# taz.de -- Autor über Spanischen Bürgerkrieg: „Meine Generation kennt die Geschichten kaum“
       
       > David Uclés hat einen Roman über den Spanischen Bürgerkrieg geschrieben,
       > der vor 90 Jahren mit einem Putsch begann. Er fordert echte Aufarbeitung.
       
 (IMG) Bild: „Es tat mir beim Schreiben weh, wenn es eine linke politische Figur gab, die Schlechtes beging“: Autor David Uclés in Madrid
       
       Wir treffen uns in der kleinen Buchhandlung Sin Tarima im Zentrum von
       Madrid. Drei Frauen im Laden – um die 50 Jahre alt – erkennen David Uclés
       sofort und beglückwünschen ihn zu seinem Buch „La península de las casas
       vacías“ – [1][Die Halbinsel der verlassenen Häuser]. Es spielt in einem
       fiktiven andalusischen Dorf während der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs
       von 1936 bis 1939. Die Protagonisten des Dorfes bewegen sich durch das Land
       und erleben den Krieg an verschiedenen Fronten. Die Frauen im Laden loben
       Uclés überschwänglich und erzählen, dass sie ihre eigenen
       Familiengeschichten im Buch wiedergefunden hätten. 
       
       taz: Herr Uclés, Ihr Buch hat in Spanien bereits die 26. Auflage erreicht.
       Das ist verwunderlich, normalerweise [2][verdrängen viele Spanier den
       Bürgerkrieg lieber]. 
       
       David Uclés: Dass so viele Menschen das Buch lesen wollen, hat mich auch
       überrascht. Ich denke, es liegt daran, dass zum ersten Mal der Krieg in
       ganz Spanien in einer Geschichte erzählt wird, die Schauplätze sind über
       das Land verteilt. Es gab auch vorher schon Geschichten aus einer Region,
       über eine bestimmte Familie, eine Schlacht, eine Belagerung, aber es gab
       kein Gesamtbild. Ein anderer Grund ist möglicherweise der Stil.
       
       taz: Sie schreiben im Stil des [3][magischen Realismus]. 
       
       Uclés: Ich erzähle die Geschichten meiner Familie in einem Dorf, in dem
       sich das Magische und das Reale vermischen. Dieser Stil ist in Spanien im
       Gegensatz zu Lateinamerika sehr wenig verbreitet, aber er spricht die
       Menschen offensichtlich an.
       
       taz: Wie kamen Sie auf die Idee für das Buch? 
       
       Uclés: Mein Großvater stammt aus einem sehr kleinen Dorf in den
       andalusischen Bergen, wo viele Oliven wachsen. Er erzählte oft Geschichten
       von früher, viele spielten in den 1930er Jahren. Über seine Erzählungen
       erfuhr ich immer mehr über den Bürgerkrieg. Ich dachte: Meine Güte, in der
       Schule hat mir niemand davon erzählt.
       
       taz: Im Juli 1936, also vor genau 90 Jahren, versuchten Militärs unter
       General Franco einen Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung.
       Dieser Putsch führte zu einem blutigen Bürgerkrieg, der knapp drei Jahre
       dauerte und der die spanische Gesellschaft in zwei Lager teilte, Faschisten
       und Republikaner. Nach dem Sieg der Faschisten 1939 errichtete Franco eine
       Diktatur. 
       
       Uclés: Meine Generation kennt die Geschichten aus dieser Zeit kaum. Sie hat
       keine Beziehung zum Bürgerkrieg. Sie weiß nichts darüber, weil wir es in
       der Schule nicht vermittelt bekommen haben. Über den Krieg wissen in
       Spanien nur jene Bescheid, die sehr, sehr, sehr politisch sind. Nach den
       Erzählungen meines Großvaters habe ich angefangen, mich mehr damit zu
       beschäftigen. Als ich las, was im Land geschehen ist, hat mich das sehr
       bewegt. Ich fand es unglaublich.
       
       taz: Stimmt es, dass Sie fünfzehn Jahre lang für das Buch recherchiert
       haben? 
       
       Uclés: Ich habe 2009 mit dem Schreiben angefangen. Es waren fünfzehn Jahre
       Arbeit, aber die Recherche selbst hat nicht so lange gedauert. Ich hatte
       zwei Forschungsstipendien, die es mir ermöglichten, durch ganz Spanien zu
       reisen. Ich bin in alle Provinzen gefahren und an all die Orte, wo wichtige
       Dinge des Krieges passierten, um eine Art anthropogeografische Karte des
       Landes zu erstellen. Sieben Jahre lang habe ich nur über den Bürgerkrieg
       gelesen. Essays, Romane, Biografien. Ich suchte die Zeugnisse älterer
       Menschen. Ich war in allen historischen Museen des Landes. Ich war besessen
       von dem Thema.
       
       taz: Das klingt intensiv. 
       
