# taz.de -- Umnutzung von Apotheken: Die Dosis macht das Gift
       
       > In den Räumen einer ehemaligen Apotheke im Süden Berlins befindet sich
       > heute eine Bar. Was passiert, wenn eine Pharmazeutin dort etwas trinken
       > geht?
       
 (IMG) Bild: Wirt Thiemo Napierski in der Walther-Bar
       
       Berlin Das Erste, was ich sehe, als ich reinkomme, ist die Schlange an der
       Wand. Sie windet sich von unten nach oben um einen Stab, drei Mal, um
       schließlich ihre gespaltene Zunge zu zeigen. Der sogenannte Äskulapstab ist
       ein Symbol, das für Heilberufe steht. Das weiß ich, weil ich selbst
       dazugehöre. Ich habe Pharmazie studiert und ein Jahr als Apothekerin
       gearbeitet. Seit zwei Jahren schreibe ich für die Apotheken Umschau über
       Medikamente und Krankheiten.
       
       Nun stehe ich in den Räumen einer alten Apotheke, aber nicht zum Arbeiten.
       Hier, an der Ecke zweier großer Straßen im Süden von Berlin, befindet sich
       eine Bar. Wo früher Menschen in weißen Kitteln Pillen verkauft haben,
       stehen heute Weingläser, Schnapsflaschen und eine Espressomaschine. Statt
       nach Medikamenten riecht es nach Maultaschen mit Pilzen und Sauerteigbrot.
       
       Ich setze mich hin und blicke mich um. Der Raum ist voll mit Dingen, die in
       mir Erinnerungen wecken. Vor mir steht ein Ölextraktor – dieses Glasgerät,
       das ich aus dem Biologielabor im achten Semester kenne. Es wird verwendet,
       um ätherische Öle aus Pflanzen zu gewinnen. Dann sind da die
       Medikamentenschubladen aus dunklem Holz. Kaum eine [1][Apotheke] nutzt sie
       heute noch. Viele haben längst Kommissionierautomaten, die Präparate binnen
       Minuten automatisch aus dem Lager an das Personal ausgeben. Doch
       ausgerechnet die Apotheke, in der ich gearbeitet habe, hatte die
       altmodischen Schubsäulen.
       
       Auf jeder Schublade ein Buchstabe: Unter M findet sich beispielsweise
       Metformin, unter R Ramipril. Ich sehe mich, eine junge Apothekerin, wieder
       in der Apotheke stehen, während vorne ein Patient auf mich wartet und ich
       hektisch nach dem Buchstaben Q suche. Der Mann hat Quetiapin auf dem
       Rezept, also gehe ich im Kopf das Alphabet durch. Meine Hände sind leicht
       feucht.
       
       ## Heute gibt es Obazda und Königsberger Klopse
       
       „Was möchten Sie trinken?“, fragt der Kellner und holt mich zurück in die
       Gegenwart. „Ich brauche noch ein paar Minuten“, sage ich. Ich habe noch
       nicht einmal in die Karte geschaut. Jetzt aber: Obazda, Königsberger
       Klopse, Maultaschen stehen auf einem bräunlichen Kraftpapier. Einige dieser
       Gerichte habe ich noch nie gegessen, aber heute ist ja sowieso ein
       Zum-ersten-Mal-machen-Abend.
       
       Eröffnet wurde dieses Lokal vor zwei Jahren von Thilo Brauner und Thiemo
       Napierski, die zusammen in der Nähe eine weitere Kneipe betreiben. „Als die
       Apotheke noch existierte, habe ich schon daran gedacht, daraus eine Bar zu
       machen“, sagt Napierski, gebürtiger Berliner, als ich ihn an einem
       Vormittag ein paar Wochen später in der leeren Bar besuche. „Räume gibt’s
       hier im Kiez genug – doch dieser ist etwas Besonderes. Etwas
       Erhaltenswertes.“
       
       Das Gebäude der ehemaligen Rheineck-Apotheke, in der ich meinen Abend
       verbringe, wurde im Jahr 1908 erbaut. An den Wänden des vorderen Bereichs
       sind noch Einschusslöcher zu sehen, die vermutlich aus dem [2][Zweiten
       Weltkrieg] stammen. Der letzte Besitzer Helmut Grünwald hatte die Apotheke
       63 Jahre lang bis zu seinem Tod geführt. Ein Nachfolger wurde nicht
       gefunden.
       
