proteste wurden gewaltsam
       aufgelöst. [1][Laut der UN-Mission für Afghanistan (Unama) wurde dabei
       mindestens eine Person getötet.] Das Opfer ist ein minderjähriger Junge.
       Auch ein weiterer Protest wurde gewaltsam aufgelöst.
       
       Ein Teilnehmer, der anonym bleiben will, berichtet von Schüssen in die
       Menge. Viele Verwundete hätten nicht im Krankenhaus behandelt werden
       können, da die Taliban dort nach Protestierenden gesucht hätten. „Ich habe
       Freunde, die festgenommen wurden und von denen wir seitdem nichts mehr
       gehört haben“, erzählt der Mann. „Ich selbst verstecke mich und gehe nicht
       mehr aus dem Haus.“
       
       ## „Die Menschen sind verärgert“
       
       Seit der erneuten Machtübernahme der Taliban im August 2021 sind
       Demonstrationen gegen ihre autoritäre Herrschaft selten geworden, nachdem
       die Machthaber in Kabul eine Reihe von Frauenprotesten gewaltsam
       zerschlagen haben. Neu an den Protesten in Herat war aber, dass sich auch
       Männer anschlossen. „Die Menschen sind verärgert, weil sich die Taliban in
       ihr Privatleben einmischen“, sagt Fereshta Abbasi von Human Rights Watch.
       „Genau deshalb protestieren sie.“
       
       Dass Frauen im Emirat der Taliban auf ständiger Hut sein müssen, ist nichts
       Neues. Die Machthaber in Kabul haben die Rechte von Frauen immer weiter
       eingeschränkt. Sie dürfen keine höheren Schulen oder Universitäten mehr
       besuchen, auch viele Berufe sind ihnen versperrt. In langen weißen Kitteln
       und mit schwarzen Turbanen patrouillieren sogenannte Sittenwächter durch
       die Straßen größerer Städte und kontrollieren die strengen
       Kleidervorschriften. Frauen müssen Körper und Gesicht bedecken.
       
       Doch gab es bisher eine sichtbare Diskrepanz zwischen dem strengen
       Regelwerk aus Kandahar, dem spirituellen und politischen Zentrum des
       Landes, und der Umsetzung in einigen anderen Landesteilen. In Städten wie
       Herat, Masar-i-Scharif oder Kabul waren noch Frauen mit unverhüllten
       Gesichtern zu sehen, allein oder in Gruppen.
       
       Die Verhaftungswelle könnte ein Zeichen dafür sein, dass die Taliban ihre
       Repression verstärken. „Sie versuchen, ihre Vorstellungen mit Gewalt
       durchzusetzen“, sagt die afghanische Frauenrechtsaktivistin Razia Bromand,
       die im Exil in Deutschland lebt. „Das hat die Leute auf die Straße
       getrieben.“
       
       Zudem seien die Leute wütend, dass auch Frauen festgenommen worden seien,
       die sich vorschriftsmäßig verhüllt hätten, und dass viele Familien tagelang
       nichts von ihren Angehörigen gehört hätten. Eine Lehrerin aus Herat
       berichtet, dass die Familie einer Schülerin viel Geld für die Freilassung
       ihrer Tochter habe zahlen müssen.
       
       ## „Die Taliban müssen sich endlich flexibel zeigen“
       
       Auch ein Mann in Kabul schildert seinen Unmut „Die Taliban müssen sich
       endlich flexibel zeigen und die höheren Schulen und Universitäten für
       Frauen öffnen“, sagt er. Gleichzeitig könne eine Destabilisierung des
       Landes ebenfalls Schlimmes für die kriegsmüde Bevölkerung mitbringen. „Wenn
       es einmal erneut zu einem Krieg kommt, wird es ein hässlicher werden.“
       
       Afghanistans Frauen blicken vorerst in eine Zukunft, die noch düsterer
       scheint als zuvor. Bisher haben sie [2][trotz der immer stärker werdenden
       Einschränkungen] noch mutig einige Freiräume verteidigt. Sie unterrichten
       ältere Mädchen entgegen der offiziellen Anordnung in Privatschulen weiter
       oder setzen in Hinterhöfen heimlich ihre Schönheitssalons fort.
       
       Die Situation zwischen den Machthabern in Kabul und den afghanischen Frauen
       gleicht oft einem Katz-und-Maus-Spiel. Erlassen die Taliban neue
       diskriminierende Gesetze, suchen Afghaninnen nach Möglichkeiten, um die
       wenigen Freiräume aufrechtzuerhalten, die ihnen noch geblieben sind.
       
       Seit den Protesten in Herat scheinen die Taliban die Repression zu
       verstärken. Inzwischen ist in Kabul täglich von Festnahmen zu hören, die
       Männer und Frauen betreffen, berichtet Mina. Die junge Frau aus Kabul
       verkauft über das Internet afghanische Kleidung, nachdem die Taliban die
       Universitäten für Frauen geschlossen haben und auch ihrem Studium damit ein
       Ende gesetzt hatten.
       
       ## „Ich habe Angst und gehe nicht mehr raus zur Arbeit“
       
       Seit den Festnahmen in Herat seien auch in Kabul kaum noch Frauen allein
       auf der Straße zu sehen. „Die meisten Frauen gehen jetzt aus Angst nur in
       Gruppen raus und sind vollständig verhüllt“, so Mina. Eine Zahnärztin aus
       Herat berichtet, seit den jüngsten Vorfällen sogar ihren Beruf aufgegeben
       zu haben: „Ich habe Angst und gehe nicht mehr raus zur Arbeit.“
       
       Anzeichen für neue Proteste gibt es keine, auch weil die Taliban die
       Sicherheitsmaßnahmen stark erhöht hätten, wie Frauen aus Herat und Kabul
       berichten. „Überall stehen ihre Fahrzeuge. Die Straßen sind voller
       Sicherheitskräfte“, sagt Mina. „Sie wollen ein Klima der Angst schaffen.“
       
       Sie selbst wolle trotzdem nicht aufgeben und weiter ihr Online-Unternehmen
       führen. „Wenn die Taliban eine Tür für mich schließen, werde ich versuchen,
       eine neue zu öffnen.“
       
       16 Jun 2026
       
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