# taz.de -- Gesundheitsversorgung im Norden Hamburgs: Die letzte ihrer Art
       
       > In Hamburg-Steilshoop bricht die medizinische Grundversorgung zusammen.
       > Für die letzte Apotheke ist die Lage dadurch existenzbedrohend. Ein
       > Besuch.
       
 (IMG) Bild: Apothekerin Dorothea Metzner: Führt die einzige Apotheke im Hamburger Stadtteil Steilshoop
       
       Noch ist sie da, die letzte Apotheke im Hamburger Stadtteil Steilshoop,
       aber man muss sie erst mal finden: Pfeile auf den Schildern mit dem
       bekannten roten A weisen den Weg. Sie führen durch ein Labyrinth aus
       Bauzäunen, Gerüsten und holzverkleideten Tunneln, durch ein fast
       leerstehendes Einkaufszentrum, mitten durch die Großbaustelle für [1][die
       geplante U5]. Dann ist man da – an der Apotheke von Dorothea Metzner, einem
       der letzten medizinischen Ankerpunkte der Hochhaussiedlung.
       
       Steilshoop liegt wie eine abgetrennte Insel im Norden Hamburgs: Schlecht zu
       erreichen, schlecht ausgestattet und schlecht beleumundet. Knapp [2][20.000
       Menschen leben in dem Quartier] – unter ihnen sind weit mehr Kinder und
       Alte als im Hamburger Durchschnitt, weit mehr Menschen mit
       Migrationshintergrund und weit mehr, die auf Grundsicherung angewiesen
       sind.
       
       Ende der 1960er Jahre wurde die Siedlung als urbane und autogerechte Utopie
       entworfen. Zwei Reihen aus jeweils acht Hausringen laufen in einem flachen
       V auf das ehemalige Herz des Viertels zu – auf das Einkaufszentrum, vom
       Boulevard einst „Ekel-EKZ“ getauft.
       
       Auf diesem Areal liegt auch Dorothea Metzners Apotheke. Was einst ein
       irgendwie funktionierendes Nahversorger-Zentrum war, leidet seit Jahren
       unter der maroden Substanz und immer mehr unter Leerstand. Heute kommen
       Influencer hierher und machen sich einen Spaß daraus, die bröckelnden
       Fassaden, Wasserschäden, Taubennester, den Müll und die leeren Gänge zu
       filmen.
       
       ## Eine riesige Baustelle macht alles noch schwerer
       
       Eigentlich soll vieles besser werden: Ein Sanierungsgebiet wurde
       ausgerufen, das Einkaufszentrum soll einem schöneren Neubau weichen. Und:
       Endlich soll der Stadtteil dank der U-Bahn-Linie 5 auch ans Schienennetz
       angebunden werden. Bisher fahren nur Busse die Menschen von hier aus in den
       Rest Hamburgs.
       
       Doch bis es so weit ist, ist erst mal alles schlechter als zuvor. So ein
       [3][U-Bahn-Bau ist aufwendig;] erst irgendwann in den 2030er Jahren soll
       die Haltestelle direkt am neuen EKZ eröffnen. Vor allem für die Alten seien
       die Wege zwischen Dreck und Gerüsten oft zu weit geworden, erzählt Metzner.
       
       An diesem Freitagmorgen steht die Apothekerin schon bereit, als die
       Grünen-Bezirksabgeordnete Myriam Christ gegen zehn Uhr hereineilt, um sich
       zu informieren. Die beiden Frauen gehen ins kleine Büro, im hinteren Teil
       des Ladens. Dort verbringt Metzner mittlerweile mehr Zeit als zwischen den
       hölzernen Medikamentenschubladen: Momentan ist sie eher Krisenmanagerin als
       Pharmazeutin.
       
       Seit 2004 arbeitet sie hier, 2019 übernahm sie als Inhaberin von der
       damaligen Besitzerin, die aus Altersgründen aufhörte. Es war eine bewusste
       Entscheidung. Für die Apotheke, aber auch für den Stadtteil. Das Stigma,
       das ihm anhaftet, kann Metzner nicht nachvollziehen. „Total nett ist es
       hier“, sagt sie. Sie schätze die Menschen, die zu ihr kommen. Und damals,
       2019, empfand sie die Lage auch noch nicht als so katastrophal.
       
       Steilshoops letzte Apotheken-Inhaberin ist eine der lautesten Stimmen, wenn
       es um die medizinische Notlage im Stadtteil geht. Metzner protestiert, gibt
       Interviews und ist vor Ort präsent. Heute ist sie froh, dass jemand aus der
       Politik kommt. Sie braucht Fürsprecher, für sich und für den Stadtteil.
       „Die Menschen hier haben keine Lobby“, sagt sie.
       
