# taz.de -- Ukrainische Angriffe auf Russland: „Der Schaden summiert sich“
       
       > Tausende Male wurde die russische Energieinfrastruktur von der Ukraine
       > angegriffen. Nun erwägt das Kreml-Regime, den Export von Diesel
       > einzuschränken.
       
 (IMG) Bild: Mehr und mehr ist die russische Energieinfrastruktur am Ende
       
       Die taz panterstiftung präsentiert unter [1][taz.de/unserfenster] jeden
       Mittwoch eine wöchentliche Auswahl aktueller Berichte aus russischen
       kritischen Medien. Mit diesem Projekt stärkt die taz panterstiftung
       unabhängigen Journalismus und ermöglicht es kritischen Redaktionen, ihre
       Arbeit auch unter schwierigen Bedingungen fortzuführen. 
       
       [2][Novaya Gazeta Europe] öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach
       Russland. Den ganzen Text [3][lesen Sie hier auf Russisch].
       
       Seit Beginn [4][der russischen Vollinvasion] im Jahr 2022 hat die
       ukrainische Armee circa 3.400 Angriffe auf Industrieanlagen und
       Energie-Infrastruktur in Russland durchgeführt. Zu diesem Ergebnis kommt
       eine Auswertung der Zeitung Novaya Gazeta Europe.
       
       Besonders häufig waren Einrichtungen der Energieversorgung, der
       Ölindustrie, der Rüstungsproduktion und der Agrarwirtschaft Ziel der
       Angriffe. Zwar haben die Attacken Russlands militärische Schlagkraft
       bislang nicht entscheidend geschwächt. Sie gelten aber als einer der
       Faktoren, die dazu beitragen, [5][die russische Wirtschaft langfristig zu
       schwächen].
       
       Einrichtungen der Strom- und Energieversorgung wurden circa 1.000 Mal
       angegriffen. Am häufigsten trafen ukrainische Drohnen Stromleitungen: Mehr
       als 650 Angriffe richteten sich gegen Übertragungs- und Verteilnetze.
       
       An zweiter Stelle stehen Anlagen der Öl- und Gasindustrie, sie wurden mehr
       als 700 Mal attackiert. Auch militärische Einrichtungen und
       Rüstungsbetriebe wurden häufig angegriffen: Fabriken, Depots und
       Militärstützpunkte traf es 450 Mal.
       
       ## Russischer Ölkonzern Rosneft häufig angegriffen
       
       Den vorliegenden Daten zufolge haben ukrainische Drohnen auch Anlagen des
       staatlichen Ölkonzerns Rosneft mindestens 71 Mal angegriffen – und damit
       deutlich häufiger als die anderer russischer Unternehmen. Rosneft ist
       größter Erdölproduzent Russlands und eine wichtige Quelle für
       Steuereinnahmen des Kreml. Rosneft verfügt über die meisten Raffinerien in
       Russland.
       
       Ziel der ukrainischen Angriffe ist es, die Treibstoffversorgung Russlands
       zu stören, damit es zu Engpässen bei Benzin und Diesel kommt. Damit ist
       Kyjiw offenbar erfolgreich.
       
       Im ersten Quartal 2026 schrumpfte die russische Wirtschaft um 0,2 Prozent.
       In ihrer aktualisierten Jahresprognose rechnet die Regierung inzwischen
       nicht mehr mit einem Wachstum. Laut der russischen Zentralbank tragen die
       ukrainischen Angriffe auf Industrieanlagen und Infrastruktur zur negativen
       Entwicklung der russischen Wirtschaft bei.
       
       Der Militärexperte Pavel Luzin erklärt die wirtschaftlichen Folgen für das
       Kreml-Regime: Unternehmen müssten Geld für Reparaturen und die
       Wiederinbetriebnahme beschädigter Anlagen ausgeben. Gleichzeitig sinke der
       Wert von Vermögenswerten, die als Sicherheit für Kredite dienen. Dadurch
       werde die Finanzierung neuer Investitionen erschwert und immer teurer.
       
       ## „Strategie der tausend Schnitte“
       
       Die Angriffe führen außerdem dazu, dass Menschen die Regionen verlassen,
       die besonders häufig von Drohnen- und Luftangriffen betroffen sind. Dadurch
       verschärft sich der ohnehin bestehende Arbeitskräftemangel, sagt Luzin.
       „Jeder einzelne Angriff ist Teil einer,Strategie der tausend Schnitte'. Der
       Schaden summiert sich, die Kosten steigen, und die Motivation der
       Beschäftigten sinkt.“
       
       Den Quellen der Novaya Gazeta Europe zufolge haben die Angriffe
       stellenweise sogar zu einer Benzinknappheit in Russland geführt. Die
       Ausfuhr von Benzin hat das Regime schon eingeschränkt. „Auf den
       Kriegsverlauf sehen wir bislang jedoch keinen entscheidenden Effekt“, sagte
       ein Analyst des Conflict Intelligence Teams.
       
       Auch Kerosin wird offenbar knapp: Anfang Juni hat Moskau ein Exportverbot
       verhängt, um „die Stabilität des heimischen Kraftstoffmarkts zu
       gewährleisten“.
       
       Die russische Armee nutzt allerdings hauptsächlich Dieselkraftstoff. Davon
       wird nahezu doppelt so viel produziert, um die Überschüsse ins Ausland zu
       verkaufen. Laut Militärexperte Luzin reichen die bisherigen ukrainischen
       Angriffe noch nicht aus, damit es zu einem Treibstoffmangel in der
       russischen Armee komme: „Dafür müsste die Wirkung der Angriffe um ein
       Vielfaches größer werden.“
       
       Und trotzdem: Im Kreml wächst die Unruhe. Nachdem fast alle großen
       Raffinerien im europäischen Teil Russlands zeitweise von Angriffen
       betroffen waren oder ihre Produktion einschränken mussten, diskutieren die
       Behörden nun auch über mögliche Beschränkungen der Dieselexporte.
       
       Damit soll verhindert werden, dass ein möglicher Treibstoffmangel die
       Streitkräfte trifft – oder die Landwirtschaft. Sie ist ebenfalls in hohem
       Maße auf Diesel angewiesen.
       
       3 Jun 2026
       
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