       Der Ort, der Kriege und Jahrzehnte überstanden hat, musste schließen, wie
       so viele andere Apotheken hierzulande. Die gesetzlich festgelegte
       Vergütung, die Apotheker:innen für Medikamentengabe bekommen, wurde
       seit 13 Jahren nicht erhöht. Auch steigende Kosten für Personal, Miete und
       Energie machen das Geschäft für viele unattraktiv. So wenige Apotheken in
       Deutschland wie heute gab es zuletzt vor 50 Jahren.
       
       ## Der Vermieter war alles andere als glücklich
       
       Der Raum selbst steht zum Teil unter Denkmalschutz, es ist also nicht
       erlaubt, viel zu verändern. Aber das hatten die beiden Besitzer ja auch nie
       vor. Ein bisschen Kreativität brauchten sie bloß, um die Genehmigung des
       Amts zu bekommen. In einer Bar müssen die Oberflächen leicht zu reinigen
       sein, altes Holz ist deshalb keine Option. Heute liegen Edelstahlplatten
       auf den Arbeitsflächen.
       
       Der Vermieter war alles andere als glücklich, erzählt Thiemo Napierski –
       eine Gastronomie war nicht sein erster Wunsch. Lange Abende anstelle von
       Öffnungszeiten bis 18 Uhr, Zigarettenrauch und viel Lärm versprachen aus
       seiner Sicht mehr Probleme als eine kleine Apotheke. Doch nach einigen
       Gesprächen und neun Monaten Restaurierung konnte die Bar vor zwei Jahren
       schließlich öffnen.
       
       Gefühlt lebt die Geschichte der Räumlichkeiten in der Bar weiter, ich frage
       mich jedoch, ob die anderen Gäste all die Details wahrnehmen. Der
       Morphinschrank von damals ist leer und dennoch verschlossen. Die Decke ist
       immer noch grün, die Wände sind beige und nach wie vor ist viel aus Holz.
       Die ehemaligen Mitarbeiter:innen der Apotheke sind schon
       vorbeigekommen, erzählt Thiemo Napierski. Manchmal fragen Gäste beim
       Reinkommen scherzhaft nach dem Apotheker. Meine Freunde aus dem Kiez nennen
       die Bar „Apotheken-Bar“, auch wenn sie eigentlich einen anderen Namen hat:
       Walther-Bar, nach dem nahegelegenen Walther-Schreiber-Platz.
       
       Übrigens ist es nicht die einzige Bar, die in einer ehemaligen Apotheke
       entstanden ist. In Berlin existieren mindestens zwei weitere, und auch in
       anderen Städten und Ländern gibt es dieses Konzept. Letztes Jahr habe ich
       in Helsinki eine Weinbar in einer Apotheke entdeckt: Sie heißt
       [3][Viinibaari Apotek]. Die Räume einer ehemaligen Westend-Apotheke in der
       Münchner Schwanthalerhöhe kann man sogar für Hochzeiten oder Konzerte
       mieten.
       
       Warum auch nicht? Obwohl es auf den ersten Blick anders wirken mag:
       Apotheken und Bars haben einiges gemeinsam. Viele Menschen gehen in die
       Apotheke, weil sie einsam sind und ein echtes Gespräch mit einem Menschen
       suchen. Dass sie nebenbei auch noch Pflaster kaufen, ist fast zweitrangig.
       So ist es auch hier. Man kommt auf eine Weinschorle vorbei und bleibt für
       den Abend. Auch den Grundsatz des Arztes Paracelsus kann man auf beide
       anwenden: Die Dosis macht das Gift.
       
       Ich bestelle mir trotzdem noch etwas. Der Ort und der Abend haben mich
       nachdenklich gemacht. So viel kann in zwei Jahren passieren: Aus einer
       Apotheke wird eine Bar, aus einer Apothekerin eine Redakteurin. Ich weiß
       immer noch nicht, auf welchem Schubfach der Buchstabe Q ist – aber auf der
       Tastatur finde ich ihn ganz sicher.
       
       30 Jun 2026
       
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