# taz.de -- Taliban-Gewalt und Widerstand: Eine Frau aus Afghanistan erzählt
       
       > In Afghanistan werden Proteste gegen die Verhaftung von Frauen brutal
       > niedergeschlagen. M. aus Kabul spricht über ihre Ängste und Hoffnungen.
       
 (IMG) Bild: Bewaffnete Taliban- Wache in der Provinz Herat, 11. Juni 26
       
       Seit den [1][Festnahmen und Protesten in Herat] habe ich zum ersten Mal
       Angst. Dabei mache ich mir noch nicht einmal Sorgen um mich selbst, ich
       habe vor allem Angst um meine Familie. Als ich von den Vorfällen in Herat
       erfahren habe, war ich so deprimiert, dass ich gar keine Nachrichten mehr
       hören konnte – davor habe ich sie täglich verfolgt. Ich habe mich gefragt,
       was noch alles auf uns zukommt.
       
       Ich war glücklich, als ich von dem Protest gehört habe, und dachte, endlich
       stehen die Männer für uns Frauen ein. Ich wollte keine Situation wie im
       Iran, wo [2][Tausende ihr Leben verlieren.] Aber ich wollte, dass die Leute
       der Regierung zeigen, dass sie die Menschen nicht so unterdrücken kann. Als
       ich dann erfahren habe, dass die Behörden auf Demonstrierende geschossen
       haben, musste ich weinen. Ich liebe Geschichte und lese sehr viel. Ich
       frage mich, an welchem Punkt unser Land mittlerweile gelandet ist. Wir
       haben eine jahrtausendealte Zivilisation und jetzt schießen wir auf unsere
       eigenen Brüder und Schwestern.
       
       Die Leute sind aus Wut wegen der Festnahmen in Herat auf die Straße
       gegangen. Die Taliban haben ihre Töchter, Schwestern und Ehefrauen
       mitgenommen. Schon davor haben wir immer mal wieder von Festnahmen gehört,
       auch hier in Kabul, aber das waren einzelne Fälle. Plötzlich hat es so
       viele Frauen an einem Tag getroffen, und das haben die Leute als Angriff
       empfunden.
       
       ## [3][Die Situation ist inakzeptabel] 
       
       Ich habe in den sozialen Medien gesehen, dass Frauen zu weiteren
       Demonstrationen aufgerufen haben. Die meisten davon waren Afghaninnen im
       Ausland, Frauen hier im Land haben die Protestaufrufe nur unter engen
       Freunden geteilt.
       
       Ich habe mich entschieden, teilzunehmen, weil wir den Taliban zeigen
       müssen, dass sie so nicht weitermachen können und ihre Gesetze ändern
       müssen. Natürlich möchte ich nicht, dass Menschen bei den Demonstrationen
       getötet werden, aber [4][die Situation ist inakzeptabel.] 
       
       Als ich gesehen habe, wie in der Stadt überall Bewaffnete und Fahrzeuge
       stationiert wurden, habe ich schon befürchtet, dass die Demonstration nicht
       stattfinden wird; tatsächlich habe ich von eine der Organisatorinnen dann
       gehört, dass sie abgesagt wird. Sie klang sehr verängstigt.
       
       Ich organisiere Unterricht für Mädchen, die regulär keine höhere Schule
       mehr besuchen dürfen. Weil die Überwachung in einigen Stadtvierteln derzeit
       so streng ist, habe ich meine Klassen abgesagt, bis sich die Situation
       wieder etwas beruhigt. Das könnte noch einige Wochen dauern, aber ich
       möchte meine Schülerinnen nicht gefährden, obwohl sie sehr frustriert
       dadurch sind. Leider kann ich den Unterricht bis dahin nicht online
       anbieten, weil wir Mädchen aus armen Familien unterrichten, die nicht immer
       Zugang zum Internet haben.
       
       ## Einfach nur weg?
       
       Besonders schockiert bin ich darüber, wie sehr sich die Straßen seit den
       Vorfällen in Herat auch hier in Kabul verändert haben. In meiner
       Nachbarschaft gehen derzeit viele Frauen morgens raus, weil sie sich dann
       sicherer fühlen.
       
       Auch ich habe tagelang vermieden, das Haus zu verlassen, weil sich meine
       Familie Sorgen gemacht hat. Als ich dann für einige Erledigungen in einer
       weiten, farbigen Tunika auf die Straße gegangen bin, hat mich ein Talib im
       Vorbeigehen als schamlos bezeichnet, und ich habe gelacht. Allerdings habe
       ich Angst, dass immer mehr Menschen unter ihrem Einfluss selber werden wie
       sie. Mir ist aufgefallen, dass die Taliban schon vor einigen Wochen mehr
       Checkpoints aufgestellt haben und die Stadt strenger bewachen.
       
       Viele Leute vertrauen niemandem mehr oder haben sich mit der Situation
       abgefunden, da sie auch in den vergangenen Jahrzehnten gelitten haben und
       es derzeit nur eine weitere schwierige Lage für sie ist. Die meisten wollen
       einfach nur das Land verlassen. Ich aber möchte nicht weggehen, sondern
       nach Lösungen suchen. Ich glaube, dass ich hier mehr bewirken kann als im
       Ausland.
       
       Was mir Hoffnung macht, ist, dass Frauen sich gegenseitig mehr unterstützen
       als früher. Die Situation ist unglaublich frustrierend, aber ich glaube,
       dass wir durch diese Erfahrung noch mutiger, kreativer und umsichtiger
       werden.
       
       Protokoll: Nabila Lalee
       
       22 Jun 2026
       
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