# taz.de -- Iran und Religion: Endzeitstimmung in Iran
> Ein schiitischer Apokalypsekult bestimmt zunehmend die iranische Politik
> und erschwert die Verhandlungen von iranischer Seite. Was steckt
> dahinter?
(IMG) Bild: Vermutlich tot, aber sehr lebendig: Pilger versammeln sich im irakischen Kerbala, um die Geburt des Mahdi zu feiern, 12. 2. 2025
An einem Abend im Mai treffe ich Mahmoud in einer verrauchten Bar in
Berlin-Neukölln. Er ist gläubiger Schiit, wir kennen uns seit vielen
Jahren. Wenige Tage zuvor hatte die New York Times berichtet, dass Iran
trotz der israelisch-amerikanischen Luftschläge noch immer über 70 Prozent
seines Raketenarsenals verfügen soll.
Das habe ihn nicht überrascht, sagt Mahmoud. „Ich weiß, wie sie denken.
Seit 47 Jahren haben sie sich auf Krieg gegen die USA und Israel
vorbereitet. Warum? Weil sie glauben, dass dieser Krieg notwendig ist,
damit Imam Mahdi zurückkehrt.“
Auch Mahmoud ist überzeugt davon. Auch er wartet auf Imam Mahdi und sieht
diesen aktuellen Krieg als Voraussetzung dafür, dass alte Prophezeiungen
Wirklichkeit werden.
So wie er denken gerade viele schiitischen Muslime. In ihrem Glauben ist
Mahdi der letzte rechtmäßige muslimische Herrscher. Er verschwand im 9.
Jahrhundert, um als endzeitlicher Erlöser, inmitten weltweiten Chaos, zu
erscheinen und in einem apokalyptischen Endkampf das Böse zu besiegen.
Daraufhin soll Mahdi von Jerusalem aus eine weltweite islamische Regierung
anführen – bis zum Tag des Jüngsten Gerichts.
Im Mahdismus wird Eskalation zur Pflicht
So jedenfalls lautet die traditionelle schiitische Eschatologie, die Lehre
vom Ende der Welt. Doch seit dem Beginn des Krieges zwischen Iran und den
USA gewinnt eine radikale Randströmung an Einfluss: der Mahdismus. „Ihre
Anhänger begnügen sich nicht damit, auf die Rückkehr des Mahdi zu warten.
Sie wollen seine Rückkehr aktiv beschleunigen“, sagt Reza Hajatpour,
Professor für Philosophie und islamische Theologie.
Dafür müssen verschiedene Prophezeiungen erfüllt werden. Diese reichen von
umfassender Zerstörung durch zivilisatorische Kriege bis hin zur
Vernichtung Israels. Ähnlich den messianischen Rechtsextremen in Israel,
die die Al-Aksa-Moschee und den Felsendom beseitigen wollen, damit der
Messias erscheinen kann, sind auch immer mehr iranische Ideologen
überzeugt, dass sie Jerusalem „befreien“ müssen, damit der Mahdi
zurückkehrt.
Irans Raketenarsenal ist so gesehen keine Frage der Technik oder der
Militärstrategie, sondern ein „Gottesdienst“, wie es kürzlich der iranische
Kleriker Alireza Panahian ausdrückte, ein Vertrauter des Obersten Führers
Modschtaba Chamenei.
Für viele westliche Iran-Beobachter bleibt der Mahdi-Kult ein blinder
Fleck. Das Ausmaß, in dem er die iranische Politik beeinflusst, werde
regelmäßig unterschätzt, so stellten Forscher des Middle East Institute
schon 2022 fest.