       Uclés: Es waren fünfzehn Jahre ohne Sozialversicherung, mit vielen Reisen.
       Ich habe von Straßenmusik gelebt und von Bildern, die ich gemalt habe. Ich
       hatte Angst und dachte: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Es war
       anfangs nicht leicht.
       
       taz: In Ihrem Buch benutzen Sie sehr viele, heute fast in Vergessenheit
       geratene Ausdrücke, eine besondere Sprache. 
       
       Uclés: Ich komme aus einer Familie von Olivenbauern, ich habe bis zu meinem
       18. Lebensjahr auf dem Land gelebt. Bei uns gab es kein Buch, keine
       Schallplatte, keinen Film, nichts. Ich hatte nur das Land. Und das Land hat
       seine Sprache. Die Sprache der Instrumente, mit denen man es bearbeitet,
       der Landschaft, der Bäume, der Erde. Das ist eine eigene Sprache, und diese
       ländliche Sprache ist mir vertraut.
       
       taz: Aus dem Jungen vom Dorf wurde ein bekannter Schriftsteller. Wie haben
       Sie das geschafft? 
       
       Uclés: Durch das Lesen. Mein Vater schimpfte mit mir, wenn ich Bücher
       kaufte, ich musste sie heimlich nach Hause bringen, weil er wollte, dass
       ich das Geld spare. Für meine Zukunft. Ich weiß nicht, warum ich angefangen
       habe zu lesen. Ich war schon immer kreativ – ich male, singe, spiele
       Akkordeon, ich lerne gerne Sprachen. Ich war immer sehr neugierig.
       
       taz: War die Kunst für Sie eine Zuflucht? 
       
       Uclés: Ja. Man hat mich wegen meiner Homosexualität beleidigt, geschlagen,
       das war furchtbar. Aber ich habe das nie als Trauma empfunden. Wenn mich
       jemand „Schwuchtel“ nannte, habe ich ihn zurückbeleidigt.
       
       taz: Wer hat Sie beleidigt, die Leute im Dorf?
       
       Uclés: Ja. Mein Vater ist Polizeibeamter der Guardia Civil. Er hat mir
       immer sehr viel Liebe gegeben, er hat mir auch nie wegen meiner sexuellen
       Orientierung einen Vorwurf gemacht oder mich deshalb beleidigt. Mein Vater
       hat mal rechts, mal links gewählt, er ist ein seltsamer Vogel. Aber seine
       Freunde, andere Polizeibeamte, die [4][waren homophob]. Auch mein Großvater
       nannte mich „Schwuchtel“, obwohl wir später sehr gute Freunde wurden. Das
       rückständige Umfeld war erstickend, und die Kunst war mein Zufluchtsort.
       Wahrscheinlich kommt meine kreative Sensibilität daher.
       
       taz: Das Buch war Ihr großer Durchbruch. Sie haben mit dem Roman geschafft,
       dass man über etwas spricht, über das man lange nicht sprechen wollte, das
       Trauma des Bürgerkriegs. 
       
       Uclés: Vierzig Jahre lang erzählte das franquistische System eine Lüge
       darüber, was passiert ist. Über die vielen Opfer wurde nicht gesprochen.
       Mit dem Übergang zur Demokratie erzählten dann die Besiegten, die Linken,
       die Republikaner oder Leute, die aus republikanischen Familien stammen,
       ihre Sicht auf die Ereignisse des Bürgerkrieges. Sie forderten die
       Aufklärung der Ereignisse, die Suche nach den Opfern.
       
       taz: Sie erzählen den Roman aber nicht aus der Perspektive der
       Republikaner. 
       
       Uclés: Nein, ich versuche die Ereignisse unvoreingenommen wiederzugeben. In
       den ersten Monaten mussten sich die Verfechter der Republik verteidigen.
       Sie wurden von den Truppen Francos angegriffen, das darf man nie vergessen.
       Es bildeten sich zwei Lager. Es gab zwei Armeen, die republikanische zur
       Verteidigung der Republik und die Militärs Francos. Daraus wurde ein
       Bürgerkrieg. Die Republik brach zusammen, es gab keine Polizei, keine
       Ordnung, keine Gesetze. In den Dörfern nahmen die Leute die Dinge in die
       eigene Hand, sie nahmen Rache, die oft politisch verbrämt wurde. Es gab
       schon vorher Konflikte zwischen Nachbarn, zwischen Brüdern und Cousins.
       Diese Konflikte wurden nun häufig ideologisiert.
       
       taz: Zum Beispiel? 
       
