# taz.de -- Apothekenreform: Redet miteinander!
> Die Apothekenreform soll die Ärzteschaft entlasten, aber die stellt sich
> quer. Dabei profitieren Apotheken und Praxen von einer neuen
> Aufgabenteilung.
(IMG) Bild: Apotheker*innen sollen neue Aufgaben bekommen
Bevor PatientInnen ein rezeptpflichtiges Medikament in den Händen halten,
waren ÄrztIn und ApothekerIn im Spiel. Eine verordnet, die andere prüft und
gibt raus. Im Berufsalltag begegnen sich ÄrztInnen und ApothekerInnen
allerdings so gut wie nie. Geisterhaft arbeiten sie nebeneinander her.
Sprechen müssen beide Berufsgruppen erst miteinander, wenn etwas
schiefläuft. Da ist die Packungsgröße vergessen worden, die Apothekerin
fragt also nach. Manchmal entsteht auf beiden Seiten der Eindruck, die
jeweils andere habe „keine Ahnung“ vom Alltag der anderen. Diese
Nicht-Kommunikation ist leider oft Standard. Die verschärft wird durch das
jüngst vom [1][Bundestag beschlossene
Apothekenversorgungs-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG)]: Denn jetzt sollen
Apotheken zusätzliche Aufgaben übernehmen, die bislang ausschließlich Sache
von ÄrztInnen war. Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe,
Hans-Albert Gehle, spricht von einer überschrittenen „roten Linie“.
Doch was stört die Ärzteschaft eigentlich an der Apothekenreform? Das
Gesetz sieht unter anderem vor, dass Apotheken traditionell „ärztliche“
Aufgaben übernehmen: die Abgabe bestimmter verschreibungspflichtiger
Medikamente bei unkomplizierten Erkrankungen, Impfen, Blutentnahme sowie
Schnelltests auf Erreger wie Influenza-, Adeno-, Noro-, RS- oder Rotaviren.
Das soll Apotheken vor Ort stärken, deren Zahl bundesweit auf rund 16.600
zurückgegangen ist – ein [2][Tiefstand seit 50 Jahren]. Wir, eine Ärztin
und eine Apothekerin, wundern uns, wie ablehnend die Debatten dazu zwischen
den Berufsgruppen geführt werden. Man gewinnt den Eindruck, es gehe vor
allem darum, den eigenen Berufsstand zu verteidigen, statt die
Patientenversorgung zu verbessern.
Laut einer Analyse der Kaufmännischen Krankenkasse von 2024 haben Menschen
in Deutschland im Schnitt bis zu zehn Arztkontakte pro Jahr – extrem viele,
im europäischen Vergleich. Gleichzeitig sind viele PatientInnen
unzufrieden: 44 Prozent kritisieren die telefonische Erreichbarkeit von
Praxen, 42 Prozent meinen, dass das in den vergangenen fünf Jahren noch
schlechter geworden sei. 27 Prozent halten die Öffnungszeiten von
Arztpraxen für unzureichend. Apotheken sind dagegen niedrigschwellig und
ohne Termin erreichbar. 78 Prozent der Menschen wohnen laut des
Barmer-Instituts für Gesundheitssystemforschung weniger als zwei Kilometer
von einer Apotheke entfernt. Gleichzeitig sind Arztpraxen vielerorts
überlastet, insbesondere in ländlichen Regionen. Hinzu kommt, dass jede
vierte HausärztIn in den nächsten Jahren den Ruhestand plant. Knapp 41
Prozent der HausärztInnen in Deutschland sind 60 Jahre alt oder älter. Es
müssen also neue und vor allem pragmatische Lösungen gefunden werden. Diese
sollten wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden.
