# taz.de -- 250 Jahre USA: Still under construction
       
       > Der 4th of July 2026 ist für viele kein Grund zum Feiern. Die
       > Gründerväter wussten, dass es harte Arbeit für die Verwirklichung ihrer
       > Ideale braucht.
       
       Wenn man heute ältere Amerikaner fragt, woran sie sich am besten erinnern,
       wenn sie an die 200-Jahr-Feier der Unabhängigkeitserklärung vor 50 Jahren
       denken, dann werden einige vielleicht die Segelregatta historischer Schiffe
       im New Yorker Hafen nennen, die Feuerwerke in Washington über dem
       [1][Potomac] oder sogar die ordentliche, wenn auch nicht glänzende Rede des
       Übergangspräsidenten Gerald Ford. Sehr viele, wenn nicht gar die meisten
       erinnern sich jedoch an das Album und die Tournee des Comedians Richard
       Pryor mit dem Titel „[2][The Bicentennial Nigger]“.
       
       Kern der Tour war Pryors Satire einer schwarzen Predigt zum 200. Geburtstag
       der Nation. Der Prediger der Kirche „des Verständnisses und der Einheit“
       verkündet in festlichem Ton die Zusammenkunft zur Feier von „200 Jahren, in
       denen weiße Leute uns in den Arsch treten“. Sein Festgebet ist dann auch:
       „Lieber Gott, sag uns doch: Wie lange noch? Wie lange, bis dieser Bullshit
       zu Ende ist?“ Pryor wird heute dafür gewürdigt, dass er als einer der
       Ersten das Genre der Comedy politisiert hat und dabei bittere Wahrheiten
       über Amerika aussprach, die so bislang niemand zu artikulieren wagte.
       
       In diesem Fall war es, noch unter dem unmittelbaren Eindruck der Triumphe
       der Bürgerrechtsbewegung, die unbequeme Wahrheit, dass es mit dem, was wir
       heute [3][systemischen Rassismus] nennen, noch lange nicht vorbei ist. Mehr
       noch, die Predigt zum Jahrestag platzierte Rassismus ins Zentrum der
       amerikanischen Identität – ähnlich wie dies vor wenigen Jahren das
       „[4][1619 Project]“ mit seiner revisionistischen Geschichte der USA wieder
       tat.
       
       Dem entgegen steht die Rede, die US-Präsident [5][Donald Trump zur
       Eröffnung der „State Fair“ auf der National Mall] anlässlich des 250.
       Jubiläums der USA hielt. Bevor er sich in aller Breite selbst für seinen
       angeblich historischen Erfolg in Iran lobte, erwähnte er kurz die
       Unabhängigkeitserklärung der USA, in welcher die Gründerväter uns „250
       Jahre glorreicher Freiheit“ schenkten und Amerika zur „großartigsten,
       stärksten und exzeptionellsten Nation der Geschichte“ machten.
       
       ## „Alles freiheitsliebende Helden“
       
       Das Bild entspricht recht genau dem mythischen weißen
       Geschichtsverständnis, das James Baldwin 1963 etwas bissig so formuliert:
       „Die Vorfahren waren alles freiheitsliebende Helden, sie wurden in das
       großartigste Land der Geschichte hinein geboren, sie waren stets siegreich
       im Krieg und weise im Frieden.“ Kurz: Amerika war von Beginn an makellos,
       weder hatte es einen Genozid an den Ureinwohnern noch die Sklaverei
       gegeben, und wenn doch, so waren es zu vernachlässigende Betriebsunfälle.
       Eine kritische Selbstreflexion erscheint komplett überflüssig.
       
       Natürlich hat niemand ernsthaft von Trump erwartet, dass er zum [6][250.
       Jubiläum der Nation] einen kritischen Blick auf die amerikanische
       Geschichte werfen würde. Schließlich ist seine Regierung seit anderthalb
       Jahren damit beschäftigt, alles, was ein makelloses Bild von Amerika stört,
       aus Museen, Universitäten und Schulbüchern zu tilgen. Für die
       MAGA-Ideologen ist Amerika ahistorisch. Exzeptionalismus bedeutet, dass die
       USA gänzlich aus der Zeit herausgesprungen sind.
       
       Sie sind vor 250 Jahren als großartigste Nation der Welt, als Endpunkt der
       Menschheitsentwicklung vom Himmel gefallen und werden seitdem nur immer
       größer und großartiger. Der einzige Konflikt ist derjenige mit den Feinden
       Amerikas, die dieses Narrativ infrage stellen. Die amerikanische Geschichte
       vor ihnen zu schützen ist das, was mit „Make America Great Again“ schon
       immer gemeint war.
       