       Die gebürtige Cottbuserin ist eine, die ruhig bleibt, auch wenn sie über
       ihren Ärger spricht und erklärt, wie sich die Lage in den vergangenen
       Monaten zugespitzt habe. Ihr Geschäft sei längst zum Auffangbecken für die
       medizinische Not im Stadtteil geworden. Sie sagt: „Wenn ich weggehe, ist
       hier Schicht im Schacht.“
       
       ## Klingelschilder tragen Namen verwaister Arztpraxen
       
       Die Klingelschilder am ehemaligen Ärztehaus nebenan tragen noch die Namen
       der mittlerweile verwaisten Praxen. Anfang des Jahres schloss die letzte
       große Praxis über Nacht, sie gehörte zu einer [4][Kette, die insolvent
       gegangen war.] Verzweifelt hätten die Menschen in ihrem Verkaufsraum
       gestanden – ohne Patientenakten, ohne Anschlussversorgung. Metzner
       telefonierte stundenlang, suchte nach Plätzen in der Umgebung, meist ohne
       Erfolg.
       
       Während Hamburg statistisch als überversorgt gilt, hat Steilshoop einen
       Versorgungseinbruch erlebt: Noch 2021 waren es vier Praxen mit mehr als
       zehn aktiven Hausärztinnen und -ärzten. Inzwischen gibt es im ganzen
       Stadtteil eine letzte allgemeinmedizinische Praxis und einen Kinderarzt.
       
       Unsichere Mietverhältnisse, auslaufende Verträge und marode Praxisräume
       schrecken viele Praxen ab. Für die Apotheke ist die Lage dadurch
       existenzbedrohend geworden: Mit den Ärzten verschwinden die Rezepte und
       damit die Einnahmen. Dennoch zahlt Metzner weiterhin mehr als 50 Euro
       Warmmiete pro Quadratmeter an den Inhaber des Areals. Wenn sich nicht bald
       etwas ändere, könne sie sich wirtschaftlich nicht mehr halten.
       
       Die Grünen-Politikerin Myriam Christ hört sich all das an, schreibt auf
       einem Collegeblock mit und seufzt immer wieder. Sie ist
       gesundheitspolitische Sprecherin ihrer Fraktion in Wandsbek, dem
       Stadtbezirk, zu dem auch Steilshoop gehört. „Wir haben im Bezirksamt wenig
       Handhabe“, sagt sie entschuldigend. Die nächsthöhere Ebene sei zuständig,
       vor allem die Sozialbehörde.
       
       Über Jahre ließ ein dänischer Investor das Einkaufszentrum und die
       darüberliegenden Wohnungen verfallen. 2022 übernahm ein neuer Eigentümer
       und kündigte die Sanierung an. Die Stadt legte das Fördergebiet fest. Der
       Gewinnerentwurf für das EKZ der Zukunft zeigt ein Vorzeige-Quartier aus
       Klinker und Glas mit begrünten Dachterrassen und offene Arkaden.
       
       Seit 2022 ist die Stadt in Verhandlungen mit dem Eigentümer; vor zwei
       Wochen hat man sich geeinigt und eine Sanierungsvereinbarung unterzeichnet,
       endlich. Als Erstes, das ist nun bekannt, soll das Ärztehaus zum Wohnhaus
       umgebaut werden.
       
       Wo genau die letzten Mieter des Ärztehauses, der Kinderarzt und die
       Apotheke, in diesen Phasen hinsollen, das ist aber noch nicht öffentlich
       bekannt. Von einer „Interimslösung“ ist die Rede. Metzner wünscht sich,
       dass Apotheke, Ärzte und Sozialberatung in der Zwischenzeit in einem
       zentralen Containerkomplex gebündelt würden. Kosten und Machbarkeit habe
       sie bereits auf eigene Faust geprüft, seit Jahren wirbt sie dafür.
       
       Umsetzen müsste die Containerlösung wohl die Stadt – und die hält sich
       bedeckt. Die Sanierungsvereinbarung ist noch nicht veröffentlicht. Auf
       Medienanfragen gab es zuletzt keine Antworten.
       
       Interimslösung, das könnte auch etwas anderes heißen. Metzner führt die
       Grünen-Politikerin Christ über die Baustelle auf die andere Seite des
       Einkaufszentrums. Hier hat ihr der Eigentümer eine Ausgleichsfläche
       angeboten: Der ehemalige Laden für Sportwetten ist genauso heruntergekommen
       wie die geschlossene Bar daneben.
       
       Im Inneren hängen Kabel frei unter der offenen Decke. Große Flecken an
       Wänden und Böden zeugen von Wasserschäden. Die Rolltreppen stehen schon
       seit 2022 still. An einer Glastür hängt ein vergessener Zettel, der über
       einen Impftermin von vor vier Jahren informiert. „Man könnte hier gut einen
       Horrorfilm drehen“, sagt Metzner.
       
       Würde die Apotheke in diesen Teil des Einkaufszentrums ziehen, wäre das
       wohl nur für kurze Zeit: Ab 2028 sollen große Teile des alten Zentrums
       zurück- und neugebaut werden. Entstehen soll im neuen Einkaufszentrum auch
       wieder eine Etage, auf der Ärzte und andere medizinische Infrastruktur
       unterkommen können. Irgendwann in den 30er Jahren könnte die bezugsfertig
       werden.
       
       Für Dorothea Metzner ist all das eine ferne Utopie. „Eigentlich will ich
       einfach nur meine Apotheke betreiben“, sagt sie. Für deren Erhalt kämpft
       sie. Aber auch für die Menschen hier vor Ort. „Es kann nicht sein, dass in
       einer reichen Stadt wie Hamburg ein Stadtteil so untergeht.“
       
       3 May 2026
       
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