# taz.de -- Zustand der US-Demokraten: „Der Trumpismus ist durch einen Wahlsieg nicht überwunden“
       
       > Die Demokratische Partei der USA braucht eine radikale Veränderung, sagt
       > der linke Aktivist Ezra Levin. Er plädiert für dezentrale
       > Massenbewegungen.
       
 (IMG) Bild: Ezra Levin (C) protestiert mit Anhängern in Washington gegen die geplante Schließung des Amtes für Verbraucherschutz und Finanzwesen
       
       taz: Herr Levin, Sie sind Mitgründer des linken Netzwerkes
       [1][„Indivisible“], das in den letzten Monaten etliche Kandidaten bei
       Vorwahlen der US-Demokraten unterstützt hat, und viele haben gewonnen.
       Warum machen Sie das? 
       
       Ezra Levin: Es geht darum, eine Demokratische Partei aufzubauen, die nicht
       die Politik so hinnimmt, wie sie heute ist, sondern sie als existenzielle
       Krise behandelt. Wir hatten das Jahr davor damit verbracht, das
       Establishment der Demokraten davon zu überzeugen, als echte
       Oppositionspartei gegen das aufzutreten, was wir als ein autoritäres Regime
       betrachteten. Und immer wieder wurden wir enttäuscht.
       
       taz: Es ist nicht das erste Mal, dass Indivisible gezielt in die
       parlamentarische Politik eingreift… 
       
       Levin: Aber nicht in diesem Ausmaß. Das rührt von dieser Kluft zwischen der
       Basis der Demokratischen Partei und der Führung her. Die unbeliebteste
       politische Persönlichkeit des Landes ist nicht Donald Trump. Es ist
       [2][Chuck Schumer], der Minderheitführer der Demokraten im Senat. Und das
       ist ein Problem. Wenn man einen Faschisten im Weißen Haus hat, braucht man
       eine Opposition, die versteht, was es bedeutet, zu kämpfen. Das sind Leute
       wie Julie Gonzalez in Colorado, Leute wie Peggy Flanagan aus Minnesota,
       Jasmine Clark aus Georgia, Randy Villegas, der gerade in Kalifornien
       gewonnen hat und den wir unterstützt haben.
       
       taz: Das ist eine große ideologische Bandbreite an Kandidaten – von sehr
       gemäßigt bis sehr progressiv. 
       
       Levin: Ihr verbindendes Thema ist, dass sie dies als einen existenziellen
       Moment für die Demokratie betrachten. Sie binden sich nicht an das
       bestehende Establishment der Demokraten, und das erkennen wir daran, woher
       sie ihr Geld beziehen. Sie nehmen kein Geld von AIPAC (American Israel
       Public Affairs Committee) an. Sie nehmen kein Geld von KI-Unternehmen an,
       sie nehmen kein Geld aus dem Kryptobereich an, sie nehmen kein Geld von
       Unternehmens-[3][PACs] an.
       
       taz: Dann bekommen sie Geld von Ihnen? 
       
       Levin: Indivisible selbst stellt keine großen Schecks aus, aber wir nutzen
       unser Netzwerk und sagen: „Hey, hier ist ein guter Kandidat, den ihr
       unterstützen solltet“, und dann spenden unsere Förderer für diese
       Kandidaten. Wenn Indivisible sich entscheidet, einen Kandidaten zu
       unterstützen, können wir Mitglieder im ganzen Land mobilisieren, damit sie
       Telefonkampagnen für sie durchführen. Das ist die Macht, die wir haben.
       
       taz: Welche Rolle spielt Indivisible im außerparlamentarischen Widerstand? 
       
       Levin: Wir waren die federführenden Organisatoren von drei der größten
       Proteste in der amerikanischen Geschichte: [4][„No Kings 1“ bis „No Kings
       3“], letztere mit über acht Millionen Teilnehmer bei 3.300 Protesten im
       ganzen Land. Das waren zwar nicht nur wir. Aber wir waren die
       Hauptorganisatoren.
       
       taz: Europa schaut voller Sympathie auf diese Proteste. Aber es wird auch
       immer wieder problematisiert, dass es keine sichtbare
       Führungspersönlichkeit gibt … 
       
       Levin: Es gibt viele Anführer in dieser Bewegung. Auf lokaler Ebene haben
       wir festgestellt, dass die Gruppen, die am stärksten wachsen und sich
       selbst tragen können, sehr selten von einer einzigen Person geführt werden.
       Es sind vielmehr diejenigen mit einer vielschichtigen Führungsstruktur.
       
       taz: Sie würden also sagen, dass diese Art von dezentraler Struktur eine
       Stärke des Widerstands gegen den Autoritarismus ist? 
       
       Levin: Absolut. Es ist das beste System, das wir haben, um eine breite,
       ideologisch vielfältige Koalition aufzubauen, die Nein sagt. Sicher,
       irgendwann muss man auch Ja sagen zu dem, was als Nächstes kommt. Aber wir
       werden erst im Präsidentschaftswahljahr 2028, wenn die [5][Vorwahlen der
       Demokraten] vorbei sind, wieder eine vollwertige Führung in der
       Demokratischen Partei haben. Bis dahin spielen Massenbewegungen eine
       zentrale Rolle.
       
       taz: Was braucht es denn, um diese Demokratische Partei wirklich zu
       verändern? 
       
