# taz.de -- AfD-Parteitag in Erfurt: Es klingelt an zehntausend Türen
       
       > Wochenlang klingeln Antifaschist:innen an Haustüren, bevor die AfD
       > ihren Parteitag in Erfurt abhält. Die Frage: Was halten Sie von der AfD?
       
 (IMG) Bild: Louisa von Freytag Löringhoff und Fabian Grötzsch bei Nachbarschaftsgesprächen in Erfurt-Rieth
       
       Eine grimmige Bulldogge, daneben der Spruch: „Überleg, ob du mich wirklich
       wecken willst.“ Lola Mehring tritt auf die Fußmatte mit diesem Motiv,
       klingelt, tritt zurück und wartet. Ein Klicken, die Tür öffnet sich ein
       Stück, ein hagerer Mann mit Kaffeetasse öffnet. „Hi, wir sind Lola und
       Michel und wir führen gerade Nachbarschaftsgespräche. Sie haben sicherlich
       mitbekommen, dass am 4. Juli die AfD ihren Parteitag hier in Erfurt
       abhalten möchte. Was halten Sie davon?“
       
       Der Mann schaut die beiden verständnislos an. Blickt auf die Tasse in
       seiner Hand. Dann wieder auf die zwei Menschen in seinem Hausflur. „Ah ja,
       ich weiß, wer ihr seid“, sagt er dann. „Super Sache, aber dafür habe ich
       gerade keine Zeit.“ Er drückt die Tür zu. Wieder kein Glück.
       
       Lola Mehring und Michel Schlichtenberger führen antifaschistische
       Haustürgespräche. Heute, am 6. Juni, haben sie und circa 40 andere
       Aktivist*innen sich das Ziel gesetzt, die 10.000-Türen-Marke zu
       knacken. Bis zum Parteitag wollen sie 60.000, also die Mehrheit der
       Erfurter Haushalte, besuchen. In der Löbervorstadt sind ihre Hauptgegner
       Zeit und Desinteresse. Die Bewohner*innen der Jugendstilhäuser, mit
       Familienautos auf dem Parkplatz und Kinderwägen im Hausflur, haben bei der
       letzten Kommunalwahl mehrheitlich CDU gewählt, die AfD liegt hier hinter
       der SPD. Viele Anwohner*innen sind sich einig, dass etwas gegen die AfD
       unternommen werden müsste. Sie reden mit ihren Nachbarn und Freund*innen
       darüber, nur um bei der nächsten Wahl den blauen Balken wieder wachsen zu
       sehen.
       
       Mehring und Schlichtenberger sind Teil des Aktionsbündnisses „Widersetzen“.
       Haustürkampagnen, Stadtteilfeste und Infostände – alles, um gegen die AfD
       zu mobilisieren, die am 4. und 5. Juli in der Messe Erfurt ihren Parteitag
       veranstaltet. Das wollen die Aktivist*innen verhindern, durch Blockaden
       der Zufahrtswege, und dafür brauchen sie vor allem eins: Menschen, die mit
       ihnen auf die Straße gehen.
       
       Widersetzen entstand nach der [1][Correctiv-Recherche], welche die
       „Remigrationspläne“ führender AfD-Mitglieder und Rechtsextremer öffentlich
       machte. Massenproteste folgten und mit ihnen die Idee einer kleinen Gruppe
       Aktivist*innen, zivilen Widerstand zu leisten.
       
       Den ersten Auftritt hatte Widersetzen beim Parteitag der AfD in Essen 2024,
       die Partei konnte erst eine halbe Stunde später starten als geplant. Die
       Aktivist*innen nutzten die Erlebnisse, um interne Strukturen auszubauen
       und erste Stadtgruppen zu gründen. Bundesweit vernetzte Arbeitsgruppen
       sorgen für den Austausch, Ortsgruppen, organisieren lokal Unterstützung, um
       bei den entscheidenden Protesttagen zusammenzukommen. Auch in Riesa, am 11.
       Januar 2025, und am 29. November in Gießen störte die Bewegung wichtige
       AfD-Treffen und nutzte jede Aktion, um weiterzuwachsen.
       
       Erfurt soll die vierte und größte Blockade von Widersetzen werden, denn
       gerade dieser AfD-Parteitag ist stark aufgeladen. Am 4. Juli vor hundert
       Jahren traf sich die NSDAP im nahen Weimar zu ihrem zweiten
       Reichsparteitag, Thüringen galt den Nazis als „[2][Muster-Gau]“. Im
       nahegelegenen Buchenwald wurden ab 1937 über 56.000 Menschen ermordet.
       Björn Höcke, Fraktionsvorsitzender der Thüringer AfD und studierter
       Geschichtslehrer, wurde mehrfach wegen verbotener SA-Parolen verurteilt. An
       eine zufällige Überschneidung der Daten glaubt im Bündnis niemand.
       
