# taz.de -- Union und Grüne: Esst mal wieder Pizza
> Schwarz-Grün? Davon wurde schon vor 30 Jahren geträumt, doch es klappte
> im Bund nie. Dabei hätte das was – wenn das Bündnis komplementär gedacht
> wird.
(IMG) Bild: Gemeinsam Pizza essen? Cem Özdemir (Grüne), Ministerpräsident von Baden-Württemberg, und sein Stellvertreter Manuel Hagel (CDU)
Wie die Boomer wissen, entstand [1][die sogenannte Pizza-Connection Mitte
der 1990er, damals noch in Bonn]. Die jungen Politiker Cem Özdemir, Peter
Altmaier, Armin Laschet, später auch Omid Nouripour und Jens Spahn, hingen
beim Italiener ab. Darüber wurde medial wie über ein Weltwunder berichtet:
Grüne und CDU essen zusammen Pizza, ja geht das denn? Dazu faselte man was
von „Versöhnung“ der Bürgereltern und Bürgerkinder. Aber man hatte halt
keine anderen Sorgen. Und dann gingen die Jahre ins Land, die „jungen
Wilden“ wurden in hohen Ämtern alt, aber Grün-Schwarz oder Schwarz-Grün im
Bund kam bis heute nicht.
Diverse Gelegenheiten wurden verspielt, 2013 wegen Jürgen Trittins
Linkskurs, 2017 als „Jamaika“ wegen Christian Lindner, 2021, weil Armin
Laschet und Annalena Baerbock eine Mehrheit vergeigten. Nun scheint die
Zeit über Grün und Schwarz als Bundesregierung hinweg, aber mangels
Alternativen gilt das plötzlich als allerletzte Patrone der klassischen
Parteiendemokratie. Oder ist es eine Platzpatrone?
Die Aufgabe ist klar. Zeigen, dass sich aus Vernunftgründen Leute von
linksemanzipatorisch bis rechtskonservativ zusammentun können, um zentrale
Zukunftsfragen voranzubringen: Bewahrung der planetarischen Grundlagen,
Geopolitik, Europa, Wirtschaft, Verteidigung – alles Fragen, die nicht mit
dem gemütlichen „rechts“ oder „links“ zu beantworten sind, wenn sie
wirklich gelöst werden sollen.
Diese beiden Begriffe werden heute in der Mediengesellschaft hauptsächlich
strategisch und emotional und selten politisch besetzt. Meist soll jemand
moralisch abgewertet werden, etwa wenn Cem Özdemir von Parteifreunden als
„rechts“ tituliert wird oder CDU-Kanzler Friedrich Merz von
rechtspopulistischen Büchsenspannern als „links“. Auch „Grün“ ist längst
ein strategisch-moralisch missbrauchter Begriff; so wird CDU-Altkanzlerin
Merkel von Konservativen und Rechtspopulisten vorgeworfen, sie sei grün,
also ganz schlimm.
## Die Kultivierung der moralischen Abwertung
Um das auf eine grün-schwarze Koalitionsperspektive zu übertragen: Die
Kultivierung des Grünenhasses durch die Union-Protagonisten Söder und Spahn
lässt eine ordentliche Zusammenarbeit als unwahrscheinlich erscheinen.
Zumindest mit diesen beiden als Protagonisten. Auf der anderen Seite steht
die Kultivierung der moralischen Abwertung von Konservativen als „Rechte“,
Rassisten, Antifeministen und anderes durch die Grüne Jugend und Teile der
Grünen. Man müsste beides bleiben lassen.
Aber wie wäre das erst, wenn Grün und Schwarz ernsthafte und ökonomisch
seriöse Zukunftspolitik machen wollten, bei ausbleibendem Wachstum und
Haushaltsdefiziten? Ein Beispiel: Was passiert, wenn ein Wirtschafts- und
Klimaminister Politik macht zum Voranbringen der postfossilen
Transformation, der Einhaltung des Pariser Klimaabkommens und der Vorgaben
des Bundesverfassungsgerichtes?
Luisa Neubauer würde vermutlich ein Protestcamp vor dem Ministerium live
auf Insta übertragen, weil ihr alles viel zu wenig ist, worauf sich eine
grün-schwarze Koalition einigen kann. Die Springer-Medien und populistische
Lobbyvertreter würden das Voranbringen einer mehrheitsgetragenen
Transformation der Wirtschaft als Deutschlands Untergang beschreien – und
die linken Oppositionsparteien und linke Medien eine neue Dimension der
„sozialen Kälte“, einer „menschenverachtenden“ Elitenpolitik. Und so
weiter. Jeder hat seine Rolle, das muss man einfach wissen.
## Die Union müsste Klimapolitik zumindest zulassen
Damit müsste die Koalition umgehen, darauf müssten die Parteien und ihre
tragenden Milieus vorbereitet sein. Damit überhaupt etwas geht, müssten
beide einsehen, dass es so nicht geht, wie sie bisher dachten. Nicht so
schnell, wie die Grünen wollten, nicht so langsam, wie die CDU. Die Union
müsste Klimapolitik zumindest zulassen, und die Grünen Dobrindts
Innenpolitik und die Untergangs- und Rassistenchöre aushalten – und nicht
mehr darin einstimmen. Man müsste sich auf eine eisenharte
Komplementärkoalition einigen (wir machen das, ihr macht das), und dann
müssten beide Koalitionspartner stehen wie eine Frau.