       Pryor und Baldwin hatten freilich ein anderes Bild von der amerikanischen
       Geschichte. Als Afroamerikaner erschien ihnen der Mythos der perfekt
       geborenen Nation natürlich absurd. Aus ihrer Perspektive blieb nur die
       Hoffnung für ihre Nachfahren, dass sich die Dinge eines Tages grundsätzlich
       zum Besseren wenden. Baldwin resümierte, er könne sich Verzweiflung
       schlicht nicht leisten. In seinem Aufsatz „A Fire Next Time“ unterstrich er
       diesen Glauben an Amerika.
       
       ## Nur nicht verzweifeln
       
       Eine Revolution zu gewinnen, so wie die Aufständischen gegen die englische
       Krone, sei weitaus einfacher, als ihre Ziele zu verwirklichen. Dennoch
       müsse er daran glauben, dass Menschen besser sein können, als sie sind, und
       dass Amerika die einzige westliche Nation sei, „mit der Kraft und der
       Erfahrung, Revolutionen Wirklichkeit werden zu lassen und dabei den
       menschlichen Schaden zu minimieren“.
       
       Als Afroamerikaner in den 1960er und 1970er Jahren hatten Baldwin und Pryor
       gute Gründe, an Amerika zu verzagen. Dass sie es nicht taten, ist sehr
       hilfreich für die Betrachtung der heutigen Situation. Es gibt vieles am
       heutigen Amerika, an dem sich verzagen ließe. [7][Die amerikanische
       Demokratie] ist ein Schatten ihrer selbst, man kann nur bangen und hoffen,
       dass sie wenigstens in ihren Grundzügen die Dauerattacken der
       Trump-Regierung übersteht.
       
       Doch Stimmen wie die von Baldwin lehren uns, auch in dunkelsten Zeiten
       nicht an Amerika zu verzweifeln. Sie lehren einen Optimismus, der so
       amerikanisch ist wie Blues und Baseball und der für europäisches Empfinden
       oft an der Grenze des Naiven entlang schrammt. Der Optimismus nährt sich
       aus einem Geschichtsbewusstsein, das dem von Trump entgegensteht. Es sieht
       Amerika als Zivilreligion.
       
       Die amerikanische Verfassung und die Grundwerte der Nation sind laut dieser
       Geschichtsauffassung alles andere als ein fertig geschnürtes Paket, das die
       Gründerväter vor 250 Jahren hinterlassen haben. Sie sind ein Versprechen,
       ein Ausgangspunkt für die harte Arbeit an der Nation – „achieving our
       country“ nannte der Philosoph Richard Rorty den Auftrag, der jeder
       Generation von Amerikanern aufs Neue mitgegeben wird. Entscheidend daran
       ist, dass Amerika als ein ewiges Werden begriffen wird, als ein Auftrag von
       nahezu biblischem Zuschnitt.
       
       ## Ein Schritt nach dem anderen
       
       Zusammengehalten wird die Nation durch den unerschütterlichen Glauben
       daran, dass sich die Ideale der Nation irgendwann einmal verwirklichen
       lassen. Die Unvollkommenheit der Blaupause für das Land war deren
       Verfassern durchaus bewusst. Benjamin Franklin, der Einzige, der sowohl an
       der Unabhängigkeitserklärung als auch an der Verfassung mitgewirkt hatte,
       sagte, er unterzeichne das Dokument im vollen Bewusstsein seiner
       zahlreichen Unvollkommenheiten und in der Hoffnung, dass es wenigstens eine
       Weile lang die Menschen vor Despotismus bewahren könne.
       
       Alexander Hamilton fand die Verfassung „besser als nichts“, und der erste
       Präsident der USA, George Washington, notierte in einem Brief, dass man „in
       dieser Welt keine Perfektion erwarten“ dürfe. Aber es wurden immerhin ein
       Rahmen und ein Ziel festgelegt, ein besseres Zusammenleben der Menschen auf
       Erden anzustreben, als man es bis dahin kannte. Die liberale Auffassung des
       Projekts Amerika als ewiges Werden hat sich im Großen und Ganzen durch das
       20. Jahrhundert und bis in unsere Gegenwart gehalten.
       
