# taz.de -- Der Begriff „Faschismus“: Ein Kult der Härte
       
       > Der neue Linke-Chef Luigi Pantisano verheddert sich im F-Wort. Noch
       > schlimmer allerdings ist die Ausbreitung faschistischer Gefühle.
       
 (IMG) Bild: 1. September 1939: Deutsche freuen sich, während sie Hitlers Rede zum Überfall auf Polen zuhören
       
       Das verhetzte Individuum fällt nicht vom Himmel. Es wird gemacht. Der
       Horror der Geschichte lehrt uns, dass Menschen bei Verbrechen
       enthusiastisch mitmachen, die sie sich Jahre zuvor nicht vorstellen
       konnten. Dazwischen liegen stets Lehrjahre der Unmenschlichkeit. Wir
       erleben heute womöglich, wie die Vollstrecker von morgen erzogen werden.
       
       Die Erzieher zur Grausamkeit, sie sitzen [1][in der AfD], aber nicht nur in
       dieser, sie hocken in den Aufganselungszusammenhängen der Social Media,
       sind in Algorithmen entsubjektiviert, trommeln in den agitatorischen
       Pseudomedien, die eine Atmosphäre der Erregung, [2][der Angstpolitik und
       der Enthemmung] schaffen.
       
       Es ist, simpel gesagt, der [3][Weidel]-Höcke-Reichelt-Musk-Komplex, der
       heute die Henker von morgen formt. Es wird das paranoide Trugbild einer
       Pseudorealität geschaffen, in der das Land im Kriminalitätsmorast versinkt,
       von barbarischen Horden überrannt wird, den „Gruppenvergewaltigern“ und
       „Messermännern“ (wie die Phrasen alle heißen).
       
       Es sind massenpsychologische Dynamiken, und wer in den Tunnel dieser
       Wahnideen gesogen wird, wird nach und nach in eine Person ummontiert, die
       im Extremfall dann auch schlimmste Verbrechen akzeptiert und ihnen
       applaudiert. Der Groll wird geschürt, aber auch ein Anhängersubjekt
       geschaffen, das ins Ressentiment regelrecht verliebt ist. Rechtspopulismus
       ist für all das schon längst kein adäquates Wort mehr. Ob Faschismus das
       richtigere ist, darüber wird in den Feuilletons gepflegt gestritten.
       
       ## Strategisch blöde
       
       Mit der [4][Affäre um den neuen Linke-Vorsitzenden Luigi Pantisano] ist die
       Debatte über Vokabeln wie „Faschisierung“ pfeilschnell bei der Farce
       gelandet. Zu dieser ist alles gesagt. Pantisanos Sätze waren taktisch
       blöde, strategisch blöde und faktisch unsinnig. Faktisch, weil eine
       konservative Partei, die autoritäre Maßnahmen setzt und auch verbal so
       manche Schlagseite pflegt, deswegen noch lange nicht selbst „faschistisch“
       ist und noch nicht einmal „faschistische“ Politik macht. So viel
       Unterscheidungsvermögen sollte man schon haben.
       
       Strategisch ist es irrwitzig blöde, weil in dieser Lage die moderaten
       Konservativen umworben werden müssen, nicht abgestoßen, denn die Geschichte
       lehrt auch, dass der Faschismus immer dann siegt, wenn der hergebrachte
       Konservatismus mit ihm eine Allianz eingeht. Taktisch ist es blöde, weil
       die Vorgehensweise darauf setzt, die Diskursmuster der extremen Rechten zu
       kopieren: provokativen Unsinn und skandalös radikales Zeug labern, um damit
       Aufmerksamkeit zu generieren. Björn Höcke, Herbert Kickl und Co agieren so,
       perfektioniert hatte dieses Muster der einstige FPÖ-Anführer Jörg Haider
       mit dem, was die Österreicher viel zu zärtlich seine „Sager“ nannten.
       
