# taz.de -- Die digitale Brieftasche kommt: Ausweisen mit dem Mobiltelefon
       
       > Ausweise, Führerschein, vielleicht die Gesundheitskarte – ab 2. Januar
       > 2027 sollen sie in einer digitalen App gebündelt werden. Die ist
       > freiwillig.
       
 (IMG) Bild: Auch das Bezahlen mit dem Handy soll angeblich sicherer werden
       
       Es könnte schnell gehen an der Selbstscannerkasse im Supermarkt. Doch für
       die Weinflasche ist eine Altersfreigabe nötig. Die Kasse erkennt zwar
       Gurken und Rosinenschnecken, aber nicht, dass die Kundin Mitte 40 ist. Und
       so warten an diesem Freitagabend alle in der Schlange, dass Personal kommt
       und die Kasse wieder freischaltet.
       
       Von nächstem Jahr an könnte es einfacher werden. [1][Die deutsche Version]
       der Europäischen digitalen Identitäts-Wallet, kurz Eudi-Wallet, die
       digitale Brieftasche im Mobiltelefon, soll Altersfreigaben direkt an der
       Kasse möglich machen. In ihr soll wie in einer echten Brieftasche der
       Personalausweis stecken, der Führerschein, vielleicht die Gesundheitskarte,
       alles digital.
       
       Losgehen soll es Anfang 2027, auch wenn es zuletzt Berichte gab, es laufe
       nicht rund. „Wir haben während der Entwicklung immer Termine eingehalten
       und das werden wir auch mit dem 2. Januar so halten“, sagt Hagen Saxowski,
       zuständiger Referatsleiter im Digitalministerium. Natürlich werde zu Anfang
       nicht alles möglich sein, aber das sei ohnehin ein wachsendes System.
       
       Die digitale Brieftasche ist eine App, ein Programm für das Mobiltelefon,
       in dem sich wichtige Daten rechtsgültig speichern lassen. Zur App gehört
       ein großer Baukasten, den Unternehmen nutzen können, um Funktionen der
       digitalen Brieftasche zu verwenden. Und diese Anwendungen der Unternehmen
       machen den besonderen Reiz der digitalen Brieftasche aus.
       
       ## Nutzer können die Weitergabe von Daten verweigern
       
       Möglich ist einiges. Da wäre zum Beispiel der Nachweis, ob jemand
       tatsächlich zeichnungsberechtigt für ein Unternehmen ist, wofür derzeit ein
       aktueller Handelsregisterauszug nötig ist. Oder die vereinfachte
       Immatrikulation mit Nachweis. Oder digitale E-Ladekarten für E-Autos. Oder
       der Nachweis, dass ein Steuerberater öffentliche Akten einsehen darf.
       Technisch möglich wäre es auch, in Echtzeit zu zeigen, ob jemandem die
       Fahrerlaubnis entzogen wurde.
       
       Dabei soll alles deutlich datensparsamer sein als bisher. „Der Türsteher im
       Club zum Beispiel lässt sich bisher den Personalausweis zeigen und liest im
       Zweifel auch die Adresse, die er aber nicht braucht“, sagt Saxowski. Die
       digitale Brieftasche liefert nur Foto, Namen und die Angabe, dass die
       Person über 18 ist. „Es werden nur die Daten offengelegt, die für eine
       besondere Anwendung nötig sind.“
       
       Unternehmen, die eine Anwendung für die Eudi-Wallet planen, müssen sich bei
       der staatlichen Betreibergesellschaft Common Code registrieren und dort
       auch festlegen, welche Daten sie abfragen werden. Nutzern wird später
       angezeigt, welche Daten abgefragt werden. Sie können die Weitergabe
       verweigern. Sollte es übermäßige Abfragen geben, kann man sich beschweren,
       das Unternehmen wird dann überprüft. Verbraucherschützer hatten bereits im
       vergangenen Jahr gefordert, übermäßigen Datenabruf zu begrenzen.
       
       ## Hacker sollen Fehler finden
       
       Entwickelt wurde die deutsche Eudi-Wallet mit innovativem Ansatz. Die
       Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) startete im Frühjahr 2024 mit
       einem Wettbewerb, um eine Lösung zu erarbeiten. Von Universität über
       Start-up bis Konzern waren Teams beteiligt. Das Bundesamt für Sicherheit in
       der Informationstechnologie ist eingebunden.
       
