# taz.de -- Bekenntnis eines WM-Boykotteurs: WM? Ohne mich!
> Unser Autor ist Fußballfan und brennt für seinen Verein. Mit dieser
> Fifa-WM will er nichts zu tun haben. Aber das ist gar nicht so einfach.
(IMG) Bild: Besser als jede WM: Fankultur bei der BSG Chemie Leipzig
Fünfzehn Minuten vor Anpfiff stehe ich auf und gehe. Beim Public Viewing
einer Bar im Leipziger Westen ist die Vorfreude auf das letzte Gruppenspiel
der deutschen Nationalmannschaft auf ihrem Höhepunkt. Weiße Trikots, blaue
Trikots, kühle Getränke, Diskussionen über die Aufstellung. Zwei junge
Männer laufen vorbei und lassen ihre Blicke über die Tische schweifen. „Da
ist auch nichts frei“, sagt einer verzweifelt.
Freund:innen von mir sitzen in der ersten Reihe vor dem Bildschirm.
„Willst du nicht doch mit uns gucken?“ Kopfschüttelnd gehe ich schnell,
bevor ich es mir anders überlege. Ich liebe Fußball und schaue deshalb kein
einziges Spiel dieser WM. [1][Bei den absurden Ticketpreisen], extra
Werbepausen und diesem kriecherischen Fifa-Friedenspreis habe ich mich zum
Boykott entschieden. Auf dem Heimweg höre ich Jubel aus offenen Fenstern.
Das erste Tor? Ich will mein Handy aus der Tasche holen, kann mich aber
beherrschen.
Normalerweise würde ich zurzeit jeden Morgen damit beginnen, [2][die
Ergebnisse der Spiele] durchzugehen, die ich nicht eh schon gesehen habe.
Hat eins der Debüt-Teams einen Favoriten geärgert? Was lässt sich aus den
Gruppenspielen über die K.-o.-Runde ablesen? Statistik hier,
Zusammenfassung da. Aber beim Gedanken daran, wie das Profitstreben den
Fußball verändert, vergeht mir die Lust.
So ist das im Kapitalismus, könnte man sagen. Auch bei dem Verein in der
Regionalliga Nordost, den ich ansonsten unterstütze, geht es nicht nur
darum, die eigenen Kosten zu decken. Um in der Liga zu bestehen, will und
muss [3][die BSG Chemie Leipzig] investieren, zuletzt etwa in ein neues
Funktionsgebäude.
In der vergangenen Saison war jedes Heimspiel ausverkauft, trotz des zähem
Abstiegskampfs. Die ersten sechs Spiele: alle verloren. Am Ende hat es
knapp für den Klassenerhalt gereicht. Letzte Woche habe ich meine
Dauerkarte für die nächste Saison gekauft. Auch da ist der Preis gestiegen:
etwa 200 Euro. Dafür kann man bei der WM in Nordamerika gerade so parken.
## Peinlicher als manche Schwalbe
Bei der WM sind es nicht nur die astronomischen Ticketpreise. Mit den
eingeführten Werbepausen verändert die Fifa ganz konkret den Fußball, um
mehr Geld zu verdienen. Dass der Fußballverband versucht, die als
Trinkpausen zum Wohl der Spieler zu verkaufen, ist peinlicher als so manche
Schwalbe. Zumal die Spielergesundheit etwa bei steigender Zahl der
Begegnungen offenbar nicht so wichtig ist.
Fifa-Chef Gianni Infantino behauptet zwar, das ganze Geld für die Tickets
fließe zurück in den Fußball. Nur: Ist das dann noch der Sport mit dieser
verbindenden Kraft? Vom Glanz der WM profitierten zuletzt vor allem jene,
die ausschließen und unterdrücken. Ob Russland, Katar oder nun der
rechtsextreme US-Präsidenten Donald Trump, sie können mit den positiven
Bildern von den Schrecken ablenken, die sie ansonsten so kreieren.
Inwiefern das demokratische Länder sind, ist dabei völlig egal.
Trotz der belastenden Umstände fiel mir der Boykott in den ersten Tagen der
WM besonders schwer. Wie weit treibt man es da eigentlich? Muss ich um den
Optiker an der Ecke einen Bogen machen, weil er Deutschlandfahnen und den
aktuellen WM-Ball im Schaufenster hat? Und was macht Mensch an einem
verregneten Sonntagabend um 19 Uhr, außer Fußball zu gucken? Bloß nicht den
Fernseher anschalten, nicht in die Sport-App gucken, die Versuchung
kleinhalten. Zwiebeln schneiden, Essen kochen, Buch lesen.
Wie es so läuft, bekomme ich trotzdem mit. Auf Social Media, im Radio oder
den Nachrichten: Fußball. Nicht immer swipe ich vorbei oder schalte aus.
Nach jedem Deutschlandspiel taucht auf meinem Handy eine Eilmeldung auf.
Manchmal schicken Freund:innen mir kurze Nachrichten bei besonderen
Ergebnissen: Guck mal, Spanien hat gegen Kap Verde unentschieden gespielt.
So ganz ohne Macht, [4][schrieb vor ein paar Wochen der taz Kollege Peter
Unfried], bringe ein Boykott nur moralische Selbsterhöhung. Er hat schon
recht. Ob ich WM-Spiele schaue oder nicht, die mit Werbung gefüllten
„Trinkpausen“ gibt's weiterhin. Die Fifa wird weiterhin Fans mit
dynamischen Ticketpreisen ausnehmen. Aber da einfach zuzuschauen, fühlt
sich an, als toleriere ich das oder sei damit einverstanden. Bin ich nicht.
Darum bleibe ich beim Boykott.
29 Jun 2026
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(DIR) David Muschenich
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