# taz.de -- Wirtschaftsforum in St. Petersburg: Eine russische Erfolgsgeschichte
> Bei seiner Rede in St. Petersburg wiederholt Kremlchef Wladimir Putin
> altbekannte Weisheiten. Der Krieg gegen die Ukraine kommt nur am Rande
> vor.
(IMG) Bild: Allgegenwärtig: Übertragung von Wladimir Putins Auftritt am Freitag in St. Petersburg
Wladimir Putin ist bekannt für sein notorisches Zuspätkommen. Dieser
Eigenschaft blieb der russische Präsident auch am Freitagnachmittag treu,
wo er als Höhepunkt des Internationalen Wirtschaftsforums in Sankt
Petersburg für einen inhaltsschweren Auftritt angekündigt war.
Um die Spannung zu erhöhen, – womöglich auch nur als Pausenfüller zu Beginn
des laut Programm für 15 Uhr Ortszeit angesetzten Panels – ließ sein
Pressesprecher Dmitri Peskow verlautbaren, Putin nehme zu einem offenen
Brief seines ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj Stellung.
Der hatte in der ihm eigenen Direktheit Putin zu einem Gespräch von
Angesicht zu Angesicht aufgefordert, damit Russlands Angriffskrieg endlich
aufhöre. „Dieser Krieg ist Ihre persönliche Entscheidung – ein Krieg ohne
wirklichen Grund“, heißt es darin.
## In einer Reihe mit Stalin
Ob sich das Warten gelohnt hat? Zur Einstimmung wurde dem Publikum im
vollen Plenarsaal ein Video vorgeführt, das Putin in einer Reihe zeigt mit
Katharina der Großen bei der Unterzeichnung der Deklaration über bewaffnete
Neutralität. Die sollte während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges
(1775–1783) den Seehandel neutraler Staaten schützen.
Und, wie könnte es auch anders sein, [1][mit dem Generalissimus Josef
Stalin]. Vor dem Hintergrund des Bürgerkrieges in Syrien habe Russland es
fertiggebracht, verfeindete Parteien an einen Tisch zu bringen. „Frieden
braucht Dialog“ war auf dem Bildschirm zu lesen, „Vereinbarungen sind
verbindlich“. Russland ist ein zuverlässiger und berechenbarer Partner, so
die Botschaft.
[2][Stabilität, Vorhersehbarkeit – all das hat Russland nicht zu bieten –
jedenfalls nicht, solange das Land gegen seinen Nachbarn Ukraine einen
zerstörerischen Angriffskrieg führt. Darüber verlor der Staatschef kein
Wort.]
In seiner Eingangsrede lamentierte Putin eine Dreiviertelstunde lang über
aus vorherigen Reden bekannte Weisheiten. Aus seinem Mund war eine
russische Erfolgsgeschichte zu hören, oder besser, ein kurzer Abriss der
Befreiung aus dem „unlauteren Wettbewerb“ mit den Ländern des Westens.
„Der Wettlauf um die Souveränität hat begonnen und gewinnt an Dynamik“,
sagte der Präsident. Mit Seitenhieben sparte er nicht. Im Westen müsse für
die Konfiskation von Vermögenswerten jeder beliebige Anlass herhalten, und
sei es die Haltung der LGBT-Community. Damit schien nicht nur russisches
Eigentum gemeint zu sein.
## Geschönte Zahlen
Wirtschaftlich, so war herauszuhören, läuft alles prima. In Bezug auf
Russland hörte sich das bei einem Geschäftsfrühstück der Sberbank im Rahmen
des Wirtschaftsforums anders an. Da sagte der Leiter der Sberbank German
Gref, die Reserven für einen Anstieg der russischen Wirtschaftsleistung
neigten sich ihrem Ende zu.
Aber Putin bezog sich im Wesentlichen auf den Verbund der Brics-Staaten –
Russlands Glück und Segen. Denn ohne China oder Indien als Großabnehmer
läge Russlands Ölexport derzeit danieder. Dass die Wirtschaftsleistung
aller Brics-Staaten zusammengenommen inzwischen die der westlichen
G7-Staaten überholt habe, hob Putin gesondert hervor. Russlands geringen
Anteil daran unterschlug er.
Russland müsse eigenständig Produkte von existenzieller Bedeutung
herstellen, dürfe sich aber nicht abschotten und müsse Beziehungen zu
ausländischen Partnern aufbauen. Zwar sei Russland großen Druck ausgesetzt,
gleichzeitig hätten sich aber neue Chancen mit gewinnversprechenden Märkten
ergeben.
