# taz.de -- Fußball und Missionierung: Jubeln für Gott
> Der Torjubel als Missionarsarbeit: Evangelikale Netzwerke nutzen die
> Strahlkraft des Profifußballs, um Jugendliche für ihren Glauben zu
> gewinnen.
(IMG) Bild: Ja, ist der Fußballgott denn taub?
Nach einem Tor gehört der Moment dem Schützen. Dabei spielt es keine Rolle,
ob die Kugel nach einer Traumvorlage aus fünf Metern ins leere Tor
geschoben wurde oder aus dreißig Metern sehenswert in den Maschen
einschlug. Kameras und Blicke richten sich auf den Jubler.
Früher hopsten sie nach einem Treffer meist durch die Luft oder reckten
eher unbeholfen die Hände hoch – oder wie der traditionelle Fußballfan
sagen würde: „Sie zeigten ehrliche Emotionen.“ Moderne Fußballer*innen
nutzen den Torjubel dagegen immer öfter zur Präsentation ihrer Selbst als
Marke. So entstanden ikonische Jubelposen: Cristiano Ronaldo springt in die
Luft, dreht sich um die eigene Achse und landet mit dem lauten Ruf „Siuuu“,
in den inzwischen das ganze Stadion einstimmt. Der französische Stürmer
Kylian Mbappé verschränkt dagegen beide Unterarme vor der Brust und streckt
die Daumen nach oben.
Auch das Beten nach einem Tor ist längst keine Seltenheit mehr. Spieler wie
Mohamed Salah oder Lionel Messi tun dies. Neu ist eine Form des Torjubels,
die den eigenen Glauben öffentlich vermitteln will. Der Jubel als
Missionarsform. Fußballer*innen wie Felix Nmecha, Maxence Lacroix oder
Giovanna Hoffmann zeigen nach ihren Treffern eine feste Folge von Gesten:
Zuerst kreuzen sie die Arme zu einem X. Dann legen sie eine Hand aufs Herz.
Danach formen sie das Unendlichkeitszeichen. Schließlich zeigen sie mit dem
Zeigefinger zum Himmel. Jede dieser Gesten steht für einen Teil des
Bibelverses Johannes 3,16: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er
seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht
verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ Was steckt dahinter? Gilt dieses
Versprechen tatsächlich für jede und jeden, der an Jesus glaubt?
Dieser Torjubel geht auf die Kampagne „Jesus my Goal“ zurück. Die
gleichnamige Instagram-Seite hat derzeit rund 373.000 Follower*innen. Dort
wird detailliert erklärt, was genau zu tun ist. Jeder darf mitmachen – egal
ob im Stadion, in der Kreisliga oder auf dem Bolzplatz. Die Kampagne
startete kurz vor der Weltmeisterschaft und ging aus dem Verein Fußball mit
Vision hervor.
## Ruf der Berufenen
"Fußball mit Vision" ist ein konfessionsübergreifender und gemeinnütziger
Verein, der 2019 vom ehemaligen Profifußballer Manuel Bühler ins Leben
gerufen wurde. Zunächst entstand das Projekt als Initiative der
christlichen Organisation "Sportler ruft Sportler" (SRS e. V.), bei der
Bühler als Mitarbeiter tätig ist. Zum siebenköpfigen Gründungsteam gehören
neben Bühler aktive und ehemalige Profis wie Felix Uduokhai, der für
Beşiktaş Istanbul spielt, und Eduard Löwen, der für St. Louis City
aufläuft.
Der Verein bietet „Begleitung“ im Profi- und Nachwuchsbereich an. Dazu
zählen persönliches Mentoring, Vernetzung sowie regelmäßige Angebote wie
Online-Gottesdienste, Bibelkreise und Gebetstreffen. Auf Instagram hat der
Verein inzwischen rund 76.000 Follower*innen. Dort veröffentlicht er Bilder
und Kurzvideos von Spieler*innen, die sich öffentlich zu ihrem christlichen
Glauben bekennen. Diese müssen nicht Teil des Vereins sein. So teilte der
Account etwa ein Video des spanischen Nationalspielers Ferran Torres, in
dem er nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft in einem Fernsehinterview
seinen Glauben erwähnt.