       Uclés: Wenn der Bürgermeister sozialistisch war und jemanden schlecht
       behandelte, brachte der ihn um. Oder wenn der Bürgermeister von der rechten
       Seite war und einem Homosexuellen versuchte, seine Moral aufzuzwingen, dann
       brachte der ihn um. Solche ideologisch aufgeladenen Konflikte habe ich in
       allen Regionen festgestellt. Ich recherchiere, ich gleiche ab und versuche,
       das in epischer Form aufs Papier zu bringen. Ich vergleiche mich gern mit
       einem Fotografen. Ich gehe an die Orte, fotografiere und stelle aus.
       
       taz: In Ihrem Buch gibt es viele Protagonisten. Sie machen es einem nicht
       leicht, die Figuren sympathisch zu finden, man kann sich nur schwer mit
       ihnen identifizieren. 
       
       Uclés: Es ist ein Chorroman mit vielen verschiedenen Stimmen. Es ist kein
       Roman, bei dem du dich an vier Hauptfiguren hängen kannst, sondern etwas
       anderes. Man kann es vergleichen mit dem Dorf Macondo in dem Roman „Hundert
       Jahre Einsamkeit“ von [5][Gabriel García Márquez]. Die Figuren wechseln.
       
       taz: Und Sie als Autor wollen sich auf keine Seite stellen? 
       
       Uclés: Es tat mir beim Schreiben weh, wenn es eine linke politische Figur
       gab, die Schlechtes beging. Weil man die Welt gerne in Schwarz und Weiß
       aufteilt, links die Guten, rechts die Schlechten. Aber so einfach ist es
       nicht. Natürlich war das republikanische Lager viel weniger aggressiv und
       gewalttätig als das faschistische. Die Faschisten haben den Krieg
       provoziert. Aber es gibt auch Drama auf ihrer Seite. Der Bürgerkrieg war
       ein Drama für das ganze Land.
       
       taz: Die Faschisten rissen gewaltsam die Macht an sich. Sie waren die
       Aggressoren und Profiteure des Bürgerkriegs. 
       
       Uclés: Ja, und trotzdem: Dieses Land käme besser voran, wenn zwei Dinge
       geschehen würden: Wenn die Rechte akzeptieren würde, dass sie den Krieg
       provoziert hat. Und wenn die Linke akzeptieren würde, dass – sobald die
       Rechte den Krieg provoziert hatte – sich alle gegenseitig umbrachten.
       Solange die Linke und die Rechte diese These nicht akzeptieren, wird es
       Hass auf beiden Seiten geben.
       
       taz: Womit wir bei der Frage der Aufarbeitung wären. Was macht Ihr Buch mit
       den Menschen, die zu Ihren Lesungen im ganzen Land kommen? 
       
       Uclés: Ich habe im vergangenen Jahr mehr als 300 Lesungen gehabt, und die
       Leute waren überaus bewegt. Sie mögen die Geschichten, die Atmosphäre des
       Dorfes. Man sagt mir auch oft: Ich kann meinen Großvater sehen. Ich kann
       meinen Vater sehen. Irgendwie sind wir ja alle vom Dorf.
       
       taz: Spricht das Buch vor allem die Älteren an? 
       
       Uclés: Im ersten Jahr waren bei den Lesungen alles Ältere. Aber jetzt
       kommen die Jungen, weil sehr viele Universitäten und Schulen mein Buch auf
       den Lehrplan setzen. Viele jungen Leser sagen mir: Danke, denn jetzt weiß
       ich, was passiert ist.
       
       taz: In diesen Tagen wird an den Beginn des Bürgerkriegs erinnert. Wie
       steht es um die Aufarbeitung der Schrecken des Krieges? 
       
       Uclés: Von einer echten Aufarbeitung kann keine Rede sein. Wir brauchen
       eine demokratische Aufarbeitung für die Opfer auf beiden Seiten.
       Stattdessen gibt es eine neue Rechte.
       
       taz: Nach einer Umfrage sagen [6][21 Prozent der Spanier, die Diktatur war
       gut]. 
       