       Prototyp dieser liberalen Einstellung war etwa [8][Barack Obama], dessen
       Rede auf dem Wahlparteitag 2008 am Ort der Unabhängigkeitserklärung in
       Philadelphia bereits das Thema einer „perfekteren Union“ hatte. Er
       positionierte sich damit zwischen Linken, die das Projekt Amerikas als
       hoffnungslos betrachten, und den Konservativen, die Amerika als immer schon
       perfekt sehen und die Realität schlicht ignorieren. Stattdessen bewarb er
       die unermüdliche, unerschütterliche Arbeit an Amerika.
       
       Es war dieser geduldige, immer optimistische Gradualismus, der die USA
       stets vorangebracht und die amerikanische Demokratie ihrer Verwirklichung
       ein Stück nähergebracht hat. Er hat den Bürgerkrieg und die
       Sklavenbefreiung angetrieben, jene katastrophische Selbsterneuerung des
       Landes, die nötig war, weil die Gründerväter das Thema der Sklaverei in der
       Verfassung ausgespart hatten. Er hat die Arbeiterbewegung vom Ende des 19.
       Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre angespornt, die in einer umfassenden
       Sozialgesetzgebung in den 1930er Jahren mündeten.
       
       ## Trotz Trump zuversichtlich
       
       Er hat die Frauenbewegung von der „Declaration of Sentiments“ aus dem Jahr
       1848 bis zur Verabschiedung des 19. Verfassungszusatzes 1920 geführt. Und
       er hat zum Ende des „[9][Jim-Crow-Systems]“ im Süden durch die
       Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung geführt. Gegner des Fortschritts
       waren stets die Kräfte, die Amerika als immer schon perfekt ansahen, als
       Land ohne Geschichte. Die konservativen „Originalisten“ im Supreme Court
       etwa, die die Verfassung als unverrückbares Gesetz betrachten und sich
       darauf berufen, um errungene soziale Fortschritte wie das Abtreibungsrecht
       oder das Wahlrecht für Minderheiten wieder rückgängig zu machen.
       
       Dem Fortschritt zuträglicher sind freilich auch die nicht, die die
       amerikanische Geschichte nivellieren und leugnen, dass der Kreis derer, die
       zur Teilhabe an der amerikanischen Gesellschaft eingeladen sind, sich in
       250 Jahren dramatisch erweitert hat. Aber die Optimisten und Gradualisten,
       die den Glauben an die Möglichkeit von Amerika nicht aufzugeben bereit
       sind, und auf lange Sicht immer die stärkste Kraft in der amerikanischen
       Gesellschaft waren, sind auch unter Trump hartnäckig.
       
       In Minneapolis riskierten Bürger ihre Existenz und ihr Leben, um sich gegen
       eine grausame Einwanderungspolizei zu stemmen. Die „[10][No
       Kings“-Proteste] gegen Trumps Totalitarismus waren drei der größten
       Massendemonstrationen der amerikanischen Geschichte. [11][Das
       Widerstandsnetzwerk „Indivisible“] umfasst rund 3.000 selbstorganisierte
       Gruppen im ganzen Land, die sich jederzeit mobilisieren lassen.
       
       Und in Bundesstaaten von New York über Maine bis Colorado lässt sich
       [12][eine neue Generation] für den Kongress aufstellen, um in Washington
       für die Demokratie und gegen das korrupte Establishment zu kämpfen. Sie
       alle haben den Glauben der Gründerväter nicht aufgegeben, dass es ein
       besseres Zusammenleben zwischen Menschen geben kann. Und sie machen
       Hoffnung, dass das Projekt Amerika noch lange nicht gescheitert ist.
       
       4 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Abwasserkatastrophe-in-den-USA/!6156338
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=3TVIlrEElqA&list=PL5SMXYhIcZ5IM_TIAHqdTJeXRHYjekxUu
 (DIR) [3] /Rassismus-als-System/!5702380
 (DIR) [4] https://www.nytimes.com/interactive/2019/08/14/magazine/1619-america-slavery.html
 (DIR) [5] https://www.bbc.com/news/articles/c5y8nnj33e1o
 (DIR) [6] /Feiern-zu-250-Jahren-USA/!6189705
 (DIR) [7] /Politologe-ueber-US-Demokratie/!6008687
 (DIR) [8] /Barack-Obama/!t5007770
 (DIR) [9] https://www.woz.ch/lmd/24-03/ein-teuflisch-penibles-system/!N7JF0DCDGN1C
 (DIR) [10] /No-Kings-Proteste-in-den-USA/!6121668
 (DIR) [11] https://indivisible.org/
 (DIR) [12] /Zohran-Mamdani/!t6127842
       
       ## AUTOREN
       
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