Zur Europameisterschaft 2024 in Deutschland startete Fußball mit Vision
eine Videokampagne. Darin sprechen Profis wie Davie Selke, Melanie
Behringer, Maxence Lacroix, Giovanna Hoffmann oder Felix Nmecha jeweils
rund sechs Minuten über ihre persönliche Beziehung zu Gott. Die Videos
wurden bei Public Viewings, Jugendgruppen und Privatveranstaltungen in der
Halbzeit von EM-Spielen eingespielt. Im Zuge der „Jesus my Goal“-Kampagne
wurden sie erneut hochgeladen.
Darüber hinaus werden Schulbesuche organisiert. Häufig führt der Gründer
Manuel Bühler sie selbst durch. Bei diesen Veranstaltungen stellt Bühler
Fragen wie: „Wer oder was gibt dir deinen Wert?“ oder „Wofür lohnt es sich
zu leben?“ Anschließend berichtet er von seinem persönlichen Lebensweg, von
sportlichen Erfolgen und Krisen. Er erläutert, welche Bedeutung sein Glaube
für die Bewältigung dieser Erfahrungen hatte. Per Videocall kann ein
Spieler, eine Spielerin zugeschaltet werden, um Fragen zu beantworten. Zum
Schluss erhalten alle Teilnehmenden eine sogenannte Kickerbibel: eine
Broschüre mit Glaubenszeugnissen von Fußballprofis sowie dem Neuen
Testament, teils mit persönlichen Signaturen.
Die Zielgruppe ist klar: Angesprochen werden vor allem fußballbegeisterte
Jugendliche, die für den christlichen Glauben gewonnen werden sollen. Die
nötigen Strukturen entstehen durch Schulbesuche und in den
Nachwuchsleistungszentren der Profivereine. Christian Köppel, U16-Trainer
des FC Augsburg, gehört zum Team von Fußball mit Vision. Enrico Valentini,
U14-Trainer des 1. FC Nürnberg, ist Mitgründer des Netzwerks. Melanie
Behringer, U19-Nationaltrainerin der Frauen, wirbt als assoziierte
Teilnehmerin für die Organisation. Und Pierre de Wit, Nachwuchsleiter bei
Alemannia Aachen, ist über die Freikirche Köln-Ostheim mit dem Netzwerk
vernetzt.
## Soso, Suso
Die queerfeindliche Freikirche unterstützte Fußball mit Vision während der
EM. Gründer Bühler tritt als reisender Prediger und aktiver Missionar auf.
Dabei bindet er gezielt Sportler in die Gemeinde ein. So kontaktierte er
etwa Nachwuchstalent Sima Suso, da dieser einen Bibelvers in seiner
Instagram-Biografie stehen hatte, und lud ihn zu einem Online-Gottesdienst
und später in die Freikirche Köln-Ostheim ein. Gemeinsam mit Pastor André
Töws, Bühler und Suso im Dezember 2024 – Suso, der zurzeit beim FC Augsburg
spielt, ist mittlerweile fester Teil des Teams von Fußball mit Vision.
Töws vertritt in seinen Predigten konservative bis fundamentalistische
Positionen zu Sexualität und Geschlechterrollen. Er spricht von „sexuellen
Sünden“, durch die Menschen „ihren Körper untereinander schänden“, und
erklärt, Gott übergebe den Menschen dadurch „in die Unreinheit“.
Homosexualität sei „im Kern eine Sünde wie jede andere auch“. Zugleich
betont er, es gebe „Vergebung und Gnade in Jesus Christus“. Frauen sollten
sich „den eigenen Männern unterordnen“ – genau das nehme ein Mann an seiner
Frau als „attraktiv“ wahr. [1][Im Februar 2026 trat Töws von seinem Amt als
Pastor zurück].
Felix Nmecha, das bekannteste Gesicht der Bewegung, vertritt eine ähnliche
Position. Auch er nutzt den Jubel, um zu missionieren. Nach seinem ersten
Tor bei der Weltmeisterschaft im Spiel gegen Curaçao nahm er eine imaginäre
Krone vom Kopf und legte sie auf den Rasen. Die Krone gehöre nicht ihm,
sondern Jesus. Nach dem Spiel betete er mit anderen Spielern auf dem Feld.
