# taz.de -- Afghanisches Regime wird hoffähig: Taliban ante portas in Brüssel
> Die EU-Kommission strebt nach deutschem Vorbild eine
> Abschiebevereinbarung mit dem afghanischen Taliban-Regime an. Dieses ist
> bisher nicht anerkannt.
(IMG) Bild: Das afghanische Generalkonsulat in Bonn-Ückesdorf noch mit der früheren Nationalflagge
Gefährdete Menschen gegen ihren Willen nach Afghanistan zurückzuführen,
widerspreche völkerrechtlichen Kernprinzipien. [1][Das erklärte der
UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk], Ende voriger Woche. „Ich
appelliere eindringlich an die Staaten, ihren völkerrechtlichen
Verpflichtungen nachzukommen und Afghanen zu schützen, indem sie keinerlei
Maßnahmen ergreifen, die diese bei ihrer Rückkehr irreparablen Schäden
aussetzen.“
Türks Warnung richtet sich an keine konkreten Staaten. Aber sie kommt zu
einer Zeit, in der die Europäische Union (EU) die Arbeit an einer
Abschiebevereinbarung mit dem Taliban-Regime in Afghanistan forciert.
Details lässt Brüssel nur scheibchenweise nach draußen.
Im Oktober 2025 hatten 19 der 27 EU-Staaten sowie Norwegen per gemeinsamem
Brief EU-Migrationskommissar Magnus Brunner aufgefordert, das
Rückführungsverbot nach Afghanistan aufzuheben und für mehr Abschiebungen
dorthin zu sorgen. [2][Besonders Druck macht eine Fünfergruppe, zu der
Deutschland gehört.]
Im Januar reiste [3][eine Delegation hoher belgischer und EU-Beamter] nach
Kabul. Erst Anfang Mai bestätigte ein Sprecher Medienberichte, dass
überhaupt Abschiebegespräche in Brüssel geplant sind, und ein paar Tage
später, dass die Einladung an die Taliban bereits abgeschickt worden sei.
## Brüssel nennt kaum Details
Dafür hatte die EU-Generaldirektion Migration und Inneres in Kooperation
mit Schwedens Justizministerium gesorgt. Denn Sondervisa für die
diplomatisch nicht anerkannten Taliban muss ein EU-Mitgliedsland
beantragen. Die Fragen, wer die Reisekosten der Taliban bezahlen werde
sowie nach einem konkreten Datum blieben unbeantwortet. Medien berichteten
von „vor dem Sommer“ und von „Juni“.
Taliban-Delegationen hatten zuvor schon die Schweiz und [4][zweimal
Österreich besucht], zuletzt im Februar. Diese Delegation leitete dem
Vernehmen nach Abdul Kahar Balchi, Sprecher des Taliban-Außenministeriums.
Das soll auch in Brüssel der Fall sein, so das auf EU-Politik
spezialisierte Mediennetzwerk [5][Euractiv]. Balchi ist einer der wenigen
fließend Englisch Sprechenden bei den Taliban. [6][Er wuchs laut dortigen
Medien in Neuseeland auf] und schloss sich dann Afghanistans damaligen
Aufständischen an.
Für den von Brüssel angestrebten Deal mit den Taliban dient Deutschland als
Vorbild. Nach der zweiten direkten Sammelabschiebung nach Kabul Ende April
[7][hieß es aus Berlin], „Grundlage dieser Maßnahme ist die Vereinbarung
des Bundesinnenministeriums mit der De-facto-Regierung Afghanistans zu
regelmäßigen Abschiebungen“. Welchen konkreten Inhalt diese Vereinbarung
hat und welche eventuellen Gegenleistungen die Bundesregierung dafür
erbrachte, erklärte sie bisher nicht.
Zudem [8][drängte sie den bisherigen afghanischen Botschafter zum
Rücktritt] und akkreditierte mindestens zwei Taliban-Diplomaten, [9][die
inzwischen die Kontrolle über die afghanische Botschaft in Berlin und das
Generalkonsulat in Bonn übernommen haben].
Ursprünglich sei die Brüssel-Reise der Taliban schon für März geplant
gewesen. Warum das nicht zustande kam, verdeutlicht eine gemeinsame
Recherche, die [10][der NDR] und [11][die österreichische Tageszeitung Der
Standard] am Mittwoch veröffentlichten.
## Taliban wollen in jeden EU-Staat einen Diplomaten schicken
Demzufolge verlangen die Taliban, dass alle beteiligten Staaten mindestens
jeweils einen ihrer Diplomaten einreisen lassen, so wie es Deutschland und
das Nicht-EU-Land Norwegen bereits erlaubten. Etwa Belgien und Österreich
dürften hiermit Probleme haben, da dort noch Botschafter*innen
amtieren, die die Vorgängerregierung benannte. Im Gegensatz zu Berlin
akzeptierte Wien bisher nicht die Taliban-Abberufung der dortigen
Botschafterin.
Wie die Bundesregierung bestand der EU-Sprecher darauf, dass es um ein
Treffen „auf technischer Ebene“ gehe und es „keineswegs eine Anerkennung“
des Taliban-Regimes darstelle. Die EU-Staaten sind an die Europäische
Menschenrechtskonvention gebunden, die Folter und unmenschliche Behandlung
untersagt.
Letzte Woche „bedauerte“ das EU-Parlament in einer [12][Erklärung] mit 480
Ja-Stimmen, 5 Gegenstimmen und 83 Enthaltungen die Einladung der Taliban
und forderte von EU-Kommission und Mitgliedstaaten, das Taliban-Regime
weiterhin nicht anzuerkennen. (mit afp)
27 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.ohchr.org/en/press-releases/2026/05/turk-states-must-halt-involuntary-returns-afghanistan
(DIR) [2] /Migrationspolitik-in-der-EU/!6121654
(DIR) [3] /EU-Abschiebevereinbarung-mit-den-Taliban/!6149432
(DIR) [4] /Abkommen-fuer-Abschiebungen/!6177099
(DIR) [5] https://www.euractiv.com/news/taliban-envoy-abdul-qahar-balkhi-to-lead-delegation-to-brussels/
(DIR) [6] https://www.stuff.co.nz/national/300475970/senior-taliban-spokesman-a-former-new-zealand-resident
(DIR) [7] https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2026/04/massnahme.html
(DIR) [8] /Wohl-wegen-deutscher-Abschiebeplaene/!6047239
(DIR) [9] /Konsuln-der-Taliban/!6098868
(DIR) [10] https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr/taliban-eu-diplomaten-abschiebungen-100.html
(DIR) [11] https://www.derstandard.at/story/3000000322177/taliban-wollen-europa-unter-druck-setzen-abschiebungen-im-tausch-gegen-botschaftsposten
(DIR) [12] https://swedenherald.com/article/harsh-criticism-of-taliban-meeting-in-eu-as-complicity
## AUTOREN
(DIR) Thomas Ruttig
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