Obwohl auch ÄrztInnen berechtigterweise über eine stete und wachsende
Überlastung klagen, tun sie sich schwer damit, Aufgaben abzugeben. Dabei
ist die Debatte über die Aufgabenverteilung zwischen den Gesundheitsberufen
und das Nichts-abgeben-Wollen gar nicht neu. ÄrztInnen und Pflegekräfte
ringen immer wieder um Fragen der Delegation von Aufgaben: Wer darf was am
Patienten machen? Meist beharrt die Ärzteschaft darauf, die bestehende
Regeln einzuhalten. Diese Auseinandersetzungen gibt es auch zwischen
ApothekerInnen und den pharmazeutisch-technischen AssistentInnen (PTA).
Auch das soll sich durch die ApoVWG-Reform, die am kommenden Freitag im
Bundesrat verhandelt wird, ändern: Apotheken im ländlichen Raum sollen
künftig bis zu 20 Tage im Jahr auch von PTAs geführt werden können. Das
lehnen viele ApothekerInnen ab.
Doch ist das oft vorgetragene Motiv tatsächlich die Sorge darüber, dass die
Qualität der Behandlungen und die Patientensicherheit gefährdet sind? Oder
steht dahinter vielmehr eine Angst, die Hoheit über den eigenen Beruf zu
verlieren? Natürlich muss man wichtige fachliche Einwände beachten, dass
etwa bei Antibiotika eine kontrollierte Abgabe und eine Überwachung extrem
wichtig sei, um Resistenzentwicklungen zu vermeiden. Für solche Fälle
braucht es klare Regeln und eine genaue Kontrolle. Gleichzeitig können
Apotheken Versorgungslücken schließen, etwa an Tagen mit eingeschränkten
Praxisöffnungszeiten oder an Wochenenden und Feiertagen. So müssen Menschen
mit unkomplizierten Beschwerden nicht in bereits überlastete Notaufnahmen
gehen.
Das funktioniert. In Großbritannien geben ApothekerInnen bestimmte
Medikamente bei einigen unkomplizierten Erkrankungen bereits ab. Auch in
Neuseeland können Apotheken einige Arzneimittel rezeptfrei für häufige
Erkrankungen direkt abgeben. Eine [3][Cochrane-Analyse] zeigt, dass nicht
ärztliche Fachkräfte bei der Behandlung häufiger Erkrankungen vergleichbare
Ergebnisse wie ÄrztInnen erzielen können. Bereits heute gibt es Beispiele
einer gelungenen Aufgabenverlagerung: Impfungen in Apotheken werden gut
angenommen, 2024 wurden rund 79.000 Covid- und 121.000 Grippeimpfungen in
Apotheken durchgeführt.
Richtige Reformen bieten die Chance, unser Gesundheitssystem
interprofessioneller zu gestalten. Dafür müssen die beiden Berufsgruppen
Mut für einen Dialog finden. So forderten die Studierendenverbände von
Medizin- und Pharmaziestudierenden in einer gemeinsamen Pressemitteilung:
„Aus der Perspektive der nächsten ApothekerInnen- und ÄrztInnengeneration
wird die Einseitigkeit, mit der diese Initiative teilweise abgelehnt wurde,
weder dem Problem noch dem Lösungsansatz gerecht.“ Wenn wir die
Patientenversorgung wirklich verbessern wollen, müssen wir uns mehr trauen
und vor allem einander vertrauen. Ohne sachliche Diskussion und ohne die
Bereitschaft für Veränderungen wird das nicht gelingen. Zu Recht heißt es
nach jeder Medikamentenwerbung: „Zu Risiken oder Nebenwirkungen (…) fragen
Sie Ihren Arzt oder Ärztin oder fragen Sie in Ihrer Apotheke.“ Denn beide
können helfen, sie sollten aber auch miteinander sprechen.
11 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/apovwg
(DIR) [2] /Gesundheitsversorgung-im-Norden-Hamburgs/!6169871
(DIR) [3] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27873322/
## AUTOREN
(DIR) Sofia Zharinova
(DIR) Judith Rieping
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