## Mit Krieg die Wiederkehr des Mahdi beschleunigen
[1][Anhänger des Mahdismus torpedierten zuletzt auch die Verhandlungen mit
den USA.] Recherchen der CNN zeigten, wie eine einflussreiche Gruppierung
namens „Jebhe-ye Paydari“ – zu Deutsch: Front der Ausdauer –, ein neues
Abkommen mit den USA verhinderten. Die Gruppe versteht sich als Hüterin der
Werte der Islamischen Revolution, ihr gehören neben dem ehemaligen
Sicherheitschef Saeed Jalili mehrere Parlamentarier und hochrangige
Mitglieder der [2][Revolutionsgarden] an. Ihr spiritueller Anführer,
Ajatollah Mohammad Mehdi Mirbagheri, forderte bereits 2019 einen
„umfassenden Krieg, um die Wiederkehr des Mahdi zu beschleunigen“.
Angesichts dessen sprechen Irankenner wie Hajatpour von einer tiefen
Spaltung der iranischen Politik. Doch der Graben verlaufe nicht mehr
zwischen sogenannten Reformern und Hardlinern, sondern zwischen einem
radikalen Lager, das pragmatisch denkt und die Erhaltung des Systems an
erste Stelle setzt, und noch radikaleren Kräften, die kein Risiko scheuen,
um ihre ideologischen Ziele zu verfolgen.
Während dem ersten Lager etwa Irans Chefverhandler und Parlamentspräsident
Mohammad Ghalibaf angehören, rekrutiert sich das kompromisslose Lager aus
einer nachrückenden, extrem ideologischen Generation von Regimeanhängern,
insbesondere in den Reihen der Revolutionsgarden.
In ihrem Denken sind Chaos und Zerstörung nichts Unerwünschtes, sondern ein
notwendiger Schritt zur Erlösung. Das hat das Potenzial, grundlegende
Regeln der Geopolitik außer Kraft zu setzen. Denn wo nicht mehr die Logik
der Selbsterhaltung, sondern bedingungslose Opferbereitschaft an erster
Stelle steht, hat gegenseitige Abschreckung keine Wirkung mehr. Dann wird
Eskalation auf Dauer unausweichlich.
Autobahn für den Erlöser
Die Radikalität der neuen Generation iranischer Regimeanhänger ist kein
Zufall. Schiitischer Endzeitglaube prägt die Ideologie der [3][Islamischen
Republik] seit ihrer Gründung 1979, sagt Reza Hajatpour, der selbst in den
frühen 80er Jahren in der Heiligen Stadt Ghom Theologie studierte.
„Die Schwäche des Islam, die vielen Kriege und globalen Umwälzungen, der
Widerstand gegen den Imperialismus – all das sahen die Gläubigen als
Zeichen für die baldige Wiederkunft des Mahdi“, sagt Hajatpour. Doch die
allermeisten herrschenden Kleriker lehnten den Gedanken, seine Rückkehr
aktiv zu beschleunigen, ab.
Dies änderte sich 2005 mit der ersten Präsidentschaft Mahmoud
Ahmadinedschads, einem überzeugten Anhänger des Mahdismus. Er wollte sogar
eine direkte Autobahnverbindung zwischen der Dschamkaran-Moschee, wo der
Überlieferung zufolge Imam Mahdi zuerst erscheinen soll, und dem
Imam-Chomeini-Flughafen in Teheran bauen. Seine Begründung: „Im Falle einer
Wiederkehr des Imam Mahdi sollte dieser direkt von Dschamkaran zum
Flughafen von Teheran reisen können, ohne im Stau stecken zu bleiben.“
## „Cyber-Bewegung der Kinder der Revolution“
Unter Ahmadinedschad befand sich die Islamische Republik in einer inneren
Krise. Während die Bevölkerung immer säkularer wurde, hatten interne
Umfragen ergeben, dass bei den Präsidentschaftswahlen 1997 sogar unter den
Revolutionswächtern 73 Prozent für das Reformer-Lager gestimmt hatten. Die
alten Kader der Islamischen Revolution fühlten sich durch diese Entwicklung
bedroht. Infolgedessen begannen sie, bewusst eine noch fanatischere
Generation junger Revolutionsgarden heranzuziehen, die bereit war, zu
sterben und zu töten, um das bestehende System zu erhalten.
