# taz.de -- Oberster Führer Modschtaba Chamenei: Eine endzeitliche Erlöserfigur
> Der neue Oberste Führer von Iran bleibt unsichtbar. Während säkulare
> Iraner darüber spotten, unterstützen Regimeanhänger ihn gerade deshalb.
(IMG) Bild: Modschtaba Khameneis Konterfrei auf einem Anstecker bei einer Pro-Regime-Demo in Teheran, 29. April 2026
Als Modschtaba Chamenei zum neuen Obersten Führer Irans ernannt wurde,
werteten Beobachter das als Kampfansage des Regimes. Der Krieg habe „einen
iranischen Kim Jong Un geschaffen“, kommentierte etwa der Iran-Experte
Karim Sadjadpour. Kurz nach seiner Ernennung wurde dann ein schriftliches
Statement des neuen Obersten Führers, Sohn des alten Obersten Führers Ali
Chamenei, publiziert. Darin wurde „Rache“ gegen die USA und Israel
geschworen.
[1][Bald acht Wochen] ist das nun her. Öffentlich in Erscheinung getreten
ist Modschtaba Chamenei seitdem kein einziges Mal. Stattdessen werden
weiterhin schriftliche Nachrichten des neuen Obersten Führers verbreitet.
Etwa dieser Tage, als erneut eine Rede von ihm im iranischen Staatsfunk
verlesen wurde. Darin wurde den USA gedroht, die Verteidigungsfähigkeit
Irans betont.
Seit Beginn seiner Dienstzeit als Oberster Führer halten sich – auch
aufgrund dieses Scheuens der Öffentlichkeit – hartnäckig die Gerüchte um
den Gesundheitszustand Modschtaba Chameneis. Er soll beim Angriff auf
seinen Vater schwer verletzt, eventuell sogar getötet worden sein.
[2][Ein Bild eines Märtyrerpalakts, das nun in der zentrairanischen Stadt
Kaschan aufgehängt wurde,] heizt die Gerüchteküche weiter an. Denn darauf
ist auch das Konterfrei Modschtaba Chameneis zu sehen – in einer Reihe mit
seinem Vater und anderen wichtigen Regimeköpfen. Sie alle sind tot.
## Häme unter Regimegegnern – aber nicht unter -anhängern
Chamenei junior war schon zuvor eher ein Phantom. Es existieren kaum Fotos
von ihm. Ein einzelner Video- und Audiomitschnitt stammt aus dem Jahr 2024,
als er an der Theologischen Hochschule von Qom ein paar Vorlesungen hielt.
Mit brüchiger, unsicherer Stimme verkündet er darin die baldige Einstellung
der Vorlesungen. Öffentliche Interviews oder Reden sind nicht zu finden.
Bei den Regimegegnern sorgt das für eine gewisse Häme: Vor allem in
persischsprachigen sozialen Medien kursieren massenweise KI-generierte
Bilder [3][von einem Bastel-Set], das eine Pappfigur mit dem aufgeklebten
Foto des Gesichts von Modschtaba Chamenei enthält. „Bau dir deinen eigenen
Ajatollah“, steht darunter.
Bei den Anhängern des Regimes könnte Modschtabas Abwesenheit die Loyalität
aber sogar festigen. Unsichtbarkeit ist im schiitischen Glauben keine
Schwäche, im Gegenteil: Die gesamte Islamische Republik baut in ihrem Kern
auf einem okkulten Prinzip auf – die [4][„Velayat-e Faqih“, also die
„Statthalterschaft des Rechtsgelehrten“.] Demnach soll Irans Staatschef ein
irdischer Statthalter des verborgenen Imam Mehdi sein, der schon bald
inmitten apokalyptischen Chaos auf die Erde zurückkehren wird.
Der aus Saudi-Arabien stammende Ex-Dschihadist, spätere MI6-Agent und
politische Analyst Aimen Dean beschreibt solche Endzeittheorien als
„geistiges Narkotikum“ für islamische Eiferer. Auch bei seiner eigenen
Rekrutierung für al-Qaida hätten sie eine entscheidende Rolle gespielt.
## Besessen vom Ende der Welt
Ähnliches sei nun im Iran in Gange, so Dean: Ein ungreifbarer Anführer, wie
Modschtaba Chamenei, passe für viele Regimeanhänger hervorragend in die
schiitischen Endzeiterzählungen. Denn vor dem Erscheinen des Imam Mehdi
soll, so die Theologie, ein geheimnisvoller Anführer aus der ostiranischen
Region Chorasan alles für seine Ankunft vorbereiten – der sogenannte „Sejed
Chorasani“.
Nun hält sich Modschtaba Chamenei, der selbst aus Chorasan stammt, einigen
Quellen zufolge selbst für diese Erlöserfigur. „Er ist besessen vom Ende
der Welt“, sagte etwa der frühere Revolutionsgardist Jaber Rajabi kürzlich
gegenüber dem Magazin The Atlantic. Anstatt zum irdischen Statthalter des
Imam Mehdi ist Modschtaba Chamenei somit für einige Unterstützer selbst zur
verborgenen Endzeitfigur geworden.
Für das Regime hat das gleich zwei Vorteile: Mit seiner symbolischen
Strahlkraft sichert Modschtaba Chamenei einerseits den Rückhalt der
fanatischsten Anhänger. Andererseits macht er durch seine Abwesenheit im
politischen Tagesgeschäft den Weg frei für andere Akteure. Dabei handelt es
sich wohl kaum um den Imam Mehdi – sondern um die Revolutionsgarden,
[5][die längst zum wahren Machthaber geworden sind.]
Mitarbeit: Lisa Schneider
2 May 2026
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