       Lola Mehring ist Studentin und kommt eigentlich aus der Klimabewegung.
       Anlässlich des Parteitags in Erfurt engagiert sie sich zum ersten Mal bei
       Widersetzen. Wenn es um die AfD geht, nutzt sie große Worte: faschistische
       Partei, ziviler Widerstand, Demokratie. Fast wirkt sie in diesen Momenten
       wie eine Linken-Politikerin auf Wahlfang, mit „Love is the Message“-Beutel
       über der Schulter und schier endloser Energie für Diskussionen. Doch immer
       wieder schimmert auch etwas anderes durch. Wenn die Menschen ihr von ihren
       Problemen erzählen, nickt Mehring, fragt nach und hört aufmerksam zu.
       
       ## „Gut für uns Ausländer“
       
       Auch Mehring macht sich Sorgen. Sorgen um ihre Familie. Die 24-Jährige
       kommt ursprünglich aus Sachsen-Anhalt. Dort stehen im September
       Landtagswahlen an und die AfD hat Chancen auf die absolute Mehrheit.
       Mehrings Mutter lebt dort, auch ihr junger Bruder. „Wenn die AfD an die
       Macht kommt, wird den beiden ein Teil ihrer Freiheit genommen. Ihre Rechte
       als Frau werden beschränkt, seine Rechte auf Bildung. Genau das wollen die
       in Erfurt planen“, sagt Mehring in einem ruhigen Moment und muss bei dem
       Gedanken schlucken. An den Haustüren erzählt sie das nicht.
       
       „Im letzten Jahr war ich in einem krassen Ohnmachtsgefühl gefangen“, sagt
       Lola Mehring. „Auf Demos hatte ich immer einen empowernden Moment. Aber
       dann kam ich nach Hause, scrollte auf Instagram und alles fühlte sich
       genauso scheiße an wie vorher.“ Anfang des Jahres ging sie erstmals auf ein
       Treffen von Widersetzen. Sie kam direkt mit konkreten Aufgaben nach Hause,
       um die Widersetzen-Struktur in Erfurt aufzubauen. „Seitdem habe ich mich
       nicht ein Mal ohnmächtig gefühlt.“ Und seitdem klingelt Mehring jede Woche
       an Haustüren.
       
       Es ist der 20. Juni, die Sonne scheint auf den aufgeheizten Betonplatz, der
       von Wohnblöcken eingekreist ist. Die Plattenbausiedlung Erfurt-Rieth im
       Norden der Stadt ist eines dieser Viertel, die als „sozial schwach“
       stigmatisiert werden, obwohl der treffendere Begriff wohl „politisch
       vernachlässigt“ wäre. Hier holte die AfD bei den letzten Kommunalwahlen 30
       Prozent und wurde stärkste Kraft, der Ausländeranteil ist deutlich höher
       als im Stadtdurchschnitt. Das Thermometer zeigt 34 Grad, „Bella Ciao“ tönt
       aus dem kleinen Pavillon der Widersetzen-Ortsteilgruppe.
       
       Louisa von Freytag Löringhoff spielt auf ihrer Akustikgitarre, singt dabei,
       während die Menschen in den wenige Meter entfernten Rewe strömen. Nach
       einigen kurzen Reden geht es für Freytag Löringhoff und Fabian Grötzsch
       wieder in die aufgeheizten Häuserblöcke, Gespräche führen.
       
       ## Die Blockade polarisiert
       
       Elf Stockwerke, fast neunzig Wohnungen, vier Aufgänge. Eine Wohnscheibe
       durchzuklingeln ist keine schnelle Aufgabe. Sobald jemand öffnet, hat die
       Person schon einen Flyer in der Hand. „Wir sind von Widersetzen und stellen
       uns dem AfD-Parteitag in den Weg. Was ist Ihre Meinung zur AfD?“, sagt
       Freytag Löringhoff. Der Mann mit Rasierschaum im Gesicht braucht einen
       Moment, um sich zu sammeln. „Gut für uns Ausländer. Also dass ihr euch
       dagegenstellt“, sagt er. Er sei Apotheker, stamme aus Syrien und schaue
       mal. Wenn er am 4. Juli da sei, komme er vorbei.
       