       In diesem August wollen die Entwickler den Quellcode, den Bauplan der
       Software, veröffentlichen. Dann ist eine sogenannte Bug Bounty geplant, bei
       der Hacker gegen Belohnung Sicherheitslücken finden sollen. Im Oktober oder
       November können ausgewählte Personen prüfen, ob das System praxistauglich
       ist. Am 2. Januar 2027 soll die digitale Brieftasche dann für alle
       verfügbar sein.
       
       „Wir wissen, dass es am Anfang wackeln wird“, sagt Thomas Lodderstedt,
       Projektleiter bei Sprind. Das sei bei Projekten dieser Größe normal.
       Deshalb plant das Team die ersten drei Monate 2027 als Einführungsphase,
       danach soll die digitale Brieftasche immer dicker werden, wenn neue
       Anwendungen dazukommen. Das ist wichtig für die Akzeptanz. Denn nichts wäre
       schlimmer, als wenn die Brieftasche verfügbar ist, aber niemand sie haben
       will. „Ein paar Millionen Nutzer sollten es im nächsten Jahr aber schon
       sein“, sagt Lodderstedt. Wichtig: Die digitale Brieftasche zu nutzen, ist
       freiwillig.
       
       Zum Start kann sich jeder Bundesbürger die App herunterladen und dann den
       Personalausweis mit der sechsstelligen Pin in die digitale Brieftasche
       stecken. Damit lässt sich dann zum Beispiel direkt online ein Bankkonto
       eröffnen. Auch die Altersprüfung für Geschäfte sollte funktionieren. „Wir
       gehen davon aus, dass der Führerschein zügig folgt“, sagt Lodderstedt. In
       die digitale Brieftasche sollen auch Ehrenamtskarte und Sozialpass wandern.
       
       Noch haken wird es beim Einsatz im Bürgeramt oder der Gemeindeverwaltung.
       Die 11.000 Kommunen in Deutschland sind zum Teil nicht so weit. Nur wenn
       zum Beispiel das Melderegister digitalisiert ist, lässt sich die digitale
       Brieftasche auch mit solchen Daten nutzen. Einfachere Behördengänge, wie
       versprochen, werden deshalb noch nicht überall möglich sein.
       
       Auch eine andere Funktion dürfte anfangs fehlen. Die digitale Brieftasche
       soll [2][der EU-Vorgabe zufolge] europaweit auslesbar sein. Wer sich in
       Italien ein Bier kauft, soll sein Alter genauso nachweisen können wie in
       Deutschland. Und auch an französischen Flughäfen sollte ein Deutscher sich
       mit dem Perso in der digitalen Brieftasche ausweisen können. Ob das vom 2.
       Januar an möglich ist? „Ich gehe nicht davon aus, dass zum Start alles
       interoperabel ist“, sagt Lodderstedt.
       
       3 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Bundesminister-fuer-Staatsmodernisierung/!6102676
 (DIR) [2] /Lockerung-von-Datenschutzregeln/!6131136
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Björn Hartmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Digitalisierung
 (DIR) Datenschutz
 (DIR) Verbraucher
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Digitalisierung
 (DIR) Big Tech
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) Bundesregierung
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Experten kritisieren digitale Wallet: Digitale Brieftasche mit Haken
       
       2027 soll die digitale Brieftasche starten. Bei einer Anhörung weisen
       Expert:innen nun auf Probleme beim Datenschutz und der IT-Sicherheit
       hin.
       
 (DIR) Social-Media-Verbot für Jugendliche: The Kids are online
       
       Eine Kommission hat jetzt Altersgrenzen vorgeschlagen, die Kinder und
       Jugendliche online schützen soll. Doch viele Hoffnungen dürften sich kaum
       erfüllen.
       
 (DIR) Lockerung von Datenschutzregeln: EU will alle Warnungen ignorieren
       
       Die EU-Kommission will Firmen Zugriff auf sensible Daten erleichtern und
       das KI-Gesetz bis zu 16 Monate aussetzen. Daran gibt es scharfe Kritik.
       
 (DIR) Minister für Staatsmodernisierung: Auf digitaler Mission
       
       Karsten Wildberger soll ein Ministerium aufbauen, in dem Digitales nicht
       nur ein Anhängsel ist. Er zeigt sich transparent und dialogbereit. Reicht
       das?