# taz.de -- Anna-Seghers-Preis für Daniela Catrileo: Strategien der Champurría
> Die chilenische Autorin Daniela Catrileo richtet den Blick auf die
> indigene Kultur ihrer Vorfahren. Endlich kommt ihre Literatur auch in
> Deutschland an.
(IMG) Bild: „Im fiktionalen Schreiben habe ich mich frei gefühlt“: Daniela Catrileo
Seit 1986 zeichnet der Anna-Seghers-Preis jeweils zwei noch wenig bekannte
AutorInnen aus dem deutschsprachigen Raum und Lateinamerika aus. Den
renommierten Literaturpreis, der zunächst von der Akademie der Künste der
DDR und ab 1995 von der Anna-Seghers-Stiftung vergeben wurde, erhalten in
diesem Jahr die chilenische Schriftstellerin Daniela Catrileo sowie die
Hamburger Autorin Sonja M. Schultz.
1987 in Chile geboren und in der Peripherie Santiagos in San Bernardo
aufgewachsen, repräsentiert Daniela Catrileo literarisch eine neue
Generation und prominente Stimme der in den Großstädten lebenden Mapuche,
der „Warriache“. Einen gleichnamigen Titel trägt auch jene Erzählung, die
Catrileo zusammen mit zwei weiteren Kurzformaten in dem Band „Piñen“ 2019
in Chile veröffentlichte. „Warriache“ handelt von zwei jungen
Mapuche-Frauen, die zwischen studentischer Protest- und Subkultur und
urbanem Alltagsrassismus tastend ihre indigene Identität und die gemeinsame
Freundschaft zurückgewinnen.
Ende 2019, nur wenige Monate nach der Buchveröffentlichung, überraschten
massive soziale Proteste in Chile und weckten nicht nur in Südamerika
Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung. Fast schien es, als ob „Piñen“
die realen Ereignisse vorweggenommen und der geballten Wut über soziale
Ungleichheit, Gewalt und Marginalisierung einen literarischen Ausdruck
gegeben hätte.
## Chile ist 2027 Gastland
Das Bekenntnis zu einer plurinationalen Gesellschaft, zu Dezentralisierung
und Klimaschutz zählten zu den Hauptanliegen des paritätisch besetzten
Verfassungskonvents, der nach einem Referendum 2021 seine Arbeit aufnahm.
Weltweit verfolgte man mit Interesse den Transformationsprozess in Chile.
Im selben Jahr lud das 26. Internationale Literaturfestival Daniela
Catrileo zur Lesung nach Berlin ein. Es erstaunt, dass ihr öffentlicher
Auftritt bei den deutschsprachigen Verlagen in diesem Moment keine Resonanz
fand, während in den USA und sogar in Dänemark Catrileos Werke nach der
Erstveröffentlichung bald übersetzt wurden.
2027 wird Chile das Gastland der Frankfurter Buchmesse sein und könnte
damit Autorinnen und Autoren des südamerikanischen Landes zu einer größeren
Sichtbarkeit verhelfen. Der S. Fischer Verlag hat kürzlich bestätigt,
Catrileos jüngstes Buch „Chilco“ (2023) rechtzeitig zu dem Termin
herauszubringen.
## Eine rasante Kehrtwendung
Politisch aber hat in den vergangenen fünf Jahren eine rasante Kehrtwendung
in Chile stattgefunden. Nach einem zweijährigen Prozess wurde der
Verfassungsentwurf der Kommission von der chilenischen Bevölkerung mit
Mehrheit abgelehnt. Auch die progressive Regierung von Gabriel Boric konnte
zwischen 2022 und 2026 kaum eines ihrer Versprechen umsetzen. Seit März
2026 regiert in Chile der [1][rechtsextreme Präsident Antonio Kast,]
drastische Kürzungen des Kulturetats zählten zu den ersten getroffenen
Maßnahmen.
In „Chilco“ überführt die Schriftstellerin und Philosophie-Dozentin diese
Enttäuschung und den Schmerz über den gescheiterten gesellschaftlichen
Wandel kreativ in ein fiktionales Format, das zusätzlich Octavia E. Butlers
Klassiker „Die Parabel vom Sämann“ zu würdigen scheint.
Der dystopische Roman erzählt von Marina Quispe, Enkelin einer peruanischen
Migrantin, und Pascal, einem [2][jungen Mapuche,] die im Zentrum einer
namenlosen lateinamerikanischen Großstadt leben. Als unerklärliche
Erdabsenkungen dort die Gebäude zum Einsturz bringen, verwandelt die
wachsende Zerstörung das urbane Leben bald in ein apokalyptisches Szenario.
Zögernd beschließt das ungleiche Paar, die Megametropole zu verlassen und
zur (fiktiven) Insel Chilco im Territorium der Mapuche, Pascals Herkunft,
zurückzukehren.
## Möglichkeit von Solidarität
Im Gespräch beschreibt Daniela Catrileo den Hintergrund: „Auf gewisse Weise
ist ‚Chilco‘ in dieser Krise und Frustration entstanden und hat mein
Forschungsvorhaben begleitet, das eigentlich auch eine Art Flucht war, um
die Möglichkeit von Emanzipation, Gemeinschaft und Solidarität
weiterzudenken. Im fiktionalen Schreiben habe ich mich frei gefühlt.“
Noch während der Pandemie, die durch den Lockdown die noch junge soziale
Bewegung komplett ausgebremst hatte, zog Daniela Catrileo von Santiago in
die Hafenstadt Valparaiso. Diese Nähe zum Meer hat den Schreibprozess
deutlich beeinflusst. Aber auch die damalige Arbeit an ihrer Dissertation
zum Konzept der „Champurría“, einem ursprünglich abwertenden Begriff für
Vermischung aus der Kolonialzeit und seine zeitgenössische Strategie der
Aneignung, flossen ein in die Entstehung des Romans.
Über die erzählende Figur in „Chilco“ sagt Catrileo: „Die Mestizierung, der
Marina begegnet, hat indigene Wurzeln, und für sie wird das bei allen
Widersprüchen zu etwas Transformativem. Es ist ein entscheidender
Unterschied, wie man die Vermischungen auf diesem großen Kontinent versteht
und ob man statt einer vermeintlichen Auflösung ihre einzelnen Elemente
erkennt, besonders [3][die indigenen Anteile,] die in der kreolischen Welt
so schwer zu sehen sind.“
Trotz der aktuellen politischen Entwicklung in Chile machen die indigenen
Jugendlichen, die aufbegehren und ihre Identität zurückgewinnen, der
Schriftstellerin Hoffnung. Anders als ihre Großmütter und -väter, die
geschwiegen hätten, aus Angst oder Scham, lehnten sich die Jungen gegen die
Verhältnisse auf und empfänden stolz für den Ort, von dem sie stammten.
Catrileos Erzählung gibt ihrer Perspektive Sichtbarkeit.
3 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Eva-Christina Meier
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