# taz.de -- Comedienne Parshad Esmaeil: „Ich bin laut, ich bin viel, ich bin aktiv“
       
       > Comedienne Parshad Esmaeili wurde online bekannt und hat heute eine
       > eigene TV-Show. Ein Gespräch über ihre Kindheit, Frauen in der Szene und
       > Hessisch.
       
 (IMG) Bild: Parshad Esmaeili ist aktiv
       
       taz: Parshad Esmaeili, in deinen Videos und Shows benutzt du oft das Wort
       „aktiv“. Was bedeutet das für dich? 
       
       Parshad Esmaeili: Das kommt aus meinem engsten Freundeskreis. Mein bester
       Freund sagt immer, ich bin „sehr aktiv“. Und ich denke mir: Ja, ich bin wie
       ein Flummi. Ich kann das gar nicht richtig erklären, das ist einfach mein
       Wesen. Aktiv sein heißt für mich nicht nur machen, sondern sein. Und dieses
       Sein ist laut, doll und viel.
       
       taz: Bekannt geworden bist du durch Comedy-Formate auf Youtube und Social
       Media. Worum geht es in deinen Formaten? 
       
       Esmaeili: Ich will Menschen zum Lachen bringen und sie dazu bringen, über
       ihre eigenen Vorurteile nachzudenken. Ich bin auch immer ehrlich und bringe
       meine eigenen Erfahrungen als Kind einer alleinerziehenden Mutter, meinen
       migrantisch Background oder meine Datingerfahrungen mit ein. Ich will den
       Leuten einen Raum geben, wo sie mal kurz abgelenkt sind von der Welt.
       
       taz: Jetzt bekommst du deine eigene Comedy-Show, „Neo Match up“ bei ZDFneo.
       Wie fühlt sich das an? 
       
       Esmaeili: Ich bin richtig nervös. Aber gleichzeitig ist es einfach nur
       geil. Meine größte Angst war vorher, dass ich plötzlich professionell
       wirke. Dass ich anfange, Gags zu planen oder mich zu verstellen. Ich habe
       meinem Team deshalb gesagt: Wenn ich komisch werde, sagt mir bitte
       Bescheid. Aber dann hab ich einfach die Kameras vergessen und gespielt. Wie
       immer.
       
       taz: Muss man beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk darauf achten, welche
       Witze man macht? 
       
       Esmaeili: Mir hat beim ZDF niemand hereingeredet. Die haben gesagt: „Sei
       einfach du selbst.“ Auch die An- und Abmoderation habe ich komplett selbst
       geschrieben. Ich glaube allerdings schon, dass der Blick von außen, also
       von den Zuschauer*innen darauf, schärfer ist. Jetzt wo ich beim ZDF eine
       Show habe und vielleicht mehr nach Fehlern gesucht wird. So nach dem Motto:
       [1][„Frauen sind nicht lustig.] Sie ist zu jung. Das ist mir zu viel.“
       
       taz: Schon vor Jahren hast du davon gesprochen, dass dein Traum eine eigene
       Show ist. Wieso ist es dir wichtig, ins Fernsehen zu kommen? 
       
       Esmaeili: Ich hab früher mit meiner Mama das „ZDF-Morgenmagazin“ geschaut.
       Das waren unsere Momente zusammen, bevor sie arbeiten musste und ich zur
       Schule bin. Und jetzt selbst bei ZDFneo zu sein, ist so ein Kreis, der sich
       schließt. Ein Full Circle Moment. Für mein inneres Kind ist das das größte
       Geschenk.
       
       taz: In „[2][Neo Match up]“ trittst du gegen jemand anderen an. Ihr ordnet
       Menschen Kategorien zu, zum Beispiel Jobs oder Schönheitsoperationen. Warum
       findest du das lustig? 
       
