# taz.de -- Expertenkommission zu Social Media: Vielleicht eine Altersgrenze und 55 weitere Maßnahmen
> Zum Umgang junger Menschen mit Social Media gibt eine Kommission
> zahlreiche Empfehlungen ab. Beim Streitthema „Verbot“ legen sich die
> Expert:innen aber nicht fest.
(IMG) Bild: Social-Media-Verbot ab 13, 14 – oder gar nicht? Die Expert:innenkommission legt sich nicht fest
Kinder und Jugendliche sollen besser vor den Gefahren von Social Media und
künstlicher Intelligenz geschützt werden. Das forderte am Mittwoch die von
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) eingesetzte
Expert:innenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen
Welt“. Für „ein gutes Aufwachsen“ mit Tiktok und Co. gehöre allerdings
genauso Befähigung und Teilhabe, sagte der Kieler Bildungsforscher Olaf
Köller bei der Vorstellung von 56 Empfehlungen. Wie das gelingen soll,
steht [1][in] [2][einem umfassenden Papier], das Köller und seine
Kommissions-Co-Vorsitzende Nadine Schön zuvor der Bundesregierung übergeben
hatten.
Beispielsweise sollten Hebammen Eltern schon während der Schwangerschaft
auf die Risiken von Bildschirmzeit im Babyalter sowie Handynutzung der
Eltern aufklären, Kinderärzt:innen bei den Vorsorgeuntersuchungen
systematisch auf die Risiken von Social Media aufmerksam machen. Unis und
andere Ausbildungsorte müssten Erzieher:innen, Sozialarbeiter:innen
und Lehrkräfte künftig alle verpflichtend medienpädagogisch schulen. Und
die Politik sollte unter anderem sinnvolle Schulprojekte verstetigen und
Plattformen verbieten, Jugendliche mit automatisch abspielenden Videos,
personalisierten Feeds und ständigen Push-Nachrichten an die Screens zu
fesseln.
„Unsere Empfehlungen setzen entlang der gesamten Biografie an, von der
frühen Kindheit bis zum Erwachsenwerden“, sagte die CDU-Politikerin und
frühere Bundestagsabgeordnete Schön. Ihre Parteikollegin Prien lobte die
„wichtigen Impulse für eine moderne Kinder- und Jugendpolitik“. Als
Ministerin, die auch für den Jugendschutz zuständig sei, werde sie sich
„mit Nachdruck“ für deren Umsetzung einsetzen. Aus ihrer Sicht wäre es
allein ein großer Schritt, wenn die elterliche Medienerziehung erstmals als
Norm im Bürgerlichen Gesetzbuch festgehalten würde.
Die Kommission erklärte sich überzeugt, dass das viel diskutierte
Social-Media-Verbot bis 14 Jahre, [3][wie es auch die Regierungsparteien
SPD und CDU gefordert hatten], allein nicht weiterhelfen werde. Anfang
dieser Woche hat ein breites Bündnis erneut vor einem solchen pauschalen
Verbot gewarnt. Apps wie Tiktok und Co. seien „elementare Orte“ für
Freundschaften, Informationen und Unterhaltung, heißt es in der Erklärung
der Kindernothilfe und weiteren Verbänden.
## Zwei Alternativen
Das Argument greift auch die Kommission auf: „Kinder- und Jugendliche aus
der digitalen Welt auszusperren, ist kein Schutz“, sagte Köller. Bei der
Frage nach einer Altersgrenze legt sie sich aber nicht fest und schlägt
stattdessen zwei Alternativen vor. Entweder eine gesetzliche
Mindestaltersgrenze von 13 Jahren, bei der aber auch Ausnahmen für
„nachweislich kindergerechte Angebote“ möglich sein sollen. Oder eine
Regelung, nach der für jede einzelne Plattform oder Funktion eigene
Altersgrenzen gezogen werden können. Dass die Kommission damit die heikle
Frage der Politik zuschiebe, wiesen die beiden Vorsitzenden zurück. Die
beiden Alternativen hätten eine große Schnittmenge und stärkten beide den
Schutz von jungen Menschen.
