# taz.de -- Feministische Führungskräfte: „Feminismus bedeutet Aushandlung“
> Sind Linke und FLINTA die besseren Chef*innen? Nein, sagen Steff Urgast
> und Dana Müller in ihrem Buch. Feministische Institutionen wollen sie
> nicht angreifen, sondern stärken.
(IMG) Bild: Dana Müller findet, dass auch Männer feministisch führen können
taz: Frau Müller, wie sind Sie auf das Thema feministisches Führen
gekommen?
Müller: Ausgangspunkt waren unsere eigenen Erfahrungen in linken und
feministischen Kontexten. Wir wollten zeigen, dass auch feministische
Institutionen problematische Macht- und Ausbeutungsstrukturen haben können.
taz: Welche Erfahrungen waren das konkret, die Sie gemacht haben?
Müller: Einmal wurde mir bei Gehaltsverhandlungen in einem feministischen
Betrieb weniger Geld geboten als dem männlichen Kollegen auf dem gleichen
Posten. Erst mit dem [1][Hinweis auf den Gender-Pay-Gap] bekam ich das
gleiche Gehalt. Ich hatte auch bereits mehrmals körperliche Beschwerden wie
Magen-Darm-Probleme oder Nasenbluten, ausgelöst durch Stress und Konflikte
am Arbeitsplatz. In einem Gespräch mit Vorgesetzten wurde mir gesagt, dass
ich mich nicht so anstellen solle.
taz: Für das Buch haben Sie auch mit FLINTA mit ähnlichen Erfahrungen
gesprochen, konkrete Namen fallen dabei nicht. Warum?
Müller: Wir wollen [2][feministische Institutionen nicht angreifen],
sondern stärken. Sie sind ja wichtig, brauchen aber oft strukturelle
Veränderungen. Deshalb geht es uns nicht um einzelne Personen, sondern um
strukturelle Probleme, die in vielen Bereichen auftreten – von Wissenschaft
über Medien bis zur Beratung.
taz: Was verstehen Sie unter feministischer Führung?
Müller: Ein zentraler Punkt ist, Macht zu teilen. Mehrere gleichberechtigte
Führungspersonen schaffen mehr Ansprechpartner*innen und verteilen
Verantwortung besser. Außerdem geht es um transparente Kommunikation,
Wertschätzung und darum, Konflikte nicht persönlich zu nehmen. Konflikte
können überall entstehen – entscheidend ist, wie man damit umgeht.
taz: Was wäre ein feministischer Umgang mit Konflikten?
Müller: Es ist immer gut, externe Hilfestrukturen aufzusuchen, bevor es
eskaliert. Das Wichtigste für feministische Führung ist [3][Kommunikation].
Eine feministische Führung versucht, eine Lösung zu finden, und ist in
Kontakt mit ihren Angestellten. Wertschätzung spielt dabei eine wichtige
Rolle – die kann sich schon in kleinen Dingen äußern. Eine Frau erzählte
uns beispielsweise in einem Interview, dass sie immer von ihrer Chefin eine
Willkommensnachricht bekommt, sobald sie aus dem Urlaub zurück ist.
taz: Das ist gerade die eine Frau, die in einem großen Konzern arbeitet und
nicht in einem linken Verein.
Müller: Vermutlich lernt man so etwas einfach bei professionellen
Weiterbildungen, die auch dringend nötig sind. Denn es reicht nicht, gut im
eigenen Fachgebiet zu sein – das haben viele große Konzerne verstanden und
bieten entsprechend Schulungen für Führungskräfte an. Denn eine
Chefposition fordert andere Kompetenzen – etwa [4][Empathie, die nicht
grenzüberschreitend ist].
taz: Welches Beispiel aus Ihren Interviews hat Sie besonders beschäftigt?
Müller: Schockierend fand ich die Geschichte einer [5][Psychotherapeutin in
Ausbildung]. Sie bekam wegen Überlastung eine Reha verschrieben, und ihre
Vorgesetzte versuchte, diese zu verhindern, weil sie Sorge hatte, für die
Zeit keine Vertretung zu finden. Gerade in einem Beruf, der sich mit
psychischer Gesundheit beschäftigt, hat uns das sehr irritiert.
taz: Wie kommt das? Warum reproduzieren feministische Institutionen solche
Muster?