       Esmaeili: Ich liebe das gemeinsame Spielen. Ich hab das ja schon auf
       Youtube gemacht – Kamera an, kein Skript, einfach los. Und genau das
       funktioniert auch jetzt. Du denkst bei so einem Spiel sofort in Schubladen
       und merkst dann: Warum denke ich das eigentlich? Dieser Moment ist für mich
       der Schönste. Ich möchte, dass das auch bei meinem Publikum ankommt. Dass
       sie zu Hause sitzen, mitraten und sich ertappen. Eine Folge dreht sich etwa
       um die Zuordnung von Straftaten zu Personen. Sorry für den kleinen Spoiler,
       aber da ist dann eben der volltätowierte Mann nicht der, der irgendeine
       Straftat begangen hat, sondern die unscheinbare blonde Frau.
       
       taz: Hast du da nicht auch manchmal Angst, dass du Leute verletzt? 
       
       Esmaeili: Oh ja, ich passe auf jeden Fall auf, weil ich niemanden in
       unangenehme Situationen bringen will. Das Spielprinzip von „Neo Match up“
       ist ja auch, dass ich durch Fragen errate, in welche Kategorie die
       eingeladenen Leute passen. Da versuche ich, mich immer abzusichern, dass es
       gerade wirklich okay ist, was ich frage. Auch vor meinen Youtube-Videos
       habe ich zum Beispiel immer einen Disclaimer, in dem ich sage, dass ich
       nicht will, dass in meinen Shows irgendjemand gejugdet wird. Du hast was
       gegen ein Beziehungsmodell? Dann schau halt nicht weiter zu, das ist nichts
       für dich. Hass hat keinen Platz in meinen Shows.
       
       taz: Betrachtest du dich als Sprachrohr für Communitys, die in der
       deutschen Gesellschaft sonst häufig von Vorurteilen betroffen sind? 
       
       Esmaeili: Eigenlob stinkt, aber ja, ich fühle das schon. Ich bin eben noch
       in einer Zeit aufgewachsen, da gab es nur Männer, die Comedy gemacht haben.
       Dann irgendwann auch Frauen, aber ich dachte lange, das ist nur was für
       weiße Frauen. Und dann auf einmal habe ich zum Beispiel [3][Enissa Amani]
       gesehen und mich repräsentiert gefühlt. Und es tut gut, dass mir Leute
       schreiben, dass ich Inspiration bin für Leute mit einem gleichen oder
       ähnlichen Background wie ich.
       
       taz: Du nennst dich selbst ein „Hessisch Mädsche“, sprichst auch in der
       Show Hessisch und hast lange in Offenbach gewohnt. Wie wichtig ist der
       Dialekt für dich? 
       
       Esmaeili: Wirklich total wichtig. Ich glaube, das ist so ein Teil von mir,
       den ich früher auch eher versteckt hab. Und wenn ich noch einmal jemanden
       höre, der sagt, dass das „SCH“ beim Sprechen, wenn ich zum Beispiel „isch“
       sage, das sei wegen meinem Background … Wenn ich weiß wäre, dann würde das
       niemand fragen. Da könnte ich richtig sauer werden – das ist Hessisch! Der
       Dialekt ist einfach so ehrlich und direkt. Und ein bisschen frech auch. Ich
       weiß noch, wie ich damals in der Gastro für einen Tennisverein gearbeitet
       habe und die südhessischen Männer gerufen haben, damit ich ihnen Grappa
       ausschenke: Poarschat!! Ich liebe das total. Das ist auch wieder dieses
       „aktiv sein“ – das hat so eine Energie. Und ich merke auch, dass Leute in
       meinen Shows darauf reagieren. Weil das echt ist und einfach so, wie ich
       rede.
       
       taz: Wie hat deine Comedy eigentlich angefangen? 
       
       Esmaeili: Aus Herzschmerz. Ich war 21, extrem verknallt, wurde richtig
       gebrochen. Ich hab einen Song über den Typ geschrieben, ein Video dazu
       gedreht und auf Instagram hochgeladen. Ich hatte 300 Follower. Ja, dafür
       wurde ich dann in meiner Kleinstadt erst mal ein Jahr lang ausgelacht. Aber
       ich habe weitergemacht. Und dann kam irgendwann ein kleiner Internethype,
       und dann nahm mich Enissa Amani unter Vertrag.
       
       taz: Was bringt dich dazu, weiter Comedy zu machen? 
       
