# taz.de -- Möglicher nächster britischer Premier: Seine Ansichten ändern sich wie das Wetter in Manchester
       
       > Andy Burnham, der wahrscheinliche Nachfolger des britischen Premiers Keir
       > Starmer, ist nicht der Polit-Outsider, als der er sich gibt. Wofür er
       > steht, weiß niemand.
       
 (IMG) Bild: Hoffnungsträger Andy Burnham?
       
       Als Andy Burnham vergangene Woche die Nachwahl zum britischen Parlament
       [1][im Wahlkreis Makerfield gewann] und damit die Möglichkeit, sich um die
       Führung der regierenden Labour-Partei zu bewerben, fasste er sein Programm
       in einem Satz zusammen. „Wir müssen dieses Land wieder auf den richtigen
       Weg bringen und die Menschen wieder zusammenführen und dafür sorgen, dass
       die Dinge wieder funktionieren“, sagte er in seiner Siegesrede. Bald schon
       könnte Burnham Großbritanniens neuer Premierminister sein.
       
       Der „König des Nordens“, wie Burnham oft genannt wird, soll die lange
       vernachlässigten Industrieregionen, die keine Industrieregionen mehr sind,
       und deren Labour-Stammwähler, die keine Labour-Wähler mehr sind,
       zurückgewinnen. Das Ziel: [2][Die Rechtspopulisten von Reform UK sollen aus
       Großbritanniens nächsten Wahlen nicht als Sieger hervorgehen]. „Wir haben
       nur eine Chance“, warnt der bisherige Bürgermeister des Großraums
       Manchester.
       
       Burnham inszeniert sich als Labours prominentester Außenseiter, der
       frischen Wind in Londons politische Blase bringen will: Ein normaler Mensch
       im T-Shirt, der verständlich redet und mit allen gut kann. Eigenschaften,
       die Keir Starmer eher fehlen.
       
       ## Burnham ist Politinsider, kein -outsider
       
       Mit der Realität hat das eher wenig zu tun. Burnham ist der ultimative
       Politinsider. Geboren 1970 in Liverpool und katholisch erzogen, trat er
       schon als 15-Jähriger der Labour-Partei bei. Er studierte englische
       Literatur an der Universität Cambridge. Dort fühlte er sich nach eigenen
       Angaben sehr fremd, lernte aber seine niederländische spätere Ehefrau
       kennen.
       
       Dann zog er nach London und fand eine Anstellung im Büro der
       [3][Labour-Abgeordneten Tessa Jowell] – im Alter von 24 Jahren. Seitdem ist
       er im Labour-Politikapparat geblieben. Er erklomm die übliche
       Karriereleiter: Ministerialberater, Abgeordneter, Staatssekretär, Minister,
       zuletzt Gesundheitsminister unter Premierminister Gordon Brown bis zum
       Labour-Machtverlust 2010.
       
       Zweimal bewarb Burnham sich danach um den Labour-Vorsitz, zweimal verlor er
       – er galt als blass und zu eng mit der Ära der [4][Minister Tony Blair] und
       Gordon Brown verknüpft. Als in London für ihn nichts mehr zu holen war,
       bewarb er sich für den neu geschaffenen Posten des Bürgermeisters von
       „Greater Manchester“, einem städtischen Großraum mit über drei Millionen
       Menschen. Er wurde 2017 gewählt, 2021 und 2024 wiedergewählt.
       
       Und erarbeitete sich dort endlich die politische Statur, die ihm zuvor
       gefehlt hatte. Burnham nutzte Freiräume – etwa in der Gesundheits- und
       Verkehrspolitik – und trieb die städtische Erneuerung Manchesters voran.
       Eine sehenswerte Bilanz, die ihm jetzt auch als Vorbild für das ganze Land
       dient.
       
       ## Große Hoffnungen, wenig dahinter?
       
       Wobei seine politischen Überzeugungen sich so oft zu ändern scheinen wie in
       Manchester das Wetter. Vor Labours Wahlsieg 2024 hatte Andy Burnham
       gemeinsam mit seinem Liverpooler Amtskollegen Steve Rotheram einen
       ambitionierten Zehn-Punkte-Plan für Großbritannien vorgelegt, bis hin zu
       einer neuen Verfassung. Davon war zuletzt nichts mehr zu hören. Und auch in
       konkreten Politikbereichen wirkt er immer zaghafter, je näher die
       Regierungsübernahme rückt.
       
       Auf dem Labour-Parteitag 2025, als Burnham sich als linke Alternative zu
       Starmer in Stellung brachte, befürwortete er noch einen Wiedereintritt
       Großbritanniens in die EU, die Abschaffung der rigiden Haushaltsregeln
       zugunsten einer höheren Kreditaufnahme, mehr Trans- und
       [5][Migrantenrechte.] Heute sagt er zu all diesen Dingen das Gegenteil – um
       nicht in die linke Ecke gestellt zu werden, der er sich nicht zugehörig
       fühlt. Gleichzeitig setzt der linke Labour-Flügel auf ihn für einen
       Politikwechsel.
       
       Wofür also steht Andy Burnham? Bisher vor allem für die Hoffnung der
       Labour-Politiker, diesmal den Richtigen an die Spitze gehievt zu haben. Das
       dachten sie [6][mit Keir Starmer] auch.
       
       22 Jun 2026
       
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