       Viele Türen öffnen sich gar nicht, andere schließen sich schnell. Doch
       gelegentlich entwickelt sich ein Gespräch. „Also, ich sag’ euch ehrlich,
       ich habe die AfD gewählt“, sagt eine Anwohnerin. Alle zwanzig Sekunden
       gehen die Lampen im Hausflur aus und das Licht findet nur spärlich seinen
       Weg in den Treppenaufgang ohne Fenster. „Alles wird teurer, ich gehe
       arbeiten und muss trotzdem einen Haufen Abgaben zahlen“, sagt die Frau.
       Freytag Löringhoff nickt. „Ich stimme Ihnen in vielen Punkten zu, aber die
       AfD wird nichts davon besser machen.“ In zwei Stunden klingelt die
       Aktivistin 87 Wohnungstüren ab und führt 12 Gespräche – das mit der
       AfD-Wählerin zählt dazu. „Selbst wenn wir ihre Meinung nicht geändert
       haben, ist es essenziell, um die Denkweise jedes Einzelnen zu kämpfen. Am
       Ende hat sie sogar zugestimmt, dass die AfD keine echte Alternative ist“,
       sagt Freytag Löringhoff.
       
       [3][Fünf Blockadezüge] sollen am 4. Juli aus unterschiedlichen Richtungen
       die Zufahrtswege zur Erfurter Messe blockieren. Doch es ist die Vorarbeit,
       die über den Erfolg entscheidet. Aktionstrainings, juristische Beratung,
       Planungskonferenzen, dazu die Haustürgespräche und Stadtteilfeste. Als
       Vorbild dient für all das „Dresden Nazifrei“ 2010, als die Zahl und
       Vielfalt der Gegendemonstrant*innen eine Räumung der Blockade
       unverhältnismäßig machte.
       
       Was die Aktivist*innen planen, polarisiert. Die AfD genießt wie jede
       nicht verbotene Partei Versammlungsfreiheit, die Thüringer Polizei hat
       deshalb angekündigt, den Parteitag störungsfrei zu ermöglichen. Widersetzen
       hält dagegen, dass die AfD eine faschistische Partei sei, die gestoppt
       werden müsse. Der Thüringer Landesverband gilt seit 2021 als gesichert
       rechtsextrem, über die Bundespartei wird noch verhandelt. Ein Parteiverbot
       bräuchte den politischen Willen von Bundestag, Bundesrat oder
       Bundesregierung – der bisher fehlt. Ein Gutachten der Gesellschaft für
       Freiheitsrechte hält ein Verbotsverfahren für aussichtsreich.
       
       ## „Von uns geht keine Eskalation aus“
       
       Die AfD aber wehrt sich. Der Bundestagsabgeordnete Torben Braga erstattete
       Anzeige gegen einen Widersetzen-Sprecher wegen Nötigung und
       Landfriedensbruchs, die Staatsanwaltschaft sah jedoch keinen
       Ermittlungsgrund. Björn Höcke prognostiziert unterdessen
       „bürgerkriegsähnliche Zustände“ fürs Parteitagswochenende.
       
       Der Spiegel titelte kürzlich „Polizei warnt vor Gewaltexzess“ – die
       Thüringer Polizei selbst schreibt auf ihrer Website hingegen, es lägen
       „keine konkreten Hinweise auf gewalttätige Aktionen vor“. Widersetzen
       betont die friedliche Absicht des Bündnisses. „Wir haben einen
       Aktionskonsens, darin steht klar: Von uns geht keine Eskalation aus“, sagt
       Lola Mehring.
       
       Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) rechnet mit bis zu 50.000
       Protestierenden. Neben Widersetzen mobilisiert auch das Bündnis
       Zusammenstehen.
       
       In der Erfurter Löbervorstadt finden Lola Mehring und Michel
       Schlichtenberger vor allem leere Wohnungen vor. Im Hausflur treffen sie
       zwischen Spielzeugbagger und Kinderwagen die Mieterin Franziska Eckard. Am
       4. Juli sei AfD-Parteitag, wie sie das fände. Eckard schüttelt den Kopf und
       sagt: „Ich merke immer mehr, dass ich privilegiert aufgewachsen bin. In
       meiner Kindheit war Demokratie noch selbstverständlich.“ Sie schaue gern
       bei einer anderen Aktion vorbei.
       
       Am Ende dieses sechsten Juni steht der Zähler bei 10.047 Türen.
       
       3 Jul 2026
       
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