# taz.de -- Theatertreffen der Jugend: Deutschland, warum weinst du nicht, Deutschland wovon träumst du?
> Beim Berliner Theatertreffen der Jugend fragen sieben starke
> Inszenierungen aus Freier Szene, Schulen und Stadttheatern nach den
> Träumen, Traumata und Wünschen der jungen Generation.
(IMG) Bild: Sieben Inszenierungen wurden aus mehr als hundert Beiträgen für das Theatertreffen der Jugend ausgewählt
Sag mal, Deutschland, warum weinst du nicht? Deutschland, warum bleibst du
stumm [1][nach Hanau], [2][dem NSU], den Toten im Mittelmeer, den 150
Faschisten im Bundestag? Warum bist du so leise? Warum bist du so kalt und
ungerührt? Deutschland, frag, wie es mir geht. Schau mir in die Augen und
nimm mich ernst! Deutschland, warum bist du so? Es ist okay traurig zu
sein, nachdem was hier alles passiert ist. Gerade passiert. Wo ist dein
Mitgefühl, dein Verständnis, dein Respekt? Deutschland, denk mal nach!
Finde heraus, dass du gar nichts gelernt hast seit dem Ende des Zweiten
Weltkrieges. Dass du dieselben Fehler wieder machst. Dass du die Angst der
Menschen ausnutzt, um Hass zu verbreiten.
Vierzehn Jugendliche stehen in der Mitte der großen Bühne im Haus der
Berliner Festspiele und vereinen sich zu einem stimmgewaltigen Chor. Ihre
Beobachtungen, Analysen und die sich daraus ergebenen Fragen treffen ins
Mark. Dann tritt eine Spielerin aus der Gruppe und sagt: „Ich sehe
Menschen, die sich in ihrem Hass vereinen und ich werde wütend.“ Harte
Beats peitschen durch den Raum, in einer kraftvollen Gruppenchoreografie
scheinen sich die DarstellerInnen mit den eigenen Händen die Luftzufuhr
abzuschneiden. Dann bricht Stille ein. Die Bühne ist in ein tiefes Blau
getaucht. Eine Schauspielerin tritt vor die Kamera, ist nun in Großaufnahme
zu sehen und erzählt von ihrer Sprachlosigkeit, wenn sie trauert, und dass
ihr das Angst macht.
POLYLUX, der Jugendclub des Schauspiel Köln, beschäftigt sich in
„TRAUER//FALL“ mit privaten und öffentlichen Momenten der Trauer. Eine
Inszenierung, in denen die Spielenden, zwischen 13 und 18 Jahre alt, viel
von sich preisgeben und die gleichzeitig hochpolitisch ist. „TRAUER//FALL“
wird in Köln im Abendprogramm und als Schulvorstellung gezeigt, und wurde
zur 47. Ausgabe des Theatertreffens der Jugend nach Berlin eingeladen. Aus
über hundert Bewerbungen wurden von einer zehnköpfigen Jury sieben
Inszenierungen ausgewählt. Die meisten Bewerbungen (dreißig!) kamen aus der
freien Szene, gefolgt von den Stadt- bzw. Staatstheatern und den Gymnasien.
Bei den Bundesländern ist NRW ganz weit vorn, dann kommt Berlin. Aus
Brandenburg kamen drei Produktionen, darunter „ANNE“, ein Stück über Anne
Frank, vom Jugendclub des Cottbuser Piccolo-Theaters. In der ersten
Juniwoche wurde es zusammen mit Stückentwicklungen aus Berlin, Düsseldorf,
Göttingen, Köln und Stuttgart im Haus der Berliner Festspiele gezeigt. Das
Haus hatte die Atmosphäre eines Bienenstocks. Tagsüber schwirrte alles zu
den Workshops und abends trafen sich alle im Saal, um einander beim Spielen
zuzusehen. Die Redaktion der Festivalzeitung war im Foyer aufgebaut und
verteilte nach jeder Vorstellung die tägliche, wunderbar haptische Ausgabe
der „FZ“. Jeden Abend gab es stehende Ovationen. Begeisterung ging Hand in
Hand mit gegenseitigem Empowerment.
## Die Inszenierungen überzeugen
Alle sieben Inszenierungen überzeugen durch Unmittelbarkeit, Authentizität
und die Ernsthaftigkeit, mit der existenzielle Fragen gestellt werden. In
„FRISCH gefragt!“ des jungen RZt des Berliner [3][RambaZamba Theaters]
stehen die Fragen derer, die auf der Bühne stehen sogar übergroß an der
Wand. Was die ausgewählten Produktionen noch verbindet, ist der Einsatz von
Musik als dramaturgisches Element und die sich mit Verve ins Körperliche
stürzenden Spieler:innen. Und die Befähigung zu Humor und Selbstironie auf
der Bühne.
Sofort umarmen möchte frau alle Ensemble-Mitglieder von „APOLLON – STOP
TRYNA BE GOD“. Das deutsch-griechische Künstlerinnenkollektiv waltraud900
hat im Forum Freies Theater Düsseldorf mit zwölf pubertierenden Jungs und
dem Rapper Uğur Kepenek aka Busy Beast einen radikalen, zugleich zarten und
verspielten Abend entwickelt. Radikal, weil die Jugendlichen alle
männlichen Rollenbilder und Konventionen konsequent hinterfragen. Zart,
wenn Kepenek und die Jugendlichen einander ihre konkrete
Vater-Sohn-Beziehung erzählen. Verspielt, wenn alle mit großen aufblasbaren
Gummibällen ein Fitness-Studio imaginieren und ihnen die auf und ab
hüpfenden Bälle außer Kontrolle geraten.
Gustav Becker steht im Trikot von [4][Fortuna Düsseldorf] auf der Bühne. Er
fällt auf die Knie und heult auf: „Warum hat mich mein Vater nur zum
Fortuna-Spiel mitgenommen? Es ist so hart, Fortuna-Fan zu sein.“ Hatte doch
das junge RZt noch gefragt: „Was ist dein größter Traum?“ Hier ist eine
erste Antwort.
7 Jun 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Katja Kollmann
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