       Aber die Taktik, die bei der extremen Rechten funktioniert, funktioniert
       bei linken Wählersegmenten nicht. Auch, weil die nicht bereit sind, groben
       Unfug zu akzeptieren. Gewiss, Fehler machen alle, aber wer Parteichef ist,
       wird an anderen Maßstäben gemessen als ein schrulliger Hinterbänkler und
       sollte nicht bei der ersten Wortmeldung verunfallen.
       
       Damit sind wir bei einer intellektuellen Schwundform einer Diskussion
       gelandet, die geführt werden muss: [5][über die Vergiftung von Hirnen und
       Seelen] und den Beitrag, den dazu ein Mainstreamkonservatismus leistet,
       wenn er Denkmotive eines Kults der Härte aufgreift, nachbetet oder sich
       sogar den Rechten andient, wie das beim Nius lesenden Narrensaum der Union
       geschieht. Auch wenn die Ausbreitung faschistischer Gefühle etwas
       Raumgreifendes hat, da tröpfchenweise einsickert, hier ganze Milieus
       übermannt, dort wie ein Sturzbach geschieht – die Union gleich als
       Ansammlung von Faschisten zu zeichnen, ist dann doch genau jene geistlose
       Unterscheidungsunfähigkeit, die am Ende alle Katzen grau macht.
       
       ## Unrecht in Rechtsform
       
       Was ist das, was wir gerade erleben? „Rechtspopulismus“ ist verharmlosend,
       wenn wir auf die [6][USA Donald Trumps] schauen, wo sich das Unrecht im
       Gefüge des Rechts ausbreitet, täglich die niedrigsten Gefühle angestachelt
       werden, Grausamkeiten nicht nur vollzogen werden, sondern öffentlich
       vollzogen werden, damit die eigene Anhängerschaft in Ekstase versetzt wird.
       
       Aber auch bei uns: Verbitterungsgefühle werden in Gefühle sadistischen
       Lustgewinns und aggressive Impulse übersetzt, Angst- und Bedrohungsgefühle
       in die Superioritätsgefühle von weißer Überlegenheit gegenüber den Anderen.
       Was die Bereitschaft von Menschen erhöht, für die Agitation empfänglich zu
       sein, ist lange analysiert: Entfremdungsempfinden gegenüber „der Politik“,
       verständliche Unzufriedenheit mit der repräsentativen Demokratie, wie sie
       real existiert, gepaart mit Anlagen autoritärer Charaktere sowie einer
       Grundausstattung an rassistischen Reflexen.
       
       Was weniger genau analysiert ist: was mit den Menschen passiert, wenn sie
       in den Sog der Agitation geraten, in einen Überbietungswettbewerb, einen
       fabrizierten Tunnelblick entwickeln. Die Verbreitung faschistischer Gefühle
       geschieht nach dem Muster der Infektion, wie bei Seuchen. Und noch weniger
       ist analysiert, wie die Radikalisierung der Anhänger auf die Anführer
       zurückwirkt.
       
       Die Anhängerschaft ist nicht einfach „verführt“, sondern Co-Produzent ihrer
       eigenen Selbstradikalisierung, und der oder die Anführer entpuppen sich bei
       näherer Betrachtung als Zauberlehrlinge, die der Geister, die sie riefen,
       nicht mehr Herr werden. Die AfD hat nicht zufällig eine kleine Kompanie von
       Anführern verbraucht, die mit der rechtsextremen Gefühlspolitik spielten
       und dann selbst, als „zu moderat“, an den Rand gedrängt wurden. Man denke
       nur an Frauke Petry und andere.
       
       „Ja, es ist Faschismus“, sagte Jason Stanley vor einigen Monaten, einer der
       führenden US-Faschismusforscher. Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger
       sprechen vom „demokratischen Faschismus“, weil diese Gefühlswelten „als
       faschistische Fantasie in der Demokratie“ existieren. Auch die USA sind
       kein faschistisches Regime im Vollausbau. Bei uns sind die Faschisten in
       der Opposition. Schlaumeier merken an, dass es keine Faschisten geben
       könne, wenn es kein faschistisches Regime gibt. Aber das ist natürlich
       Unfug: Faschisten sind auch Faschisten, bevor sie die Macht übernehmen. Sie
       operieren in der Demokratie, bis sie sie abschaffen können.
       
