# taz.de -- Brexit-Referendum und der Mord an Jo Cox: Den Lebenden zur Mahnung
       
       > Vor zehn Jahren stimmte Großbritannien für den Brexit. Wenige Tage zuvor
       > wurde die Labour-Politikerin Jo Cox ermordet. Ihr Tod wirkt bis heute
       > nach.
       
 (IMG) Bild: Ein politisches Ausnahmetalent: Jo Cox auf einem Demoplakat nach ihrer Ermordung im Juni 2016
       
       Zehn Jahre nach einem der erschütterndsten politischen Morde
       Großbritanniens bleibt das Gedenken im Verborgenen. Den großen Platz vor
       dem Parlamentsgebäude in London, wo sonst Demonstranten jeder Couleur ihre
       Anliegen vorbringen, monopolisieren an diesem 16. Juni exiliranische
       Schah-Anhänger mit Flaggen und Gebrüll. Auf der kleinen Wiese um die Ecke,
       wo immer die TV-Kameras stehen, läuft ein kleines Event zur Förderung des
       Schwimmunterrichts.
       
       Die Labour-Abgeordnete starb am 16. Juni 2016, genau eine Woche vor dem
       Brexit-Referendum in Großbritannien. Ein rechtsextremer Attentäter lauerte
       ihr im kleinen Ort Birstall nahe der nordenglischen Großstadt Leeds auf,
       als sie zu einer Wahlkreissprechstunde in der Stadtbücherei eintraf. Als
       sie aus dem Auto stieg, schoss er ihr vor entsetzten Wartenden in Kopf und
       Brust und stach 15 Mal auf sie ein, sie starb wenig später im Krankenhaus,
       der Mörder wurde gejagt und gefasst. „Britain first!“, hatte er bei seiner
       Tat gerufen.
       
       Mit Jo Cox starb ein politisches Ausnahmetalent im Alter von nur 41 Jahren.
       Ihre Freundinnen beschrieben sie als Energiebündel, warmherzig,
       zielstrebig, empathisch. Sie war aus der humanitären Hilfe in die Politik
       gekommen, sie warb für den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen
       Union und setzte sich insbesondere für Geflüchtete aus Syrien ein.
       
       Der Mord entsetzte das ganze Land. Der rechte Brexit-Wortführer Nigel
       Farage hatte am gleichen Tag ein [1][Anti-EU-Plakat mit der Parole
       „Breaking Point“ neben dem Bild einer Syrienflüchtlingskolonne]
       veröffentlicht und war nun in der Defensive. Die Referendumskampagnen
       wurden ausgesetzt. Das änderte nichts daran, dass die Briten am 23. Juni
       2016 für den EU-Austritt stimmten, mit 51,9 Prozent der Stimmen und unter
       der höchsten Wahlbeteiligung seit Jahrzehnten.
       
       ## Nigel Farage und seine Partei
       
       Zehn Jahre später ist Nigel Farage wieder obenauf. Seine Partei „Reform UK“
       führt seit über einem Jahr alle Umfragen an und treibt alle anderen vor
       sich her. Die sozialdemokratische Labour-Partei zerfleischt sich nicht
       einmal zwei Jahre nach ihrem Wahlsieg 2024 genauso dramatisch wie zuvor die
       Konservativen. Premierminister Keir Starmer dürfte demnächst aus den
       eigenen Reihen gestürzt werden – sein schärfster innerparteilicher Rivale
       [2][Andy Burnham] gewann am Donnerstag triumphal die Nachwahl zum
       britischen Parlament in Makerfield bei Manchester. Dort hatte noch bei den
       Kommunalwahlen im Mai Reform UK gesiegt. Nun setzt Burnham zum [3][Sprung
       an die Regierungsspitze] an.
       
       Die Rechtspopulisten hoffen auf vorgezogene Neuwahlen, sobald Burnham
       Premierminister wird, und verschieben in Vorbereitung darauf die politische
       Agenda mit ausländerfeindlichen Ankündigungen. Im Falle einer
       Regierungsübernahme will Reform UK alle unbefristeten
       Aufenthaltsgenehmigungen widerrufen, es soll nur noch Fünfjahresvisa geben,
       unter Einkommensvorbehalt.
       
       Ausländer verlieren alle Sozialleistungen und Sozialwohnungen. Für
       ausländische Beschäftigte werden die Sozialversicherungsbeiträge der
       Arbeitgeber erhöht. Das Ziel: Remigration, auch wenn Reform UK diesen
       Begriff ablehnt und bis vor Kurzem auch die Zielsetzung. „Unter einer
       Reform-Regierung werden Millionen von Menschen das Land verlassen“, freute
       sich vor wenigen Tagen Reform-UK-Wirtschaftssprecher Robert Jenrick, ein
       ehemaliger konservativer Minister.
       