       Uclés: Die extreme Rechte in Spanien nutzt die sozialen Netzwerke, um die
       populistische, nationalistische, faschistische Botschaft aus der Zeit des
       Krieges oder der Diktatur an die Jugendlichen heranzutragen, an die 14- bis
       18-Jährigen. Und sie schaffen es. Die Rechte will keine demokratische
       Erinnerung. Die Linke schon. Bis heute will die Rechte nichts vom Krieg
       hören.
       
       taz: Laut Schätzungen von Experten existieren in Spanien weiterhin rund
       6.000 nicht ausgehobene [7][Massengräber mit über 100.000 Opfern]. Im Jahr
       2007 wurde das Gesetz des historischen Gedenkens verabschiedet, es
       verurteilt das Franco-Regime, verlangt die Entfernung faschistischer
       Symbole und unterstützt die Suche nach den Massengräbern. Ist dieses Gesetz
       wirkungslos geblieben? 
       
       Uclés: Es gibt bislang keine demokratische Erinnerung, sonst würden nicht
       so viele Jugendliche heute in den Schulen „Arriba España, es lebe Franco“
       rufen. Vor allem junge Männer singen das faschistische Kampflied „Cara al
       sol“. Ich war an einer Menge Schulen, um das Buch vorzustellen. Für die
       Cadena SER, den ältesten und größten Radiosender Spaniens, mache ich einen
       Podcast zum Bürgerkrieg. Denn es sind immer die gleichen Erzählungen der
       Rechten: von Einwanderern, die uns die Arbeit wegnehmen und einheimische
       Frauen vergewaltigen; von den Arabern, die man doch in der glorreichen
       Reconquista – der Rückeroberung – gegen die Mauren vertrieben hatte. Wir
       haben rechte Politiker, die die Stimmung anheizen, um Wähler zu gewinnen.
       Das ist nicht gut.
       
       taz: Es ist dringend nötig, die historische Erinnerung wachzuhalten? 
       
       Uclés: Ja, ich verteidige das bei allen Vorträgen, ich prangere die
       fehlende Aufarbeitung an. Wenn ich in eine Provinz gehe und dort noch immer
       Straßen nach Persönlichkeiten der Diktatur benannt sind, dann ist es das
       Erste, was ich im öffentlichen Fernsehen kritisiere. Ich habe sehr viele
       Beispiele. Aber es gibt in diesem Land kein Museum des Krieges oder der
       kollektiven Erinnerung an das, was Spanien erlitten hat. Es gibt kein
       einziges Museum des Bürgerkriegs.
       
       taz: Es soll eine Gedenkstätte am bisherigen franquistischen Pilgerort, dem
       Tal der Gefallenen, entstehen. 
       
       Uclés: Es wäre ein guter Ort. Aber die Rechte wird das nicht zulassen.
       
       taz: Dass die Rechte wieder so stark geworden ist und auch junge Leute die
       Diktatur idealisieren: Macht Ihnen das Angst? 
       
       Uclés: Ja, auch persönlich, weil ich eine öffentliche Person bin. Ich werde
       beschimpft und bedroht.
       
       taz: Als Sie bei Ihren Recherchen durch Spanien reisten, hat sich da Ihre
       Sicht auf das Land verändert? 
       
       Uclés: Es ist ein viel reicheres Land, als ich dachte. Unglaublich. Meine
       beste Freundin schickte mir ein Foto mit Palmen aus Costa Rica. Aber warst
       du schon mal in Elche?, fragte ich sie. Da gibt es den größten Palmenhain
       Europas. Warst du in Plasencia, wo es immer regnet, obwohl es in der
       Extremadura liegt? Warst du in Cuenca, bei den Torcas de los Palancares? Es
       gibt überall Schönheit um uns herum.
       
       taz: Hat Sie die Arbeit an dem Buch politisiert? 
       
       Uclés: Ja, Ich bin heute fortschrittlicher und militanter als früher.
       Klarer. Mit so vielen Menschen zu sprechen, so viele Zeugnisse zu sehen,
       bedeutet, die Wunden besser zu verstehen. Am Anfang habe ich nicht viel
       über Politik geredet. Aber ich habe dann verstanden, dass man in diesem
       Land immer kritisiert wird. Dann lasse ich mich lieber für meine Haltung
       kritisieren, ich schweige nicht mehr. Ich sage offen, dass ich links wähle.
       
       taz: Wie bekommt Ihnen der Erfolg? 
       
       Uclés: Ich genieße es, nun Geld zu haben. Aber die große Aufmerksamkeit
       macht mir auch Angst. Es ist manchmal verwirrend. Deshalb nehme ich jetzt
       eine Auszeit, ich will für anderthalb Jahre ins Ausland gehen.
       
       13 Jul 2026
       
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