Ist das möglich? Man denke nur an die Wahl von Cem Özdemir zum
Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Erst versprach CDU-Chef Manuel
Hagel, man werde Özdemir „geschlossen“ wählen, weil diese grün-schwarze
Koalition für „Stabilität und Verlässlichkeit“ stehe. [2][Dann fehlten 19
von jeweils 56 Stimmen]. Auch hier sind zwei Parteiränder unzufrieden bis
unglücklich mit der Realität (es gab keine andere Möglichkeit innerhalb des
demokratischen Spektrums). Es wird sich zeigen, ob die Verantwortlichen im
Zentrum das balancieren können – und trotzdem eine Politik dabei
herauskommt, die die wirtschaftlich und finanziell dramatische Lage des
Landes wirklich verbessert und nicht nur auf gegenseitige Schuldabwälzung
und Eskapismus hinausläuft.
## Es gibt die berühmten „Schnittmengen“
Wenn man sich die Gesamtlage im Bund anschaut, gibt es sicher
Politikfelder, in denen Grün und Schwarz etwas Gemeinsames hinbekommen
können, etwa Außenpolitik, Europa, Verteidigung. Wenn man aber wirklich
handlungsfähiger werden will als die Vorgängerregierungen, dann reicht es
nicht, zwei Parteien zusammenzubringen, wie sie sind. Dann muss man die
parteiinternen, medialen, kulturellen und auch personellen Infrastrukturen
überarbeiten und damit funktionsfähig bekommen.
Ganz naiv gesagt: Es braucht zwei Protagonisten – einer grün, einer schwarz
–, denen ein relevanter Teil der gesellschaftlichen Mitte und beider
Parteien vertraut, die sich hinstellen und schon vor der Wahl sagen: Leute,
wir wollen das zusammen machen. Und wir erzählen euch jetzt auch, in welche
Richtung das gehen soll. So sieht es aus, so gehen wir es an, und wenn
morgen die nächste Krise dazukommt, dann machen wir es doch anders. Aber
die Grundlage ist: Wir meinen es ernst. Und ihr meint es auch ernst.
Das ist total unrealistisch, klar. Aber die Alternative ist sehr
realistisch, und das ist die Alternative für Deutschland.
16 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schwarz-gruene-Annaeherung/!6129392
(DIR) [2] /Ministerpraesident-in-Baden-Wuerttemberg/!6178836
## AUTOREN
(DIR) Peter Unfried
## TAGS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Wahl in Baden-Württemberg
(DIR) Cem Özdemir
(DIR) Kolumne Die eine Frage
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Kolumne Die eine Frage
(DIR) Baden-Württemberg
(DIR) Kolumne Die eine Frage
(DIR) SPD
(DIR) Kolumne Die eine Frage
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Bundestag
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Videobeweis beim Fußball: War der Ball in Wembley 1966 doch drin?
Der Videobeweis schafft die Illusion, Gerechtigkeit herzustellen. Das
verkennt völlig, wie sehr Fußball von Zufällen und Ungerechtigkeiten
abhängt.
(DIR) Neuer Job für Tübinger OB: Palmer macht den Musk
Ministerpräsident Cem Özdemir macht seinen Kumpel Boris Palmer zum Berater
für Bürokratieabbau und löst dafür ein ganzes Gremium auf. Das sorgt in
seiner Partei für Unmut.
(DIR) Fußball als Metapher: Steht unser WM-Aus für das ganze Land?
Die Aufarbeitung ist dringend nötig, aber eben fußballfachlich. Den
Scheißdreck über angeblich fehlende „deutsche Tugenden“ kann man sich
sparen.
(DIR) SPD in Baden-Württemberg: Knapp über fünf Prozent, aber zwei Vorsitzende
Die SPD in Baden-Württemberg wird künftig von einem Führungsduo geleitet.
Die neue Spitze muss die Partei aus einer tiefen Krise führen.
(DIR) Ex-Vizekanzler in Berlin: Wozu sollte Robert Habeck zurückkommen?
Wir können die Probleme nicht bearbeiten, wenn wir auf die alte Welt
bestehen. Wir können aber auch nicht in ihr weiterleben – zeigte ein Abend
mit Ex-Minister Habeck.
(DIR) Neue Jobs für Ex-MinisterInnen: Danke, Christian Lindner!
Anne Spiegel bekommt einen Versorgungsposten in Hannover, aber bei
Christian Lindner ist die Häme groß. Dabei sollte sein neuer Job Vorbild
sein.
(DIR) Schwarz-grüne Annäherung: Mit dem „Hauptgegner“ zum Italiener
Schwarz-Grün mag tot erscheinen, die Pizza-Connection macht weiter: Die
Gesprächsrunde zwischen Abgeordneten von Grünen und Union trifft sich
wieder.