Auch der Globale Süden durfte in seiner Rede nicht fehlen, auf dem Panel
war dieser vertreten durch Tansanias Präsidentin Incumbent Samia Suluhu
Hassan. Ebenfalls anwesend waren der usbekische Präsident Shavkat
Mirziyoyev und der chinesische Vizepräsident Han Zheng. Insgesamt hatten
sich Teilnehmer*innen aus über 130 Ländern, allen voran Saudi-Arabien,
auf dem viertägigen Wirtschaftsforum eingefunden.
## Offizielle US-Delegation
Auch die beiden [3][AfD-Bundestagsabgeordneten Markus Frohnmaier] und
Steffen Kotré waren nach Sankt Petersburg gekommen. Putins außenpolitischer
Berater Jurij Uschakow hatte außerdem im Vorfeld bestätigt, dass dem Forum
eine offizielle Delegation aus den USA beiwohnen werde. US-Außenminister
Marco Rubio bezweifelte, dass es sich dabei um hochrangige
Staatsvertreter*innen handeln könnte.
Aus den USA waren nicht nur rund 30 Unternehmen angereist, sondern auch
Rodney Cook, Leiter der Commission of Fine Arts – immerhin eine offizielle
US-Behörde. Zudem hatte Cook erklärt, dass US-Präsident Donald Trump ihm
diese Russlandreise ausdrücklich erlaubt habe.
US-Delegierte ließen sich auf dem Wirtschaftsforum mit einem Anstecker mit
US-Flagge in Form einer russischen Matrjoschka blicken – also einer hohlen
Holzfigur, die ineinandergeschachtelt weitere enthält. Ein prächtiges
Symbol für den Zustand der Beziehungen zwischen den beiden Atommächten –
denn was genau im Inneren steckt, bleibt für Außenstehende verborgen und
wird erst beim Öffnen sichtbar.
## Keine Isolation
Fragen an Putin gab es natürlich auch. Wer isoliert sei, so lautete die
erste – Russland oder der Westen? Es habe, so Putin, nie eine Isolation
gegeben. Die zweite Frage betraf Selenskyjs Brief. Peskow habe ihm den
Brief gezeigt. Darin habe Selenskyj sein, Putins, fortgeschrittenes Alter
erwähnt.
Weitaus wichtiger sei jedoch seine Handlungsfähigkeit, sagte Putin über
sich selbst. Und überhaupt mache es keinen Sinn, sich an den Autor des
Briefes zu wenden. Er, Putin, wende sich [4][an die russischen Soldaten,
die an der Front kämpften]. Alle Welt schaue auf sie. „Weiter mit der
Arbeit, Brüder“. Viel mehr hatte Putin zum Krieg nicht zu sagen.
5 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Stalin-Renaissance-unter-Putin/!6182826
(DIR) [2] /Putin-und-der-Krieg/!6178981
(DIR) [3] /AfD-in-Russland/!6184791
(DIR) [4] /Desertierende-Soldaten-in-Russland/!6163616
## AUTOREN
(DIR) Vera Bessonova
## TAGS
(DIR) Russland
(DIR) Wladimir Putin
(DIR) Wirtschaftsforum
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) GNS
(DIR) Wolodymyr Selenskyj
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) KP China
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) +++ Nachrichten im Ukrainekrieg +++: Europäer und Ukraine fordern Putin zu Verhandlungen auf
In London sprachen Starmer, Merz und Macron dem Vorschlag Selenskyjs für
„direkten Dialog“ mit Moskau ihre Unterstützung aus. Der Kremlchef hatte
das zuvor abgelehnt.
(DIR) Gerhard Schröder bei Putin im Kreml: Ein Freund, ein guter Freund
Russlands Präsident Wladimir Putin setzt weiter auf Ex-Kanzler Schröder als
„neutralen Vermittler“ im Ukrainekrieg. Nun trafen sich die beiden in
Moskau zu einem Plauderstündchen.
(DIR) Wirtschaft unter Putin: Russland in der Bankenkrise
Faule Kredite, sinkende Bargeld-Einlagen, hoher Rekapitalisierungsbedarf:
Dem russischen Finanzwesen steht das Wasser bis zum Hals.
(DIR) Zweifel an Putin in Russland: Die Macht des Kremlchefs wackelt
Widerspruch aus den eigenen Reihen, die Wirtschaft in der Krise und ein
Krieg ohne Perspektive. Putin durchlebt die schwersten Wochen seiner
Amtszeit.
(DIR) Putin zu Besuch in China: Bittsteller auf Betteltour
Vom russischen Riesenreich zur chinesischen Provinz – Putin macht sich zum
Vasallen Pekings. Zu viel Häme aus Europa ist aber nicht angebracht.