# taz.de -- Social-Media-Verbot für Jugendliche: The Kids are online
> Eine Kommission hat jetzt Altersgrenzen vorgeschlagen, die Kinder und
> Jugendliche online schützen soll. Doch viele Hoffnungen dürften sich kaum
> erfüllen.
(IMG) Bild: Kinder müssen an die frische Luft. Bleibt nur die Frage: Wo?
Es ist ein Jein zur Altersgrenze für die Social-Media-Nutzung, für das sich
die vom Bundesfamilienministerium eingesetzte Kommission diese Woche
ausgesprochen hat. Der Ja-Anteil: Ein gesetzliches Mindestalter von 13
Jahren sowie abgestufte Schutzstandards für die älteren Jugendlichen wären
sinnvoll. Der Vielleicht-Anteil: Es gingen auch unterschiedliche
Beschränkungen, je nachdem, als wie risikoreich eine Plattform oder eine
bestimmte Funktion eingestuft wird. Der Nein-Anteil: Bitte keine nationalen
Alleingänge, sondern eine EU-weite Regelung.
Familienministerin Karin Prien (CDU) hat sich umgehend für die
13er-Variante ausgesprochen. In den Tagen zuvor hatten sich noch diverse
Akteure, darunter die Bundesschülerkonferenz, die Kindernothilfe und der
Verbraucherzentrale Bundesverband, gegen ein Mindestalter stark gemacht. In
unterschiedlichen Stellungnahmen fordern sie stattdessen mehr Schutz vor
schädlichen Funktionen für alle Nutzer:innen.
Denn ein Mindestalter birgt nicht nur Nachteile für die Minderjährigen, die
von Kommunikationswegen abgeschnitten werden, und für die Älteren, die sich
mit digitalem Ausweis durchs Netz bewegen müssen. Es weckt auch
Erwartungen, die es nicht erfüllen kann – und zwar gleich in mehrerlei
Hinsicht:
## 1. Diskussion zu Bildschirmzeiten zwischen Eltern und Kindern sind
Vergangenheit
Wer wissen will, was die Wissenschaft zur täglichen Bildschirmzeit von
Kindern und Jugendlichen sagt, kann in eine medizinische Leitlinie schauen.
Wer ein 15-jähriges Kind – Empfehlung höchstens 2 Stunden tägliche
Bildschirmnutzung in der Freizeit – mal zum Kichern bringen will, kann ihm
diese Leitlinie zeigen. Denn so richtig und wichtig die Empfehlungen sind –
von der Lebensrealität vieler Heranwachsender sind sie eben doch ein ganzes
Stück entfernt und das ist natürlich Teil des Problems.
Die Realität in vielen Familien erinnert eher an Märkte an vielen Orten
dieser Welt: Es wird gefeilscht bis eine Seite entnervt einlenkt. Ein
Social-Media-Verbot würde an dieser Praxis nichts grundlegend ändern. Denn
Jugendliche hängen zwar tatsächlich viel auf Insta oder Tiktok ab. Aber es
gibt ja noch so viel mehr Plattformen, Spiele und andere Apps, mit denen
man die Zeit verbringen kann: Fortnite, Brawl Stars, [1][Roblox], Clash of
Clans, Be Real, Discord, Twitch, Reddit, Whatsapp, um nur eine Auswahl zu
nennen. Leitlinienkonforme Zeiten werden auch dafür natürlich zu kurz sein.
## 2. Das mit der Alterskontrolle im Netz wird schon klappen
Nicht ausgeschlossen, dass eines Tages jemand den Gordischen Knoten
zerschlägt und wir ihn haben: einen Weg, auf dem sich das eigene Alter
online nachweisen lässt. Und zwar ohne, dass die Plattformen dafür weitere
Informationen über die Nutzenden erhalten – und ohne, dass Jüngere die
Sperre einfach austricksen können. Die Bundesregierung hält zwar große
Stücke auf die Eudi-Wallet, die europäische digitale Brieftasche. Doch die
kommt in Deutschland erst Anfang kommenden Jahres – und zuletzt wurden die
Datenschutzvorgaben auf EU-Ebene wieder abgeschwächt.
Wie es aktuell aussieht, zeigt Australien: Dort arbeiten die Plattformen
mit einem abenteuerlichen Mix aus KI-Alterseinstufung und „jetzt bitte
Ausweis zeigen“. Der Absatz an falschen Schnurrbärten – fürs Austricksen
der KI – muss seitdem merkbar in die Höhe gegangen sein. In Australien
erhaltene Daten für die Alterseinstufung müssen die Plattformen zwar direkt
löschen. Aber seit wann halten sich deren Betreiber strikt an das Gesetz?
## 3. In Schulen werden Smartphones zur Nebensache
Alle Telefone vor Unterrichtsbeginn in eine Kiste. Komplettverbot.
Mitbringen erlaubt, anschalten verboten. Schulen versuchen mit
unterschiedlichen Herangehensweisen, der Smartphone-Epidemie Einhalt zu
gebieten. Mit mäßigem Erfolg, schließlich ist das Virus ansteckend:
Schleppt ein Kind es in Klasse oder Freundeskreis ein, folgt innerhalb
kurzer Zeit eine fast flächendeckende Ausbreitung.
