# taz.de -- Putins Macht in Russland: Schwacher Mann in Moskau
> Die Zustimmung für den russischen Präsidenten nimmt ab. Die
> Internetblockaden kommen beim Volk nicht gut an und der Krieg fordert
> seinen Preis.
(IMG) Bild: Vielleicht nicht mehr ganz des Sieges so sicher: Putin bei einer Kranzniederlegung zum Gedenken an den Sieg über Nazideutschland
Das russische Regime von Wladimir Putin blieb trotz des Kriegs und der
westlichen Sanktionen lange stabil. Doch gerade in der letzten Zeit scheint
sich die Lage zu ändern. Im April erkannten alle drei große
Meinungsforschungsinstitute Russlands einen kontinuierlichen Rückgang der
Unterstützung für Putin. Laut den WTSIOM-Daten aus Mitte April liegt der
Anteil der Befragten, die Putin nicht mehr vertrauen, bei rund 25 Prozent.
Das ist das höchste Niveau seit dem vollumfänglichen Angriff 2022.
Grundsätzlich sind drei Faktoren zu nennen, die für das Regime potenziell
zu einer Herausforderung werden könnten: schwächelnde Wirtschaft,
erfolgreiche ukrainische Angriffe sowie, was aus meiner Sicht das
Wichtigste ist: die Handlungen der russischen Regierung selbst, wie zuletzt
vor allem die Internet-Shutdowns. Die russische Wirtschaft stagniert seit
mittlerweile fast anderthalb Jahren. Das ändert natürlich die Stimmungen im
Land im Vergleich zu der Periode des schnellen Wirtschaftswachstums 2023
und 2024.
Allerdings ist so eine Stagnation eher die Regel als eine Ausnahme. Der
langsame wirtschaftliche Niedergang liefert Unternehmen wie Haushalten
genug Möglichkeiten, sich an die veränderte Lage anzupassen. Für das Regime
ist eine schwache, aber stabile Wirtschaftslage zwar unangenehm, jedoch
akzeptabel. Wichtig ist auch, dass der Krieg näherrückt. Ukrainische
Angriffe auf russische Infrastruktur sind mittlerweile auch Tausende
Kilometer hinter der Frontlinie zu spüren.
Eine sehr bescheidene Militärparade in Moskau am 9. Mai sowie die
abgesagten Paraden in zahlreichen anderen russischen Städten zeigen, dass
sich die Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auch auf Propagandarituale
des Regimes stark auswirken. Auch hier sollten indes die politischen
Konsequenzen für das Regime nicht überschätzt werden. Die Angriffe sind
nach wie vor über die enorme Fläche Russlands verteilt. Zudem fallen die
Reaktionen recht unterschiedlich aus. Bei den einen wecken sie Zweifel an
der Politik Putins.
## Shutdowns sind geschäftsschädigend
Andere überzeugen die Angriffe umso mehr, dass Russland weiter den Kampf
gegen den Westen führen muss, um, wie die Propaganda sagt, das eigene
Überleben zu sichern. Die [1][Internet-Shutdowns und -Restriktionen] sind
für Russland seit 2022 ebenso nichts fundamental Neues. Doch gerade im
Frühling 2026 haben sie massiv an Intensität und Verbreitung zugenommen.
Auf diese Weise macht die Regierung Russlands etwas zunichte, was sie
selbst – und auch russische Bevölkerung – als eine große Errungenschaft der
letzten Jahre wahrgenommen haben – einen hohen Grad der Digitalisierung des
Landes, zum Teil viel höher als in Deutschland.
Insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen sind
Internet-Shutdowns und Telegram-Blockaden mehr als nur eine
Unannehmlichkeit. Restaurants, Friseursalons oder Fotostudios kommunizieren
in Russland mit ihren Kund*innen oft primär über Telegram. Die Blockaden
führen zu gewaltigen Umsatzeinbußen. Für viele Freiberufler*innen oder
Dienstleister*innen ist Telegram der Ort, wo über Zahlungsmodalitäten
verhandelt wird und wo die Kundenkontakte gespeichert sind.
Für diese Probleme kann die russische Regierung – anders als im Fall der
Drohnenangriffe – keine ausländischen Akteure verantwortlich machen.
Shutdowns und Blockaden werden für Großteil der Bevölkerungen auf eine
völlig unvorhersehbare und intransparente Weise eingeleitet. Staatliche
Hilfen für die Unternehmen, die unter Shutdowns leiden, sind nicht
vorgesehen. Dazu kommt, dass der russische Staat zwar offene
Positionierungen der Illoyalität, wie Kritik an dem Krieg, verbietet.
Er kann aber keinen Diskurs untersagen, der dem Kreml gegenüber loyal
bleibt oder zumindest den Schein einer Loyalität hat, jedoch spezifische
staatliche Maßnahmen als unbegründet oder problematisch präsentiert. Über
Internet-Shutdowns wird in Russland öffentlich und kontrovers diskutiert.
Und das Thema betrifft nicht nur die ohnehin spärlichen prowestlichen
Gruppen, sondern sehr breite Bevölkerungsmassen. Auch loyale Regimeakteure
und Eliten sind von den Shutdowns frustriert.
## Die Zweifel nehmen zu
Bürokrat*innen verlieren die Kommunikationskanäle, die sie für das
Aufrechterhalten der politischen Maschinen nutzen, – und das kann bei den
Wahlen in die Staatsduma 2026 teuer werden. Das Regime macht also die
Arbeit ihrer eigenen Verwaltung viel schwieriger. Propagandist*innen
können ihre Zielgruppe, die ihre Nachrichten traditionell über Telegram
gelesen hat, nicht mehr erreichen. Sogar an der Front leidet angeblich die
Koordination der Truppen ohne Telegram.
Was bedeutet das für die Zukunft des Regimes Putin? Die aktuellen
Entwicklungen zeigen wiederum, dass die Grenzen des Möglichen und des
Riskanten für die Autokratien zum Teil ganz anders verlaufen, als die
externen Beobachter*innen vermuten können. Während der Covid-Pandemie
wagte es das Regime nicht, starke Anreize für Impfungen zu setzen, aus
Angst vor der Unzufriedenheit der Bevölkerung; unmittelbar danach startete
es jedoch ohne weitere Bedenken einen Angriffskrieg gegen ein Nachbarland.
Mit den Internet-Shutdowns könnte das Regime möglicherweise bei der
russischen Bevölkerung wie auch bei Loyalist*innen eine Toleranzgrenze
überschritten haben. Umso wichtiger ist es, dass der Kreml an seiner
Politik festhält. Der Staat zögert nicht mit Maßnahmen, die sogar von
loyalen Teilen der Bevölkerung und der Bürokratie als Problem gesehen
werden.
Für die Führung in Moskau hat das gravierende Konsequenzen. Denn gerade die
Loyalist*innen oder die apolitischen Gruppen fangen an zu zweifeln, ob
Putin wirklich weiß, was er tut. Das führt zwar nicht automatisch zum
offenen Dissens. Aber auch unter Loyalist*innen nimmt die Bereitschaft
ab, sich für ihr Putin einzusetzen. Das Regime ist viel fragiler als es
wahrscheinlich selbst glaubt und könnte weiter ins Wanken geraten, wenn es
mit externen Schocks konfrontiert wird.
14 May 2026
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