Bundesbildungsministerin Prien jedenfalls nahm das Zuspiel dankend auf:
„Ich will keinen Hehl daraus machen, dass ich große Sympathie für die
Altersgrenze ab 13 habe“, sagte Prien. Zur Umsetzbarkeit verwies sie auf
die von der EU geplante App „EUDI Wallet“, über die sich die
Nutzer:innen dann digital für Dienste anmelden müssten. Die App soll ab
Anfang 2027 zur Verfügung stehen und verhindern, dass Jugendliche die
Beschränkung so leicht umgehen wie teils in Australien. [4][Das Land hatte
als erstes weltweit ein Social-Media-Verbot unter 16 Jahren eingeführt.]
In den nächsten Tagen will Prien nun das Gespräch mit ihren
EU-Amtskolleg:innen sowie der EU-Kommission suchen, um auszuloten, ob eine
europaweite Regelung realistisch ist. Falls nicht – etwa weil andere Länder
keine oder eine deutlich spätere Altersgrenze wollen – werde sie „noch in
diesem Jahr“ eine nationale Regelung einführen.
Ob sich Prien mit einem pauschalen Verbot durchsetzen kann, ist allerdings
noch offen. Die SPD weiß sie zwar auf ihrer Seite. Allerdings hat sich
jüngst die Unionsfraktion im Bundestag dagegen positioniert und sich für
variable Altersgrenzen ausgesprochen.
## Kritik und Lob
Unklar ist auch die Umsetzung weiterer Empfehlungen. Die Grünen kritisieren
in dem Zusammenhang die von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ins Spiel
gebrachten [5][Kürzungen bei der Kinder- und Jugendhilfe]. Wer Kinder
online schützen wolle, brauche auch bessere Offline-Angebote für junge
Menschen, mehr Jugendtreffs und Freizeitangebote, sagte die
Bundestagsabgeordnete Denise Loop. Auch der von der Kommission geforderte
Ausbau der Schulsozialarbeit wird nicht ohne massive Investitionen gehen –
zuletzt haben Kommunen und Länder aus Spargründen jedoch vielerorts eher
Stellen abgebaut.
Zweifel hat auch Amy Kirchhoff, Generalsekretärin der
Bundesschülerkonferenz. Mit Blick auf die Verantwortung von Schulen fordert
die Abiturientin, dass das Thema „digitale Bildung“ nicht nur auf dem
Papier in den Lehrplänen stehen dürfe. „Viele Lehrkräfte wissen nicht, wie
sie das vermitteln sollen“, sagte Kirchhoff der taz. Da sei es nicht mit
zwei Projekttagen zum Thema Cybermobbing getan. Sie mahnte auch, die
Bedeutung von Social Media als „alternativen sozialen Raum“ nicht zu
unterschätzen. „Man begegnet hier anderen Meinungen. Das kann im Zweifel
ein Ersatz sein für den Jugendklub, für den die Gelder zusammengestrichen
werden.“ Deshalb ist Kirchhoff gegen ein pauschales Verbot für eine
bestimmte Altersgruppe.
Marcel Burghardt würde es begrüßen. Der Geschäftsführer von „Social Web
macht Schule“, die in Sachsen Workshops zu Social Media in Schulen
anbieten, beobachtet häufig „maßlos überforderte Eltern“, die nach
Orientierung suchten, „wann welche App angemessen“ sei. Aus Sorge vor
Ausgrenzung würden sie ihren Kindern dann tendenziell „immer früher ein
Smartphone in die Hand geben“. Eine Altersgrenze würde ihnen eine
Orientierung geben.
Burghardt ist auch deshalb für eine Altersgrenze, weil er skeptisch ist,
was an digitaler Bildungsarbeit überhaupt möglich ist. „Wir bräuchten
endlich Förderstrukturen, die nachhaltiger angelegt sind als nur für ein
Jahr. Aber Schulbudgets werden eher gekürzt, ist unsere Erfahrung.“
## Überforderte Eltern
Dass sich viele Eltern beim Thema „Social Media“ überfordert fühlen, kann
die Bremer Kinderärztin Judith Hildebrandt bestätigen. Sie beobachtet jeden
Tag, wie massiv sich bereits heute die Folgen von unreguliertem
Medienkonsum zeigen: in einer gehemmten Sprachentwicklung und Motorik, in
mangelnder Neugierde. „Viele Eltern wissen gar nicht, wie stark das mit
ihrem eigenen Handyverhalten zu tun hat“, sagt Hildebrandt der taz. In
ihrer Praxis selbst spreche sie das Thema deshalb an.