Eine Umfrage des IT-Verbands Bitkom vor zwei Jahren ergab: Die meisten
nutzen das Smartphone für Textnachrichten. Whatsapp, Signal und SMS auf die
Verbotsliste zu setzen, würde aber wohl auch den meisten
Befürworter:innen einer Altersgrenze etwas weitgehend erscheinen.
Kalifornien geht einen anderen Weg: Es will Anbietern verbieten,
Benachrichtigungen an Minderjährige in den üblichen Unterrichtszeiten
zuzustellen. Bleibt immer noch das Problem der Altersüberprüfung.
## 4. Kinder und Jugendliche werden den für sie verbotenen Plattformen
weitgehend fernbleiben
Dass es Schlupflöcher gibt, ist kein grundsätzliches Argument gegen ein
Verbot. Allerdings sollte es schon so sein, dass die Nichteinhaltung die
Ausnahme ist. Eine Untersuchung dreier australischer Universitäten nach
Inkrafttreten der dortigen Altersgrenze kommt zu folgendem Ergebnis: 61
Prozent der Unter-16-Jährigen, die vorher schon auf den später verbotenen
Plattformen unterwegs waren, sind das weiterhin.
Und weil die Politik lieber ihre Kräfte in eine Altersgrenze steckt, als
süchtigmachende Designs und polarisierende Algorithmen grundsätzlich
anzugehen, bleiben die Jugendlichen weiterhin den Mechanismen ausgesetzt,
vor denen sie eigentlich geschützt werden sollten.
## 5. Kinder und Jugendliche werden mehr Zeit draußen verbringen
Der britische Autor und Experte für kinderfreundliche Stadtentwicklung Tim
Gill zeigt in seinem Buch „Urban Playground: How child-friendly urban
planning and design can save cities“ (etwa: Spielplatz Stadt: Wie
kinderfreundliche Planung die Städte retten kann) eine Grafik. Zu sehen:
beispielhafte Bewegungsradien von Kindern in ausgewählten Jahren seit 1919.
Waren es 1919 noch 9,6 Kilometer, die ein Kind selbstständig zurücklegte,
schrumpfte die Freiheit 1950 auf 1,6 Kilometer, 1979 auf 800 Meter, und
2007 ging es nur noch 300 Meter bis zum Ende der Straße. Dahinter steckt
nicht Social Media – Facebook etwa gibt es erst seit 2004 – sondern die
vielerorts immer kinderfeindlichere Umgebung. Werden die Kinder dann älter
und können und dürfen sich selbstständig freier draußen aufhalten, bleibt
die Frage: wo?
Gerade städtische Räume sind viel zu oft in kommerziellen Einheiten und
ihren klar definierten Nutzungsarten gedacht. „Wir brauchen mehr
Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, Sport zu machen, draußen zu sein,
sich positive Emotionen und Erfahrungen zu holen, außerhalb der digitalen
Welt“, sagte die [2][Psychologieprofessorin Julia Brailovskaia], die für
eine Altersgrenze ist, am Freitag im taz-Interview. Der politische Trend
dagegen geht zu mehr Kürzungen im Sozialbereich.
## 6. Kinder und Jugendliche werden insgesamt weniger auf Social Media
unterwegs sein
„Selbst wenn die Altersverifikation funktionieren würde: Das größere Risiko
ist, dass Jugendliche dann auf andere Plattformen ausweichen“, sagt Tibor
Jager, Professor für IT-Sicherheit und Kryptographie an der Bergischen
Universität Wuppertal, dem Science Media Center. Auf Plattformen, die
weniger reguliert sind, die Eltern und Lehrkräfte noch weniger kennen und
verstehen.
Ausweichbewegungen befürchtet auch der Deutsche Ethikrat, der sich im Juni
gegen ein Mindestalter aussprach. Jager sagt: „Die entscheidende Frage ist
nicht, wie wir Kinder von sozialen Medien fernhalten, sondern wie wir
soziale Medien für Kinder sicherer machen.“
## 7. Junge Menschen konsumieren Nachrichten dann endlich aus seriösen
Quellen
Laut der australischen Social-Media-Studie nutzen Jugendliche die
Plattformen aktiv für den Nachrichtenkonsum, ein Drittel folge dafür
spezialisierten Accounts. Auch wenn diese Nachrichten von unterschiedlicher
Qualität sein können – die Entwicklung nach dem Einführen der Altersgrenze
sehen die Forscher:innen kritisch. Denn die Betroffenen suchten keine
anderen Nachrichtenquellen, sondern bekamen einfach weniger Nachrichten
mit.
Das Verbot unterbreche etablierte Verhaltensweisen des Nachrichtenkonsums,
kritisieren die Forschenden in ihrem Report und fürchten: Werde das Verbot
strenger durchgesetzt, gehe der Nachrichtenkonsum weiter zurück.
26 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Svenja Bergt
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