# taz.de -- Persönlicher Essay zum Nahost-Konflikt: Die Mauer zwischen ihnen
       
       > Der jüdisch-amerikanische Publizist Yossi Klein Halevi lädt in seinem
       > Essay „Briefe an meinen palästinensischen Nachbarn“ zum Perspektivwechsel
       > ein.
       
 (IMG) Bild: Israelische Fallschirmjäger haben im Sechstagekrieg 1967 in der Altstadt von Jerusalem den Zugang zur Klagemauer wiederhergestellt
       
       Es gibt international anerkannte Publizisten, bei denen es ein Rätsel ist,
       warum sie im deutschen Diskurs kaum präsent sind. Yossi Klein Halevi ist so
       jemand. Mit seinen Büchern, Artikeln und Podcasts ist er eine wichtige
       öffentliche Stimme in Israel und in den USA. In Deutschland hingegen
       erschienen bislang nur vereinzelt Interviews. Dabei sind Klein Halevis
       Schriften und die Biografie äußerst beeindruckend.
       
       Yossi Klein Halevi, geboren 1953, wuchs als Sohn ungarischstämmiger
       Emigranten in Brooklyn auf. Als Teenager setzte er sich lautstark für die
       Belange und die Ausreise sowjetischer Jüdinnen und Juden ein. Darüber
       hinaus schloss er sich der Jewish Defense League an.
       
       In „Memoirs of a Jewish Extremist“ (1995) schreibt Klein Halevi
       selbstkritisch über seine Zeit als Anhänger von Meir Kahane – einem
       extremistischen, rassistischen Rabbiner aus Brooklyn, der später in Israel
       als hasserfüllter Politiker aktiv war und heute ein Idol von ultrarechten
       Ministern wie Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir ist.
       
       ## Dem anderen einen Platz zugestehen
       
       1982 wanderte Klein Halevi nach Israel aus. 2001 publizierte er das Buch
       „At the Entrance to the Garden of Eden“ (deutsch 2009). Darin erzählt er
       von seiner spirituellen Reise in die Welten des Christentums und des Islams
       in Israel. „Like Dreamers“ (2013) handelt von den israelischen
       Fallschirmjägern, die im Sechstagekrieg 1967 die Altstadt von Jerusalem
       eingenommen und damit den Zugang von Jüdinnen und Juden zur Klagemauer
       wiederhergestellt hatten. 2018 erschien „Letters to My Palestinian
       Neighbour“. Der Essay, der als Klassiker der Literatur zum
       Israel-Palästina-Konflikt gilt, ist nun auch auf Deutsch erschienen.
       
       Vor allem das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und die darauf folgende
       Zerstörung Gazas durch Israel lässt vieles an diesem Buch wie ferne
       Vergangenheit wirken. „Doch schon damals (…) schien die Kluft zwischen
       Israelis und Palästinensern unüberbrückbar“, schreibt Klein Halevi im
       Vorwort. Die Hoffnung auf den Friedensprozess in den 1990er Jahren hatte er
       noch persönlich miterlebt, er glaubte an die Versöhnung zwischen den beiden
       Nationen. Mit seinem Buch wollte er aufzeigen, dass echter Frieden mehr als
       diplomatisches Geschick erfordere, sondern auch eine „Angelegenheit des
       Herzens, der Geschichte und Identität“ sei. Und das bedeute auch, „dem
       anderen einen Platz zuzugestehen, Wünsche und Wunden ernstzunehmen“.
       
       „Briefe an meinen palästinensischen Nachbarn“ versucht, die jüdische und
       israelische Seite der Konfliktgeschichte zu erzählen – und arbeitet damit
       etwas heraus, was die globale antizionistische Bewegung ignoriert und
       negiert. Seine insgesamt zehn Briefe habe Klein Halevi vor allem aus einem
       persönlichen Verantwortungsgefühl als Israeli verfasst.
       
       Sie beginnen mit Reflexionen zur „Mauer zwischen uns“, deren Materialität
       Klein Halevi von seiner Wohnung in Ostjerusalem mit Blick auf das
       Westjordanland beobachten kann; sie enden mit einem Essay über das jüdische
       Sukkotfest, das an die Reise der Israeliten durch die Wüste ins heutige
       Israel erinnert und die Laubhütte als Schutzort zelebriert.
       
       Klein Halevi schreibt persönlich, lyrisch und bildreich. Die Religion ist
       für ihn eine wichtige spirituelle und politische Inspirationsquelle, auch
       wenn er betont, grundsätzlich keine dezidiert religiösen Parteien zu
       wählen, weil diese das Leben in Israel und den Konflikt mit den
       Palästinensern nur noch weiter aufladen würden. Für die Paradoxien des
       israelischen Alltags hat Klein Halevi ein feines Gespür. So etwa, wenn er
       beschreibt, wie er 2006 mit anderen Restaurantgästen vor den Raketen
       flüchten musste, welche die Hisbollah im Namen der palästinensischen Sache
       abgeschossen hatte: „Araber und Juden drängten sich in die Küche, um Schutz
       zu suchen. Wir standen dicht gedrängt in unangenehmer Stille da.
       Schließlich sagte jemand: ‚Koexistenz‘. Alle lächelten traurig.“
       
       Klein Halevis Texte sind vom Glauben an die Kraft des respektvollen Dialogs
       geprägt. Er webt eigene Erkenntnisprozesse und Erfahrungen ein, etwa als
       Soldat [1][in Gaza] und im Westjordanland in den 1980ern, reflektiert
       Israels Position als jüdischer Staat in einer vorwiegend muslimisch und
       arabisch geprägten Region und betont, dass es zur Andersartigkeit der
       anderen dazugehört, auch die Geschichte anders zu erzählen. Besonders
       deutlich wird das mit Blick auf den 1948er-Krieg, der für die Israelis zur
       staatlichen Unabhängigkeit führte. Für die Palästinenser hingegen bedeutete
       dieser Krieg in der Konsequenz oft Flucht und Vertreibung, weshalb sie
       diesen Krieg in der Regel anders erinnern als [2][jüdische Israelis].
       
       Es ist konsequent, dass am Ende des Buchs einige der Antwortbriefe
       abgedruckt sind, die Klein Halevi auf seine Einladung hin von
       Palästinensern aus der ganzen Welt erhalten hat. Mit der Entscheidung,
       diese Texte für sich stehen zu lassen und selbst dann nicht weiter zu
       kommentieren, wenn sie sich stark an den eigenen Essays reiben, zeigt Klein
       Halevi eine Geste der Großzügigkeit, Souveränität und Stärke. Es ist zu
       wünschen, dass seine Publikationen stärker Eingang in die deutsche
       Nahostdebatte finden.
       
       25 Jun 2026
       
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