# taz.de -- Flucht in die Unabhängigkeit: Sie tarnten sich als fromme Touristen
       
       > Müßig und im Geheimen floh 1961 eine Gruppe afrikanische Studierende vor
       > Salazars Portugal. Sie sollten bedeutende Unabhängigkeitskämpfer werden.
       
 (IMG) Bild: Henrique „Iko“ Carreira kämpfte im bewaffneten Widerstand gegen die Kolonialmacht Portugal in Angola
       
       Die Reise von 41 afrikanischen Studierenden hätte am 30. Juni 1961 fast in
       einer Gefängniszelle bei San Sebastián in Spanien geendet. Sie waren an der
       französischen Grenze abgefangen und festgesetzt worden, auch Salazar und
       sein autoritäres Regime in Portugal, der Estado Novo, waren über ihre
       Flucht informiert.
       
       Die Studierenden legten mehr als 1.000 Kilometer zurück, von Lissabon und
       Coimbra nach Porto, immer weiter Richtung Norden und stets wachsam vor der
       portugiesischen Geheimpolizei. Im Dunkel der Nacht überquerten sie den
       Minho ins [1][faschistische Spanien Francos] im leckenden Ruderboot eines
       Schmugglers.
       
       Sie reisten als fromme Touristen verkleidet weiter, in ihren Taschen
       gefälschte Pässe aus Senegal, Gabun und Niger, und versteckten sich bei
       kommunistischen Pastoren. Die 41 Personen, die diese Tortur überstanden,
       sollten zu den wichtigsten Denker*innen und Revolutionär*innen der
       afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung in den portugiesischen Kolonien
       werden.
       
       ## Eine Keimzelle gegen Kolonialismus
       
       Sie kamen zuvor aus Guinea-Bissau, Angola, Moçambique, Kap Verde und São
       Tomé fürs Studium nach Portugal. Ihre Tage verbrachten sie im Casa dos
       Estudantes do Império, dem Haus für Studierende des Imperiums, in Lissabon.
       Eingerichtet von Salazars Regime sollte es den afrikanischen Studierenden
       die Möglichkeit zum Austausch geben und sie zugleich mit den Ideen des
       portugiesischen Kolonialismus infiltrieren.
       
       Stattdessen entstand dort eine Art Keimzelle, in der die Studierenden
       anfingen, Unabhängigkeitsbestrebungen zu diskutieren. Als 1961 [2][Angola]
       in den Unabhängigkeitskrieg trat, wurde es für viele der jungen Menschen
       gefährlich.
       
       Schon zuvor beobachtete die portugiesische Geheimpolizei die studentische
       Untergrundbewegung. Einige der 41 Studierenden hatte die portugiesische
       Armee bereits rekrutiert. Sie fürchteten, gegen die Unabhängigkeitskämpfer
       in ihren Heimatländern, die sie insgeheim unterstützten, in den Krieg
       ziehen zu müssen. Unter ihnen waren Henrique „Iko“ Carreira, er kämpfte im
       bewaffneten Widerstand gegen die Kolonialmacht Portugal in Angola, sowie
       Pedro Pires, der Präsident von Kap Verde werden sollte.
       
       Die beiden und der Rest der Gruppe entschlossen sich zu fliehen. Das ging
       nicht ohne Hilfe. Entscheidend dabei war die Kirche, genauer: die
       französische ökumenische Organisation Cimade, die fast zwei Jahrzehnte
       zuvor jüdische Kinder aus den von den Nazis besetzten Teilen Europas
       geschmuggelt hatte. Sie finanzierte und organisierte die gesamte Flucht.
       
       Mutmaßlich wussten auch die französische und die US-amerikanische Regierung
       stillschweigend von der Flucht, zeigen Dokumente. Sie waren es
       möglicherweise auch, die die Studierenden mit diplomatischem Druck aus dem
       Gefängnis in San Sebastián nach nur einem Tag befreiten, sodass sie nach
       Frankreich einreisen konnten. Warum genau Diktator Franco sie ziehen ließ,
       ist allerdings unklar.
       
       Diese Flucht aber ermöglichte es der Gruppe, nach Ghana weiterzureisen. Von
       dort aus setzten sie sich für die Unabhängigkeit ihrer Heimatländer ein,
       als Kämpfer, als Politiker, als Intellektuelle. Die Unabhängigkeitskriege
       der afrikanischen Kolonien waren zudem ein Faktor, der die
       [3][Nelkenrevolution von 1974] auslöste und letztlich das Ende der
       portugiesischen Diktatur. Mit ihr endete 1975 auch für Portugal, [4][als
       letzte europäisches Land], die Zeit als Kolonialmacht.
       
       4 Jul 2026
       
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