       Levin: Was wir derzeit beobachten, ist so etwas wie ein faschistisches
       Riesenrad. Die Demokratie wird nicht mehr als etwas wahrgenommen, das die
       Menschen auf eine Weise versorgt, mit der sie zufrieden sind. Ein
       Autoritarist nutzt das aus, steigt auf und gewinnt an Macht, und dann fängt
       er an, schlimme Dinge zu tun. Dann bildet sich eine antiautoritäre
       Bewegung; sie mag es schaffen, diesen autoritären Führer zu verdrängen, und
       wird zur Regierungskoalition. Aber weil sie keine Vision hat, die über das
       „Nein“ zum Autoritären hinausgeht, werden die Menschen wieder unzufrieden,
       und dann kommt der Autoritäre zurück. So kam Donald Trump wieder an die
       Macht. Biden hat es versäumt, etwas zu leisten, das die Menschen davon
       überzeugt hätte, in das System zu investieren. Das ist eine lange
       Einleitung, um zu sagen: Ich glaube, es gab zu viele Leute, die Trumps Sieg
       2016 für eine Anomalie hielten. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis wir
       das Kapitel abschließen konnten und zur Politik wie gewohnt zurückkehren.
       
       taz: Man hat es sich also nach Bidens Wahlsieg 2020 zu bequem gemacht? 
       
       Levin: Es gab eine starke Ausrichtung darauf, dass wir einfach wieder zu
       den alten Abläufen zurückkehren müssen. Ich glaube, einer der Gründe, warum
       mich die Lehren aus Ungarn sehr interessieren, ist, dass das nicht der Weg
       zu sein scheint, den sie einschlagen. Es scheint dort eine echte Agenda
       gegen Korruption und für Rechenschaftspflicht zu geben. Eine wichtige
       Lektion ist, dass der Trumpismus nicht mit einem Wahlsieg überwunden ist.
       Wir müssen die Rechtsstaatlichkeit systematisch wiederherstellen und in
       demokratische Institutionen investieren, um sie zu stabilisieren.
       
       taz: Es heißt immer, das Establishment der Demokraten sei schuld, dass
       echter Wandel in der Partei ausbleibt. Aber wer ist das denn? 
       
       Levin: Im letzten Wahlzyklus wurde etwa eine Viertelmilliarde Dollar in
       Kryptowährungen in den Wahlkampf gesteckt. Das Ergebnis war die Wahl einer
       ganzen Schar von kryptofreundlichen Demokraten. Das hat nicht nur zu einer
       vagen Unterstützung für die Branche geführt, sondern sie haben bereits im
       letzten Jahr für ein massives kryptofreundliches Gesetz gestimmt, das es
       Trump ermöglichte, weitere Milliarden mit Krypto-Produkten einzunehmen.
       Nehmen Sie nun diese Mechanismen und erweitern Sie sie auf KI, auf den
       asiatisch-pazifischen Raum, auf die Gesundheitsbranche und den Rest der
       Unternehmensgruppen da draußen, die ähnliche Summen investieren.
       
       taz: Wie würden Sie den Zustand der Demokratie in Amerika zum [6][250.
       Geburtstag der USA] beschreiben? 
       
       Levin: Manche Leute tun so, als sei die Demokratie tot, weil Trump wieder
       gewonnen hat. Aber das ist nicht meine Position. Autoritäre auf der ganzen
       Welt versuchen, uns davon zu überzeugen, dass sie Macht haben, die sie gar
       nicht haben. Wir haben in diesem Land immer noch eine repräsentative
       Demokratie. Ich bin zuversichtlich, dass wir Trump aus dem Amt entfernen
       und Wahlen gewinnen können. Ich glaube nur, wir haben noch nicht
       herausgefunden, was eine nachhaltige pluralistische Demokratie ausmacht.
       Eine, die nicht für eine faschistische Machtübernahme anfällig ist.
       
       taz: Welche Maßnahmen braucht es denn für nachhaltige, unbedrohte
       Demokratien?
       
       Levin: Ich schließe mich zunehmend der Argumentation an, dass insbesondere
       die Tech-Unternehmen, die Milliardäre, die unser Informationsökosystem
       kontrollieren, eine direkte Bedrohung für die repräsentative Demokratie
       darstellen. Jeder läuft mit einem Dopamin-Gerät in der Tasche herum, das
       ihn systematisch von seinen Nachbarn entfremdet. Wenn wir diese Entfremdung
       nicht angehen, ist jede Art von politischer Plattform für die Post-Trump-
       und postfaschistische Ära zum Scheitern verurteilt. Ohne direkte
       Gemeinschaftsbindungen und ohne ein gemeinsames Verständnis dafür, was in
       der Welt geschieht, weiß ich nicht, wie die Demokratie überleben soll.
       
       27 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://indivisible.org/
 (DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Chuck_Schumer
 (DIR) [3] https://en.wikipedia.org/wiki/Political_action_committee
 (DIR) [4] /No-Kings-Proteste-in-den-USA-/!6091238
 (DIR) [5] https://en.wikipedia.org/wiki/2028_Democratic_Party_presidential_primaries
 (DIR) [6] /250-Jahre-USA/!6187850
       
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