# taz.de -- Volksbühnen-Premiere „Warten auf Bardot“: Warten ohne Ende
> Unendlicher Klamauk: Mit „Warten auf Bardot“ inszeniert Meo Wulf an der
> Volksbühne eine irrwitzige Kuriositätenshow.
(IMG) Bild: Die präzise Situationskomik (hier im Bild: Sonia Yeremytsia und Amelie Willberg) sägt am Ende auch etwas an den Nerven
Wenn wir träumen, verlieren wir den Bezug zur Zeit. Wir hören auf, zu
warten: auf die U-Bahn, auf ein Wunder, auf Godot. Mit [1][„Warten auf
Godot“] schrieb der irische Schriftsteller Samuel Beckett das wohl
bekannteste Theaterstück der Moderne. An der Berliner Volksbühne jongliert
die Schauspieler:in und Regisseur:in Meo Wulf mit Fragmenten aus dem
Klassiker und überführt sie frei ins Reich der Träume. Aus Godot, der
vielfach interpretierten Lichtgestalt, wird Bardot – [2][Brigitte Bardot],
die französische Filmikone, die 2025 verstarb. Meo Wulf holt sie in „Warten
auf Bardot“ mit einem irrwitzigen Theaterabend zurück ins Leben.
Schon während sich der große Saal bis in die letzten Reihen füllt,
schleichen drei Gestalten zwischen Mensch und Fabelwesen über den
türkisfarbenen Teppichboden auf der Bühne. In ihrer grotesken Kostümierung
aus zotteligen Langhaar-Perücken, runden Brillen und buckligen, braunen
Pelzanzügen (Kostüm: Johannes J. Jaruraak „Hungry“) sind sie kaum
voneinander zu unterscheiden. Mit unbeholfenen Bewegungen kraxeln und
stolpern die Darsteller:innen durch ihr Territorium: eine
surrealistische Couchlandschaft, die als Komfortzone und Gefängnis zugleich
erscheint.
## Kabinett der Kuriositäten
„Bin ich endlich weg?“, fragt Markus Bernhard Börger in seiner Rolle als
einer von drei Außerirdischen mit kindlicher Stimme und scheuem Blick. Doch
aus dem Schwellenraum, in dem Meo Wulfs klamaukige Figuren angesiedelt
sind, gibt es kein Entkommen. Die Koordinaten, um die ihr sinnentleertes
Zusammenleben kreist, sind gesetzt: rechts ein sargförmiges Klohäuschen,
aus dem hin und wieder die katzenhaft maskierte Schauspielerin Sonia
Yeremytsia herausspringt. In der Mitte ein gigantisches Bett, links der
Kühlschrank: „Da bewahren wir unsere Erinnerungen auf.“
Was vergangen ist und was gegenwärtig, lässt sich in diesem Kabinett der
Kuriositäten schwer ausmachen. Zeit wird zum inhaltslosen Kontinuum. Wie
bei Samuel Beckett geht es um das Warten und seine Banalität in clownesken
Ausführungen. Etwa wenn Amelie Willberg als Außerirdische mit beeindruckend
rasantem Sprechtempo über das Schlafwandeln monologisiert: „Wandeln ist
mein Hobby, ich hab mir extra neue Wandelschuhe gekauft.“
## Die Erlöserin ist eine Frau
Eine der drolligen Figuren spielt Meo Wulf selbst und lässt in
Pollesch-Manier die Grenze zwischen Regie und Darsteller:innen
verschwimmen. Der Text, ebenfalls von Wulf, enthält dabei kaum stringente
Handlung. Vielmehr ist er ein Potpourri aus schrillen Sketchen, in denen
Moralvorstellungen und Geschlechterrollen ad absurdum geführt werden. So
sei die Erlösung aus der Wartehalle zwischen Diesseits und Jenseits „eine
Frau“, wie Meo Wulfs Bühnenfigur überspitzt betont.
Diese Frau tritt dann auch in Erscheinung: In Nebel gehüllt steigt sie zu
melodramatischen Streicherarrangements im weißen Anzug mit ausgebreiteten
Armen aus einer Klappe in der Bühnenwand. Ist die provokante Brigitte
Bardot zum weiblichen Messias avanciert? Bardot, die zu Lebzeiten als
Klischee weiblicher Lust sowie als reaktionäre Kulturkämpferin auftrat,
wird in Wulfs Erzählung zur Projektionsfläche desillusionierter Sehnsüchte.
Christine Groß spielt sie mit trockenem Witz, etwa wenn sie mit einer
trashigen Miniaturtrompete französische Chansons performt. Sie trägt aber
auch die wenigen ernsthaften Momente der Inszenierung: „Eure Augen gleiten
nur auf der Oberfläche der Dinge herum“, hält sie den drei Außerirdischen
vor.
Von jener Oberfläche der Dinge will sich auch der Abend nicht so recht
wegbewegen. Denn über die schauspielerisch präzise Situationskomik schafft
es die Inszenierung nicht hinaus. Gegen Ende verliert sie sich in einer
wirren Splatter-Show im Romeo-und-Julia-Setting mit Kunstblut, Schwertern
und dramatischen Sterbeszenen. Das Publikum reagiert mit Wohlwollen: Bis
zum Schluss gibt es kaum Momente, in denen nicht gelacht wird. Und doch
fragt man sich, welche dieser überdrehten Szenen wirklich in Erinnerung
bleiben, während sich die Menschenmengen vor den Stufen der Volksbühne
langsam in der kühlen Nachtluft auflösen.
30 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Gefaengnis-Komoedie-Alles-nur-Theater/!6028526
(DIR) [2] /Zum-Tod-von-Brigitte-Bardot/!6141456
## AUTOREN
(DIR) Ella Rendtorff
## TAGS
(DIR) Premiere
(DIR) Berliner Volksbühne
(DIR) Brigitte Bardot
(DIR) Moderne
(DIR) Theater
(DIR) Brigitte Bardot
(DIR) aufBruch
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Premiere „Böses Glück“ in der Volksbühne: Die Kindfrau sitzt schweigend da
In „Böses Glück/Cult of the Daughter“ fällt Regisseur Benny Claessens zu
den Werken von Tove Ditlevsen und Olga Ravn bloß unemanzipativer Klamauk
ein.
(DIR) Zum Tod von Brigitte Bardot: Die Göttin der Sorglosigkeit
Die Figuren, die Brigitte Bardot in ihren Filmen verkörperte, sind uns
fremd geworden. Nun ist auch ihre menschliche Gestalt verstorben. Eine
Hommage.
(DIR) Gefängnis-Komödie „Alles nur Theater?“: Und Godot kommt doch
Die Komödie „Alles nur Theater?“ spielt im Gefängnis, die Insassen werden
zu Schauspielern. Das ist unterhaltsam, aber dem Film fehlt auch etwas.