„Um noch effektiver zu sein, arbeitete die Propaganda der Islamischen
Republik nun nicht mehr theologisch fundiert, sondern
emotional-symbolisch“, sagt Hajatpour. Der Mahdi-Kult eignete sich perfekt
dafür. Zentrale Figuren der neuen Propagandamaschinerie waren von nun an
Prediger ohne Turban und ohne theologische Qualifikation, die sich zuweilen
sogar über die Kleriker lustig machten und sie „inaktive Wissenschaftler“
oder „Bienen ohne Honig“ nannten.
Der prominenteste ist Ali Akbar Raefipour, der Leiter des
Propaganda-Instituts „Masaf“, was übersetzt „Kampf“ bedeutet. Laut
Recherchen des iranischen Exilmediums IranWire hat das Institut seit seiner
Gründung 2011 durch religiöse Zeremonien, Staatsmedien, internationale
Konferenzen und eine Vielzahl an Social-Media-Accounts den Mahdismus zur
dominanten Doktrin unter jüngeren Regimeanhängern gemacht. Sich selbst
bezeichnet Masaf als „die größte Cyber-Bewegung der Kinder der Revolution
im Internet“.
Nun rücken die Ideologen der Apokalypse an entscheidende Machtstellen
innerhalb der Islamischen Republik nach. Ihre politische Mission sehen sie
darin, die Hindernisse für das Erscheinen des Imam Mahdi zu beseitigen,
„wobei das wichtigste Hindernis die Existenz des usurpatorischen Regimes
Israels ist“, konstatierte Mehdi Taeb, ein führender Geistlicher und Leiter
des iranischen Propagandanetzwerks „Ammar Headquarters“. Israel wird im
Mahdismus häufig mit dem „Dajjal“ gleichgesetzt, einem Gegenspieler des
Mahdi, der in der christlichen Eschatologie mit dem Antichristen
vergleichbar ist.
Im Iran sind die Folgen dieser umfassenden Propagandamaschine auch für
gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger spürbar. „Wenn ich mit Regimeanhängern
spreche, sagen sie mir, dass wir Iraner Allahs auserwähltes Volk sind, um
die Heiligen Stätten des Islam zurückzuerobern und so den Weg für Imam
Mahdi zu ebnen. Für mich fühlt es sich an, als sei ich in einem
mittelalterlichen Kreuzritter-Krieg gelandet“, berichtet ein Iraner, der
anonym bleiben möchte, über einen verschlüsselten Chat.
## Über die Grenzen Irans hinaus
Doch der Mahdi-Kult wirkt längst über die Grenzen Irans hinaus.
Organisationen wie die von Raefipour arbeiten daran, mit ihrer religiösen
Propaganda Gläubige in anderen Ländern zu erreichen, viele Inhalte sind
inzwischen auch auf Englisch verfügbar.
In Berlin-Neukölln ist es bereits spät geworden, Mahmoud steigt nach dem
Besuch der Schischa-Bar in seinen VW. Auch er hofft, dass die aktuellen
Kriege nur Vorboten für das Erscheinen des großen Erlösers sind. Auf der
Heckscheibe steht auf Arabisch: „Oh Allah, lass Imam Mahdi bald
zurückkehren.“ Noch ist Mahmoud unsicher, ob ausgerechnet die Islamische
Republik jene Kraft ist, die dem Mahdi helfen soll. [4][Die Berichte über
Menschenrechtsverletzungen und Repressionen lassen ihn zweifeln.] Und doch
ist er überzeugt, sich bald entscheiden zu müssen, auf welcher Seite er
steht – denn im bevorstehenden Kampf zwischen Gut und Böse gebe es keinen
Platz für Neutralität.
4 Jun 2026
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