       Esmaeili: Ich sehe Comedy und Entertainment gerne als zwei Menschen. Ich
       brauche sie und sie haben mich gerettet. Ohne sie wäre ich abgestürzt. Ich
       hab früher viel MTV geschaut, „Pimp My Ride“ und so. Ich hab mich immer so
       darauf gefreut, weil es mich abgelenkt hat. Weil ich einsam war und dachte,
       vielleicht vergeht die Zeit schneller, bis meine Mutter von der Arbeit
       wiederkommt. Und dieses Gefühl hab ich heute noch, wenn ich selbst Comedy
       mache. Wenn ich auf der Bühne bin, existiert nichts anderes mehr. Keine
       Probleme, keine Welt. Nur dieser Moment. Wie Disneyland im Kopf. Ich fühle
       mich so geehrt, dass ich anderen Menschen dieses Gefühl und Ablenkung
       verschaffen kann. Und ich liebe dieses Gefühl, Menschen zu entertainen.
       Gerade in diesen Zeiten rettet Entertainment doch total.
       
       taz: Deine Comedy hat also viel mit deiner Geschichte zu tun. 
       
       Esmaeili: Alles, was ich heute mache, kommt aus meiner Kindheit. Als eine
       Alleinerzogene, als Tochter einer Ausländerin hab ich früh gelernt, mich
       anzupassen. Ich wollte für alle erträglich sein, damit ich nicht alleine
       bin. Ich wurde dann die Lustige. Die auch mal Witze über sich selbst macht,
       über ihre Herkunft. Aber irgendwann habe ich dann zum Glück gemerkt, dass
       sich Letzteres falsch anfühlt.
       
       taz: War Comedy auch ein Weg zur Heilung? 
       
       Esmaeili: Ja, komplett. Dadurch hab ich gelernt: Wer bin ich eigentlich?
       Was sind meine Grenzen? Und ich habe gemerkt: Ich will Menschen eine gute
       Zeit schenken.
       
       taz: Du kannst aber auch anders. Über deine Kindheitserfahrungen hast du
       ein Buch geschrieben zu dem ernsten Thema, wie es dir erging als Tochter
       einer alleinerziehenden Mutter und wie du die Einsamkeit überwunden hast. 
       
       Esmaeili: Das Schöne in meinem Beruf ist, dass ich mich für keine Seite
       entscheiden muss. Und ich glaube, das werde ich auch erst mal nicht machen.
       Ich kann Autorin eines Buches sein, in dem ich meine Kindheitserfahrungen
       beschreibe, und im nächsten Monat eine Comedyshow moderieren. Das liebe ich
       sehr.
       
       taz: Als Frau mit deinen Themen in der Öffentlichkeit schlägt dir auch
       immer wieder Hass entgegen. Wie gehst du damit um? 
       
       Esmaeili: Ich hab meiner Mama mal Kommentare gezeigt über alleinerziehende
       Frauen, die nach dem Buch unter meinen Videos auftauchten. So Sachen wie
       „erst nachdenken, dann vögeln“. Und sie hat mich angeschaut, als hätte man
       ihr Wesen beleidigt. Sie meinte nur: „Bitte zeig mir so was nie wieder.“
       Das hat mich richtig getroffen. Klar, ich selbst habe einen offensiveren
       Umgang damit. Es gab mal jemanden, der mich monatelang beleidigt hat auf
       Social Media. Ich hab eine Präsentation über ihn gemacht und sie seiner
       Partnerin geschickt. Nicht aus Rache, aber ich finde, seine Frau sollte
       wissen, was für ein Mensch er ist.
       
       taz: Du bist jetzt 28 Jahre alt. Was hast du auf deinem Weg über dich
       gelernt? 
       
       Esmaeili: Dass ich ich sein darf. Ich bin laut, ich bin viel, ich bin
       aktiv. Und ich muss mich nicht kleiner machen. Früher hatte ich einfach
       Angst, alleine zu sein. Heute weiß ich: Ich muss mich nicht verbiegen, um
       dazuzugehören.
       
       8 Apr 2026
       
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