Müller: Das sehr alte Peter-Prinzip aus dem Jahr 1969 besagt, dass Leute in
einer pyramidenartigen Struktur immer so lange aufsteigen, bis sie
inkompetent für ihren Posten sind. Ein klassisches Beispiel ist der Lehrer,
der ein super Lehrer ist, aber als Direktor letztlich versagt. Ich habe
selbst auch eine Chefin erlebt, die auf der Position, die sie vorher hatte,
sehr engagiert war – und dann als Chefin eigentlich keine Lust mehr hatte,
zu führen.
taz: Das Peter-Prinzip erklärt individuelle Überforderung – aber warum
passiert das gerade in Institutionen, die es strukturell besser machen
wollen?
Müller: Ich denke, auch wir Feministinnen haben [6][die Machtlogiken des
Patriarchats von klein auf gelernt]. Gleichzeitig glauben wir, dass wir für
eine bessere Welt kämpfen und deshalb automatisch die gleichen Werte
vertreten. Aber wir müssen uns fragen: Welche Narrative erzählen wir am
Arbeitsplatz? Oft setzen sich auch in feministischen Institutionen die
lautesten, selbstbewussten oder am besten vernetzten Personen als
Führungskräfte durch. Aber sind sie wirklich die kompetentesten? Wir
brauchen mehr FLINTA-Führungskräfte, die auf Kommunikation und Empathie
setzen.
taz: Kommunikation und Empathie werden oft stärker von Frauen erwartet als
von Männern. Entsteht daraus nicht ein unfairer Druck?
Müller: Männer könnten auch feministisch führen. Wir wollen eine
feministische Welt, egal, ob Männer oder Frauen führen.
taz: Was unterscheidet feministische Führung von weniger hierarchischen
Arbeitsmodellen wie New Work?
Müller: Da gibt es viele Überschneidungen. Feministische Führung stellt
aber zusätzlich [7][FLINTA]-Führungskräfte in den Fokus und nimmt auch die
Bedürfnisse von FLINTA in den Blick. Wie gehen Arbeitskontexte mit
Carearbeit um? Wie wird der Wunsch, Kinder zu kriegen, mitgedacht – auch
bei nicht-binären Personen?
taz: Was würden Sie retrospektiv anders machen, als Sie noch
Chefredakteurin bei [8][L-Mag] waren?
Müller: Als Chefin musst du dich immer hinterfragen. Ich halte mich für
eine empathische Person. Aber ob andere Leute das auch so sehen, das müssen
sie entscheiden. Mir ist heute wichtig, regelmäßige Coaching-Strukturen zu
schaffen, lange bevor Situationen eskalieren können.
taz: Gibt es eine linke Ablehnung gegenüber solchen Coachings, die das
verhindert?
Müller: Ich denke, das ist eher eine Generationenfrage. Jüngere sehen
Coaching oder Mediation oft nicht mehr als neoliberale Selbstoptimierung,
sondern als sinnvolle Unterstützung – ähnlich wie therapeutische Hilfe im
Privaten.
taz: Ihre Gesprächspartner*innen wünschen sich flachere Hierarchien,
gleichzeitig aber auch klare Verantwortung. Ist das ein Widerspruch?
Müller: Menschen brauchen unterschiedliche Dinge. Manche wünschen sich
klare Vorgaben, andere möglichst kollektive Entscheidungen. Feministische
Führung bedeutet deshalb nicht zwingend Hierarchielosigkeit, sondern
sensibel dafür zu sein, was ein Team konkret braucht.
taz: Was wäre der erste Schritt zu einer [9][feministischen Führung]?
Müller: Reden. Reden. Reden. Ich glaube wirklich, dass die meisten
Konflikte eskalieren, weil man nicht rechtzeitig über die Bedürfnisse der
jeweiligen Seite spricht. Das sollte man immer machen, auch ohne Konflikt:
schauen, welche Bedürfnisse sind im Raum.
taz: Und wenn Bedürfnisse den Anforderungen der Arbeit widersprechen?
Müller: Unterschiedliche Bedürfnisse werden sich immer widersprechen. Es
geht nicht darum, alle vollständig zu erfüllen, sondern gemeinsam Lösungen
zu finden. Wenn jemand etwa ungern ins Büro kommt, muss man fragen, woran
das liegt und welche Bedingungen helfen würden. Gute Arbeitsstrukturen
entstehen durch Aushandlung, nicht durch starre Regeln, denn genau das
bedeutet Feminismus: Aushandlung.
8 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katrin Gottschalk
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