       Die Konservativen unter Boris Johnson, sagt Reform UK, hätten mit
       Masseneinwanderung von außerhalb der EU den Brexit sabotiert und das Land
       ruiniert. Labour kontert lahm, man senke doch jetzt die Migrationszahlen.
       Damit wird Nigel Farages Problemstellung im Grunde von der Politik
       akzeptiert. Sein Antiflüchtlingsplakat von 2016 wäre heute politischer
       Mainstream – Jo Cox’ Politik der offenen Grenzen nicht.
       
       Kein Wunder, dass im multikulturellen London hier und da Untergangsstimmung
       um sich greift. Wenn Farage kommt, gehen wir, ist zu hören. Und einen noch
       radikaleren Kulturkampf verspricht die rechtsextreme Konkurrenzpartei
       Restore Britain, die der ehemalige Reform-UK-Abgeordnete Rupert Lowe im
       März gründete. Er hatte sich zuvor mit Farage zerstritten.
       
       Restore Britain kam in Makerfield auf den dritten Platz hinter Reform UK
       und verspricht nicht nur Remigration, sondern „Vergeltung“ an politischen
       Gegnern. Anders als Farage, der sich aus Imagegründen von der gewalttätigen
       extremen Rechten abgrenzt, heißt Lowe den rechtsextremen Krawallmacher
       [4][Tommy Robinson] in seinen Reihen willkommen und wird anders als Farage
       vom US-Billionär Elon Musk unterstützt, der lustvoll in Großbritannien
       zündelt.
       
       ## Die Verrohung der politischen Kultur
       
       Der Mord an Jo Cox steht für viele emblematisch für eine Verrohung der
       politischen Kultur, die das Brexit-Referendum zwar nicht eingeläutet, aber
       salonfähig gemacht habe. Drohungen und Hass im Netz gegen Politiker und
       politische Gegner haben in sozialen Medien seitdem stark zugenommen, wobei
       keineswegs nur Rechtsextremisten dafür verantwortlich sind. Und die
       politische Gewalt geht weiter.
       
       Am 15. Oktober 2021 tötete ein islamistischer Angreifer den konservativen
       Abgeordneten David Amess, ähnlich wie bei Cox während einer öffentlichen
       Sprechstunde in seinem Wahlkreis. Im Sommer 2024 ergriffen nach der
       Ermordung dreier englischer Kinder durch einen Sohn ruandischer Flüchtlinge
       rechtsextrem geschürte [5][Ausschreitungen gegen Flüchtlingsunterkünfte]
       das halbe Land. Es hat Anschläge auf Moscheen und Synagogen gegeben.
       
       Jüngst zog die radikale Rechte Nutzen aus dem allgemeinen Entsetzen
       darüber, wie Polizisten im englischen Southampton das weiße Opfer eines
       indischen Messerangreifers als vermeintlichen Rassisten festnahmen, während
       er verblutete. Und im nordirischen Belfast brannten vor Kurzem Häuser von
       Migranten, nachdem ein Flüchtling aus Sudan versucht hatte, einem
       Einheimischen auf offener Straße die Kehle durchzuschneiden.
       
       „Bei Jahrestagen versuche ich, optimistisch zu sein“, [6][sagte Brendan
       Cox, der hinterbliebene Ehemann von Jo Cox, zum zehnten Jahrestag des
       Mordes]. „Aber nicht dieses Mal. In den zehn Jahren, seit sie getötet
       wurde, haben wir Rückschritte gemacht, und ich fürchte, dass jetzt unsere
       Demokratie in Gefahr ist.“ In [7][einem Zeitungsbeitrag] appellierte er:
       „Unsere Politik muss sich ändern. Der soziale Zusammenhalt muss als der
       nationale Notstand begriffen werden, der er geworden ist.“
       
       ## Parlamentsdebatte zum "Erbe von Jo Cox"
       
       Jo Cox’ Schwester Kim Leadbeater, die bei einer Nachwahl 2021 deren
       Wahlkreis als Labour-Abgeordnete übernahm, sagte am 11. Juni im Parlament:
       „Zu sagen, der Brexit sei für Jo Cox’ Ermordung verantwortlich, wäre
       vereinfachend und unwahr.“ Der Mörder allein sei verantwortlich. „Aber
       Dinge geschehen nicht im luftleeren Raum, wir können die Stimmung drumherum
       nicht ignorieren.“ Toxische Rhetorik, das Mit-dem-Finger-Zeigen, die
       Entmenschlichung von Gegnern – das alles belastete damals die Gesellschaft
       sehr.
       