       Neuerdings hat eine Debatte angehoben, ob der Gebrauch des Begriffs
       „Faschismus“ überhaupt empfehlenswert ist. Der [7][Philologe Jan Philipp
       Reemtsma] hat sehr öffentlichkeitswirksam die Frage gestellt, was
       eigentlich damit gewonnen sei, wenn man mit dem F-Wort operiere. „Ich muss
       das Phänomen untersuchen, nicht darüber reden, wie ich es benenne.“
       
       ## Kitzel des Grauens
       
       Der Begriff ist ja keineswegs neutral. Indem ich eine politische Strömung
       mit dem Attribut „faschistisch“ belege, vollführe ich nicht nur eine
       theoretische Operation, sondern auch eine politische. Ein Kitzel des
       Grauens, ein wenig Angstlust, schwingt bestimmt auch mit. Reemtsma hat
       damit sicherlich nicht ganz unrecht. Stephan Lessenich und Sven Reichardt
       haben in der Süddeutschen vor ein paar Tagen Reemtsma entgegengehalten,
       dass es nicht um die berühmte „Faschismuskeule“ gehe, sondern um die
       theoretisch akkurate Erfassung dieser Verrohung, Dehumanisierung und Gewalt
       sowie des gesellschaftlichen Zuspruchs, der eigentümlichen Zerstörungslust.
       
       Was zeichnet Faschismus aus? Führerkult, paranoide Weltbilder, ein
       absolutes Schwarz-Weiß-Denken, antagonistische Feindbilder, vor allem von
       Minderheiten, aber auch gegen vermeintliche innere Feinde. Aggression, die
       unablässig aufgepeitscht wird. Ein Kult der Härte, der die faschistische
       Rechte und Libertäre und Pseudoliberale einander anverwandelt. Maximale
       negative Emotionalisierung, um eine Anhängerschaft in eine erregte und
       wütende Masse zu verwandeln.
       
       Der Forscher Robert O. Paxton hat den Faschismus als „emotionale Lava“
       beschrieben. Zu seinen Ingredienzien zählen für ihn leidenschaftlicher
       Nationalismus, „eine verschwörerische und manichäische Sicht auf die
       Geschichte als Kampf“, und zwar zwischen dem „Reinen und dem Korrupten“.
       Die Anhänger empfänden, „dass die eigene Gruppe ein Opfer“ sei, und sähen
       sie in einem darwinistischen Kampf, weshalb Gewalt gerechtfertigt sei.
       Faschismus, das sei ein „Nebel von unterschwelligen Einstellungen“. Er
       brauche keine Theorie – weil er vielmehr von „mobilisierenden
       Leidenschaften“ lebe.
       
       Faschismus ist so gesehen eher eine Stimmung, die einen nach und nach
       erfasst und überwältigt. Die Affekte von Gekränktheit, Angst, Neid, das
       Ressentiment und die Erlösungssehnsucht, sie sind ansteckend, und die
       Ansteckung läuft nicht bloß von den Agitatoren zu den Anhängern, sondern
       wirkt kreuz und quer. Wie bei Synapsenverschaltungen werden die
       Verbindungen gestärkt, je intensiver sie benutzt werden. Emotionen, Tonfall
       und Phrasen werden übernommen, steigern sich zu Fanatismus.
       
       Der Faschismus ist demnach weniger eine Ideologie als ein sozialer Prozess.
       Ansteckung ist kein Zufall, sie gedeiht in Milieus, in denen Gefühle
       zirkulieren wie ein Echo, das lauter zurückkehrt. Bis der Fanatiker als
       normal erscheint und der Normale am Ende als verdächtig.
       
       28 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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