# taz.de -- Wirtschaft unter Putin: Russland in der Bankenkrise
> Faule Kredite, sinkende Bargeld-Einlagen, hoher Rekapitalisierungsbedarf:
> Dem russischen Finanzwesen steht das Wasser bis zum Hals.
(IMG) Bild: Bevor Putin das Internet wieder abstellen lässt und Onlinebanking nicht geht: lieber Bargeld abheben!
Um seine Siegesparade am 9. Mai auf dem Roten Platz vor ukrainischen
Drohnen zu schützen, ließ der russische Machthaber [1][Wladimir Putin] das
Internet in großen russischen Städten bereits Tage zuvor und seither
[2][immer wieder sperren]. Es diene der „Stabilität“, begründete der Kreml
seine Internetsperren. Sie führen aber zu drastischen Einnahmeausfällen und
Insolvenzen von Unternehmen, die ihre Geschäfte vor allem online abwickeln.
Für die Banken heißt das: immer mehr unbediente Kredite, Unsicherheit im
Finanzsystem.
Durch einen Putin-Erlass von voriger Woche sollen sich russische Banken
auch noch Luftabwehrsysteme kaufen und ihre Mitarbeitenden bewaffnen, um
die Gebäude der Geldhäuser zu schützen. Anlass war, dass auf der
annektierten Halbinsel Krim eine ukrainische Drohne die Zweigstelle der
russischen Zentralbank in der Hafenstadt Sewastopol in Brand gesetzt hatte.
Dabei ist die russische Wirtschaft inzwischen auch nach offiziellen Angaben
in eine Stagflation gerutscht. Das heißt, wirtschaftliche Stagnation und
Inflation treten gleichzeitig auf.
Von einer Bankenkrise spricht inzwischen sogar das kremlfreundliche Zentrum
für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognosen. Drei Kriterien
dafür seien erfüllt: Der Anteil fauler Kredite, bei denen die Schuldner im
Verzug sind und die Rückzahlung als gefährdet gelten muss, liegt inzwischen
bei über 11 Prozent. Bankkundinnen und Sparer ziehen einen erheblichen Teil
ihrer Einlagen ab. Der Sektor erfordert eine Rekapitalisierung von mehr als
2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
## Bankkunden heben Unmengen an Bargeld ab
Die Internetsperre hatte dazu geführt, dass Bargeld in bisher ungeahnter
Höhe von den Banken geholt wurde. Bargeld statt Onlinebanking.
Zudem steigt die Zahl der Firmeninsolvenzen nicht nur wegen der
Internetabschaltungen rasant. Seit zu Jahresbeginn die
Steuervergünstigungen für den Mittelstand gestrichen wurden, rechnen sich
viele Geschäfte nicht mehr. Der Anteil der gewinnbringenden Unternehmen
sank im Januar und Februar auf 63,1 Prozent, meldet das Statistikamt
Rosstat. Angesichts eines Leitzinses von 13,5 Prozent bei einer Inflation
von 5,6 Prozent werden kaum noch neue private Unternehmen gegründet.
Der Einzelhandel läuft so schlecht wie seit fast einem Jahrzehnt nicht
mehr. Läden in Einkaufszentren werden als Mietwohnungen angeboten, da immer
mehr Geschäfte schließen. Und die Preise fertiggestellter
Eigentumswohnungen sind im Sinkflug. Das führt zu immer mehr nicht
bedienten Krediten. Privatkundinnen und Verbraucher bedienen
Konsumentenkredite immer schlechter, weil die Reallöhne stagnieren, statt
wie erwartet zu steigen.
Hinzu kommt, dass ein Hauptgeschäft der Banken deutlich an Rendite
eingebüßt hat: Der russische Staat zwingt die heimischen Banken,
Inlandsanleihen (die sogenannten OFZ) aufzukaufen, um den Staatshaushalt
und die Kriegswirtschaft zu finanzieren. Von deren Verzinsung haben die
Banken lange gut gelebt, jetzt sind aber die Renditen deutlich gesunken.
Bereits Ende April erreichte das Haushaltsdefizit einen Rekordwert von
umgerechnet 71,1 Milliarden Euro, was dem 1,6-Fachen des Plans für das
gesamte Jahr entspricht. Rüstung und Armee verschlingen inzwischen etwa 40
Prozent des Staatshaushaltes.
Finanzminister Anton Siluanow denkt laut über eine generelle Ausgabensperre
nach – mit Ausnahme des Verteidigungsbudgets, aber inklusive Streichungen
staatlicher Kreditsubventionen. Der Ökonom und frühere Vize-Finanzminister
Sergei Aleksaschenko ist skeptisch: „Das ist wie ein Schwein zu scheren –
viel Geschrei, wenig Fell“, so der Experte. „Es ist ein Schlag für Putins
Image.“
Die stark gestiegenen Ölpreise infolge des [3][Irankriegs] retten das
Finanzsystem auch nicht: „Der Rubel wertet so immer mehr auf, und trotz
hoher Dollar-Einnahmen kommen entsprechend wenig Rubel im Budget an“, so
Aleksaschenko. Das heißt: kein Geld für Bankenrettungen.
1 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Mathias Brüggmann
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