DFB-Präsident Bernd Neuendorf begrüßte die Geste: „Die Intention, die er
damit verfolgt, die ist ja positiv. Nämlich, dass man über das
Fußballspielen hinaus für bestimmte Dinge steht, für Menschlichkeit, für
Respekt.“
Nmecha zählt zu den [2][Gesichtern von „Jesus my Goal“]. Er wirkte bei der
Kampagne zur EM 2024 mit. Damals verteilte man exklusive Autogrammkarten
mit seinem „Lieblingsbibelvers“ und einem QR-Code zum Video. Zudem ist
Nmecha Teil des internationalen Netzwerks christlicher Fußballer „Ballers
in God“, das auf Instagram und 780.000 Follower*innen zählt. Das Netzwerk
zeigt viele Parallelen zum deutschen Pendant auf. Ballers in God verbreitet
ebenfalls Videos und Fotos von betenden Fußballern, vertreibt christliche
Fanartikel und organisiert sogenannte „Retreats“ zum gemeinsamen Beten und
Fasten. Nmecha ist eines der aktivsten Gesichter der Organisation – er
predigt, tritt im Podcast auf, modelt für Merchandise, initiierte die
WM-Kampagne „The King’s Return“ und bezeichnet den Gründer John Bostock als
seinen Mentor.
Seine Bestimmung? Nmecha selbst sagt: „Mein Ziel ist es, Menschen zu lieben
und die Wahrheit zu teilen.“ In dieser Wahrheit spielen Frauenrechte und
LGBTQ+-Rechte keine Rolle. 2023 teilt er auf Instagram ein Video des
Rechtspopulisten Matt Walsh. Darin kritisiert Walsh einen Vater, der über
sein trans Kind spricht, und unterstellt ihm, die Situation bewusst
herbeigeführt zu haben. Außerdem verbreitete Nmecha einen Beitrag, der die
Pride-Bewegung mit dem Teufel gleichsetzt.
## Ambivalentes Postingverhalten
Nach seinem Wechsel vom VfL Wolfsburg zu Borussia Dortmund und der
aufkommenden Kritik distanzierte er sich: „Ich stimme mit den meisten
Aussagen von Walsh nicht überein.“ Homophob oder transphob sei er „nicht
mal annähernd“. Gott liebe alle, betont er, und fügt hinzu: „Ich bin
Christ, aber ich liebe alle Menschen und diskriminiere niemanden.“ Später
erklärt er, die Beiträge seien „aus dem Kontext gerissen“ worden.
Im September 2025, nach dem Mord am rechten US-Populisten Charlie Kirk,
[3][schrieb Nmecha auf Instagram]: „Ruhe in Frieden bei Gott. So ein
trauriger Tag.“ Kirk habe „friedlich für seine Überzeugungen eingestanden“.
Kurz darauf löscht er den Beitrag. Ein TikTok-Video während der
Klub-Weltmeisterschaft zeigt Nmecha mit dem frauenfeindlichen Buch
„Understanding the Purpose and Power of Women“ des queer- und
frauenfeindlichen Predigers Myles Munroe.
Das Schema bleibt gleich. Nmecha postet etwas. Der DFB oder der BVB
reagieren, kündigen Gespräche an, und der Spieler nimmt Stellung. Im
„Ballers-in-God-Podcast“ sagte Nmecha: „Ich glaube, ich bin in einer Phase,
in der ich wirklich möchte, dass ich Weisheit und Wahrheitsvermittlung in
Einklang bringe. Insbesondere bei bestimmten, etwas heikleren Themen glaube
ich, dass Gott mir hilft, weise zu sein und gleichzeitig die Wahrheit zu
teilen.“
Welche Themen das sein könnten, weiß nur Gott allein.
9 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.idea.de/evangelische-freikirche-koeln-ostheim-toews-tritt-zurueck/
(DIR) [2] https://www.instagram.com/jesusmygoal/
(DIR) [3] https://www.t-online.de/sport/fussball/bundesliga/id_100910534/charlie-kirk-bvb-star-nmecha-trauert-um-us-aktivisten.html
## AUTOREN
(DIR) Rico Setz
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