Hildebrandt begrüßt die Vorschläge der Kommission, Eltern so früh wie
möglich zu sensibilisieren: „Es ist absolut wichtig, das
Gesundheitspersonal stärker einzubeziehen und auch Fachkräfte an Kitas,
Grundschulen und Ganztag entsprechend zu schulen.“ Allerdings versteht sie
nicht, warum die Bundesregierung das Budget der Kinderärzt:innen
deckeln möchte. „Im schlimmsten Fall können wir nicht mehr alle
Vorsorgeuntersuchungen anbieten.“
24 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/290236/32c7a742b1ee00b498fca42c37784c99/20260624-handlungsempfehlungen-expertenkommission-kinder-und-jugendmedienschutz-data.pdf
(DIR) [2] https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/290236/32c7a742b1ee00b498fca42c37784c99/20260624-handlungsempfehlungen-expertenkommission-kinder-und-jugendmedienschutz-data.pdf
(DIR) [3] /Altersbegrenzung-auf-Social-Media-Bei-Forscherinnen-umstritten/!6155008
(DIR) [4] /Social-Media-in-Australien/!6153679
(DIR) [5] /Ausstieg-aus-der-Jugendhilfe/!6166437
## AUTOREN
(DIR) Ralf Pauli
(DIR) Anna Klöpper
## TAGS
(DIR) Big Tech
(DIR) Social Media
(DIR) Karin Prien
(DIR) Bildung
(DIR) Schule
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social Media
(DIR) Social Media
(DIR) Digitalisierung
(DIR) Big Tech
(DIR) Social Media
(DIR) Big Tech
(DIR) Social Media
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social Media
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Handys an Schulen: Drei Bundesländer verschärfen die Handyregeln
Sachsen und Bayern weiten das Handyverbot aus. Und in Rheinland-Pfalz zeigt
die Neubesetzung des Bildungsministeriums Wirkung.
(DIR) Social-Media-Verbot für Kinder: Es droht eine Luftnummer
Die EU-Expertenempfehlungen enthalten sinnvolle Punkte. Jedoch bleibt die
Durchsetzbarkeit bisher noch völlig offen.
(DIR) EU-Experten für Social-Media-Verbot: Kindersicherung im Internet rückt näher
Ein EU-Expertengremium empfiehlt ein Social-Media-Verbot für unter
13-Jährige. Die Kommission will sich nach der Sommerpause festlegen.
(DIR) Vorwurf gegen Instagram: EU-Kommission kritisiert Meta wegen Suchtgefahr
Die Kommission fordert den Digitalkonzern zu erheblichen Änderungen bei
seinen Onlineplattformen auf. Die suchtfördernden Designs würden gegen
EU-Recht verstoßen.
(DIR) Experten kritisieren digitale Wallet: Digitale Brieftasche mit Haken
2027 soll die digitale Brieftasche starten. Bei einer Anhörung weisen
Expert:innen nun auf Probleme beim Datenschutz und der IT-Sicherheit
hin.
(DIR) Social-Media-Verbot für Jugendliche: The Kids are online
Eine Kommission hat jetzt Altersgrenzen vorgeschlagen, die Kinder und
Jugendliche online schützen soll. Doch viele Hoffnungen dürften sich kaum
erfüllen.
(DIR) Leben ohne Social Media: „Nach zwei Wochen verbessert sich die psychische Gesundheit“
Wie wirkt Social Media auf die Psyche? Die Psychologieprofessorin Julia
Brailovskaia über die Mechanismen von Plattformen und was Abstinenz bringt.
(DIR) Ergebnis der Social-Media-Kommission: Dann vielleicht doch besser das, was Karin Prien sagt
Seit September beraten Expert:innen über den richtigen politischen
Umgang mit den sozialen Medien. Die wichtigste Frage lassen sie einfach
offen.
(DIR) Social-Media-Verbot für Kinder: Australien war der Trendsetter
Bildungsministerin Karin Prien will für Social Media eine Altersgrenze
einführen und fragt Experten. Viele Länder gehen schon weiter als
Deutschland.
(DIR) Social-Media-Verbot für Kinder: Begrenzt die Macht der Konzerne
Nicht Kinder sollten vor allem Social-Media-Kompetenz erlangen. Eher sollte
den Digitalkonzernen Verantwortung für Kinderschutz abverlangt werden.
(DIR) Altersbegrenzung bei Tiktok und Co: Die große Versuchung
Die SPD spricht sich für ein Social-Media-Verbot für Jugendliche aus. Ob
das der richtige Weg ist, ist selbst bei Forscher:innen umstritten.