# taz.de -- Rassistische Übergriffe in Nordirland: Was die Gewalt in Belfast erst möglich macht
       
       > Wer die Pogrome in Nordirland verstehen will, muss sich die dortige
       > Kolonialgeschichte und Armut anschauen. In der deutschen Presse findet
       > man dazu wenig.
       
 (IMG) Bild: Randale auf der Antrim Road in Belfast
       
       Brennende Häuser, brennende Autos, und migrantische Familien, die von der
       Polizei in Sicherheit gebracht werden müssen. Nach der Verbreitung eines
       Videos, das einen brutalen [1][Messerangriff] zeigt, ist es in Belfast und
       Nordirland in den vergangenen Tagen zu einer Welle rassistischer
       Ausschreitungen gekommen, die in ihrer Intensität viele schockiert haben.
       Groß ist daher auch der Drang nach Erklärungen: Wie konnte es so weit
       kommen?
       
       Auch deutsche Medien haben sich die Woche über in Deutungen versucht – mit
       durchwachsenen Ergebnissen. Um zu verstehen, wie es zu diesen organisierten
       Brandanschlägen kommen konnte, was die politischen Bedingungen für die
       Gewalt sind, muss man sich den konfessionell-politischen Charakter der
       Pogrome und die Gewaltgeschichte Irlands anschauen.
       
       Wer aber die „einordnenden“ Beiträge der deutschen Presse liest, der
       bekommt davon wenig mit. Stattdessen findet man dort Artikel, die an der
       Grenze zur Desinformation schrammen.
       
       So etwa in der Zeit. Dort [2][heißt es], „viele Nordiren“ hätten „in Sachen
       Zuwanderung und den Problemen, die sie verursacht, eine besonders kurze
       Lunte“. Katholiken und Protestanten sähen „in muslimischen Zuwanderern“
       mittlerweile „eine neue, gemeinsame Bedrohung“. Da erscheinen die Pogrome
       als bedauernswerte, spontane Reaktion einer Bevölkerung, die mit ihrer
       „kurzen Lunte“ genug hat und ihrem Frust halt durch rassistische
       Zerstörungswut Ausdruck verleiht.
       
       ## Eine Folge des Kolonialismus
       
       In Wirklichkeit aber waren es quasi ausschließlich Protestanten, die im
       Norden der irischen Insel gewütet haben, während die katholische
       Bevölkerung auf sichere Distanz ging. Die Katholiken in Nordirland erinnern
       sich noch gut an die Pogrome ab 1969, als protestantische Mobs etwa 60.000
       katholische Bewohner aus ihren Häusern vertrieben und so die Viertel
       religiös homogenisierten.
       
       Die Protestanten Nordirlands, die sich noch heute mehrheitlich loyal
       gegenüber dem britischen Königshaus zeigen, sind selbst großteils die
       Nachfahren jener Siedler, die Großbritannien ab dem 16. und 17. Jahrhundert
       nach Irland schickte, um die heimische Bevölkerung zu beherrschen und das
       Land zu kolonisieren. Auch während der „Troubles“ Ende des 20. Jahrhundert
       ging die Polizei in Nordirland stets härter gegen die Befürworter der
       irischen Unabhängigkeit vor als gegen die loyalistischen Protestanten und
       ihre Milizen.
       
       Die organisierte Gewalt von damals ist mit der organisierten Gewalt von
       heute verwoben. So nutzen die Protestanten ihre Netzwerke, um die
       Übergriffe zu koordinieren: dunkle Kleidung, Masken, keine Handys, so
       lauteten die Ansagen in den Telegram-Gruppen.
       
       All das soll nicht heißen, dass [3][die katholische Bevölkerung in ihrer
       Einstellung] weniger rassistisch ist. Aber organisierte Pogrome sind in
       Nordirland eben ein protestantisches Phänomen. Und das lässt sich sowohl
       mit der Geschichte der protestantischen Vorherrschaft begründen als auch
       damit, dass die Parteien wie Sinn Féin auf der katholischen Seite solche
       Gewalt aktiv zu verhindern suchen.
       
       ## Der „tiefere Grund“ ist die Wirtschaft
       
       Ebenfalls bemerkenswert ist, wo die Zeit in ihrer Analyse die „tieferen
       Gründe“ für die Eskalation sieht. Die liegen demnach bei einer Regierung in
       London, die Einwanderer in Vierteln mit Wohnungsknappheit und hoher
       Jugendarbeitslosigkeit ansiedelt. „Im Pulverfass Belfast, kurzum, mischt
       sich das alte Gefühl von Identitätsbedrohung mit neuer Asylmigration und
       unzureichender politischer Aufrichtigkeit.“ Doch woran liegt es denn
       eigentlich, dass die wirtschaftliche Lage in den Vierteln so prekär ist?
       
       An dieser Stelle sei ein Statement empfohlen, das die Irish Republican
       Socialist Party (IRSP) veröffentlichte – eine radikale Partei, die selbst
       bestreitet, der politische Arm der Irish National Liberation Army zu sein.
       In ihrem Statement nimmt auch die IRSP die Sorgen der arbeitenden
       Bevölkerung mit Blick auf die sozialen Folgen von Migration ernst.
       
       Doch sie beharrt richtigerweise darauf, dass die Wohnungsnot und das marode
       Gesundheitssystem die Konsequenz der kapitalistischen Wirtschaftsordnung
       sind. „Die Einwanderung nach Irland mag solche sozialen Spannungen
       verschärfen, ist jedoch nicht deren eigentliche Ursache“, schreibt die
       Partei – und verwehrt sich ohne Wenn und Aber gegen die Pogrome.
       
       Einem Autor der Welt gelingt es ferner nicht mal, die Anheizer der rechten
       Stimmung richtig zu benennen. Besonders hervorgetan hat sich hier der
       britische Neonazi Tommy Robinson, der im September Zehntausende
       Demonstranten auf den Straßen Londons versammelte. In [4][dem Artikel] der
       Welt, der erklären will, dass das Hauptproblem nicht rechtsradikale Gewalt
       sei, wird Robinson aber nicht politisch eingeordnet, sondern lediglich als
       „Aktivist“ beschrieben.
       
       Es ist ein hohes Maß an Augenwischerei, was hier betrieben wird, alles
       natürlich unter dem Anspruch, „unbequeme Wahrheiten“ auszusprechen. Doch
       wer nicht von der kolonialen Gewaltgeschichte Irlands und von den Folgen
       der neoliberalen Wirtschaftspolitik in Belfast sprechen will, der sollte
       vielleicht lieber auch zu den Ursachen der Riots lieber schweigen.
       
       13 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Nordirland/!6186102
 (DIR) [2] https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-06/ausschreitungen-belfast-nordirland-messerattacke-gewalt?freebie=7a9b057c
 (DIR) [3] /Rassistische-Krawalle-in-Nordirland/!6186192
 (DIR) [4] https://www.welt.de/debatte/plus6a291d547dbdf95670dabdc8/proteste-in-belfast-nein-das-hauptproblem-ist-nicht-rechtsradikale-gewalt.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Leon Holly
       
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