       „Worte sind wichtig. Die Sprache, die wir in der Politik verwenden, ist
       wichtig. Denn Sprache formt Kultur, und Kultur formt Verhalten.“ Wenn
       Menschen ständig gesagt bekämen, dass andere Verräter, Feinde, Invasoren
       oder Bedrohungen seien, hielten manche irgendwann Feindseligkeit und Gewalt
       für gerechtfertigt.
       
       Ein Jahrzehnt nach dem Mord an ihrer Schwester, sagte Leadbeater, „sind
       viele derselben Kräfte immer noch da, vielleicht noch stärker.
       Polarisierung beherrscht das öffentliche Leben. Politik, Medien und
       Onlineplattformen treiben Menschen in gegensätzliche Lager. Jedes Thema
       wird eine Schlacht. Jede Meinungsverschiedenheit wird ein Moralkrieg. Wir
       sehen uns gegenseitig nicht als gemeinsame Bürger, sondern als zu
       besiegende Gegner.“
       
       Die emotionale [8][Parlamentsdebatte zum „Erbe von Jo Cox“], bei der
       Leadbeater immer wieder mit den Tränen kämpfte, dauerte bemerkenswerte vier
       Stunden. Ebenso bemerkenswert: Es war kaum jemand da. Als der konservative
       Ex-Entwicklungsminister Andrew Mitchell an sein gemeinsames Engagement mit
       Jo Cox für die Menschen in Darfur und Syrien erinnerte, war er der einzige
       anwesende Vertreter seiner Partei, die 116 Sitze im Unterhaus hält; später
       erst kam eine Parteikollegin dazu. Von Labours 403 Abgeordneten kamen kaum
       30.
       
       ## Ein gemeinsamer Appell zur Rettung der Demokratie
       
       Die Politik gedenkt, aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
       Premierminister Keir Starmer empfing Kim Leadbeater, aber einen
       öffentlichen Auftritt gab es nicht. Die Jo Cox Foundation hat eine
       Fotoausstellung organisiert, aber eine nichtöffentliche, im Foyer des
       Bürogebäudes der Abgeordneten. Die Stiftung organisierte kein Gedenken,
       sondern rief zu Events zur Förderung von Gemeinsamkeit auf.
       
       Erst am Tag nach dem Jahrestag schlug Großbritanniens Attorney-General,
       Chefjurist der Regierung mit Sitz in Kabinett und Oberhaus und ein enger
       Freund von Premierminister Starmer, Alarm. „Was für ein Land wollen wir
       sein?“, rief Richard Hermer in einer Rede vor mehreren Hundert Menschen in
       London. „Sind wir wirklich ein Vereinigtes Königreich, eine stolze Nation,
       die ihre Diversität feiert? Oder sind wir ein Land, in dem Gemeinschaften
       aus politischem Kalkül gegeneinander aufgehetzt werden?“
       
       Und erstmals haben sich an diesem Jahrestag der Witwer der Sozialdemokratin
       Jo Cox und die Tochter des ebenfalls ermordeten Konservativen David Amess
       gemeinsam an die Öffentlichkeit gewandt. In [9][ihrem Appell] rufen sie zur
       Rettung der Demokratie auf, die man „hegen und schützen“ müsse. Es gehe
       darum, „wie wir miteinander reden, wie wir uns um Nachbarn kümmern, wie wir
       mit denen anderer Meinung sprechen“.
       
       Die Nächsten von Jo Cox hatten das schon bald nach dem Mord von 2016
       gefordert. Die konservative Premierministerin Theresa May schuf daraufhin
       das weltweit erste Einsamkeitsministerium – eines von Jo Cox’
       Herzensthemen. Ihr Mörder, stellte sich im Prozess heraus, lebte allein und
       zurückgezogen im Haus seiner toten Großeltern und hatte sich online
       radikalisiert.
       
       20 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Breaking_Point_(UKIP_poster)
 (DIR) [2] /Nachwahlen-Grossbritannien/!6189058
 (DIR) [3] /Labour-Krise-in-Grossbritannien/!6189031
 (DIR) [4] /Rechtsextremer-Brite-Tommy-Robinson/!6025164
 (DIR) [5] /Rechtsextreme-Aufmaersche-in-England/!6026600
 (DIR) [6] https://x.com/MrBrendanCox/status/2066463199742881883
 (DIR) [7] https://observer.co.uk/news/opinion-and-ideas/article/ten-years-after-my-wife-jo-cox-was-murdered-i-believe-our-country-is-in-peril
 (DIR) [8] https://hansard.parliament.uk/commons/2026-06-11/debates/96288C2F-0204-4470-AD3F-E45375EAEBB6/LegacyOfJoCox
 (DIR) [9] https://www.mirror.co.uk/news/politics/brendan-cox-katie-amess-murders-37297564
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
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