# taz.de -- Autorin Nona Fernández über Chile: „Nostalgisches Erinnern langweilt mich“
       
       > Wie konnte es so weit kommen, dass in Chile erneut die Ultra-Rechte
       > regiert? Nona Fernández über ihr Werk, die Linke und die Bereitschaft zum
       > Handeln.
       
 (IMG) Bild: „Für mich dient Erinnerung dazu, die Gegenwart infrage zu stellen“ – Nona Fernández in Berlin 2026
       
       taz: Frau Fernández, woran schreiben Sie aktuell? 
       
       Nona Fernández: Ich gehöre auch zu einem Theaterkollektiv, La Pieza Oscura,
       und bald beginnen wir in Santiago mit den Proben für ein neues Stück. Die
       Gruppe wollte eine Theaterfassung eines Romans von mir inszenieren, der in
       deutscher Übersetzung unter dem Titel „Twilight Zone“ erschienen ist. Einen
       Teil meines Aufenthalts in Berlin habe ich mit der Adaption verbracht, um
       mit dem Skript proben zu können. Heute, kurz vor unserem Treffen, bin ich
       damit fertig geworden.
       
       taz: In Chile fand gerade die offizielle Amtsübergabe von Gabriel Boric an
       Antonio Kast statt. Der Kandidat der Ultrarechten hatte im Dezember die
       Präsidentschaftswahlen für sich entschieden. Viele aus der chilenischen
       Kulturszene fürchten schwerwiegende Folgen des Regierungswechsels. Was
       könnte in den nächsten vier Jahren passieren?
       
       Fernández: Wir befinden uns derzeit in einem Moment der Ungewissheit. Aber
       schon die erste öffentliche Äußerung des neuen Kulturministers ist
       beunruhigend. Er hält die Kulturausgaben für überzogen. Und es gibt
       Befürchtungen, dass Kast verschiedene Ministerien abschaffen und
       Fördermittel streichen könnte. Das wird man sehen. Was mir nach seinen
       bisherigen Reden aber Sorgen macht, ist Kasts extremer Konservatismus.
       
       taz: Wie würden Sie den beschreiben? 
       
       Fernández: Er ist sicher keine Figur wie Trump in den USA oder Milei in
       Argentinien, die ja regelrecht unberechenbar sind. Nein, er ist vor allem
       ein sehr konservativer Katholik. Deshalb glaube ich nicht, dass er durch
       Eskapaden wie diese beiden auffallen wird. Seine Politik wird eher
       thematisch geprägt sein. In Bezug auf die Familie, die Rolle der Frau und
       Mutterschaft hat er sich schon sehr, sehr deutlich geäußert, auch deutlich
       gegen Abtreibung und sexuelle Vielfalt. Damit werden wir viele Probleme
       bekommen. Denn dieser Moralkonservatismus kann dann in Zukunft auch den
       Rahmen für die Gestaltung der chilenischen Kulturpolitik bilden.
       
       taz: Nach dem gescheiterten Verfassungsreferendum in Chile sagten Sie in
       einem Interview 2023: „Es ist schon ein ziemlich schlechter Scherz, dass
       wir jetzt, quasi am Vorabend der Gedenkfeiern zum fünfzigsten Jahrestag des
       Militärputsches, daran erinnern müssen, dass Pinochet kein Staatsmann war,
       sondern ein Militärputschist, ein Mörder und Dieb …“ Heute, drei Jahre
       später regiert Antonio Kast, ein bekennender Bewunderer Pinochets, das
       Land. Wie konnte es dazu kommen?
       
       Fernández: Ich glaube, seit der Rückkehr zur Demokratie sind zu viele Jahre
       vergangen, in denen es politisch keine konsequenten Maßnahmen gab, der
       Leugnung von Diktaturverbrechen klare Grenzen zu setzen. Da es sich in
       Chile von Anfang an um [1][eine mit dem Militär vereinbarte Demokratie]
       handelte, gab es immer diese Idee eines Dialogs mit dem Pinochetismus.
       
       taz: Und das war falsch? 
       
       Fernández: Die Demokratie war tolerant, sogar gegenüber denen, die es nicht
       sind, gegenüber denen, die sie angreifen, und das hat großen Schaden
       angerichtet. So sehr, dass wir eine Gesellschaft haben, die die
       Vergangenheit leugnet, in der eine Mehrheit auf eine rechtsextreme
       Regierung setzt. Es fällt uns schwer, das zuzugeben, es fällt uns schwer,
       das zu sehen, aber so ist es. Der Präsident wurde rechtmäßig gewählt.
       
       taz: Die Wahlen verliefen formal korrekt? 
       
       Fernández: Es gibt keine Zweifel an dem Wahlergebnis. [2][Also will die
       Bevölkerung einen Anhänger Pinochets] als Präsidenten. Die Reden der Leute
       auf der Straße erlebe ich jeden Tag. Und dieser Präsident möchte mit seiner
       Familie tatsächlich erstmals wieder in den Regierungspalast La Moneda
       einziehen. Das ist als Symbol etwas Ungeheuerliches. Es geht ihm darum,
       diesen Raum einzunehmen, [3][der auf gewisse Weise immer die bombardierte
       La Moneda Allendes] geblieben ist. Und kein Ort, an dem man wohnt.
       
       taz: In Ihrem jüngsten Roman, „Marciano“ („Marsmensch“) erzählen Sie
       [4][von der „Frente Patriótico Manuel Rodriguez“.] Die chilenische Guerilla
       hatte im September 1986 ein Attentat auf Diktator Pinochet verübt, das
       gescheitert ist. Berühmt wurde die militante Gruppe später auch durch die
       spektakuläre Befreiungsaktion ihrer inhaftierten Mitglieder mit einem
       Hubschrauber 1996. Auch wenn es sich um ein fiktionales Werk handelt,
       basiert die Erzählung doch auf Interviews, die Sie mit Mauricio Hernández
       Norambuena in einem Hochsicherheitsgefängnis südlich von Santiago geführt
       haben. Was interessierte Sie an dem Ex-Guerillero, der eine lebenslange
       Haftstrafe verbüßt?
       
       Fernández: Ein Teil dessen, was ich beim Schreiben jedes meiner Bücher
       versuche, ist, die verschiedenen Perspektiven dieser Generationen zu
       verstehen – nicht meiner eigenen, sondern die meiner älteren Geschwister
       oder sogar die meiner Eltern. Und in „Marciano“ konkret jene der „Frente
       Patriotico“. Mauricio war in meiner Jugend eine prominente Persönlichkeit,
       und ich war gespannt auf diese Stimme aus erster Hand.
       
       taz: Was hat Sie an ihm besonders interessiert? 
       
       Fernández: Mich beschäftigt, wie jemand in seiner Situation mit Erinnerung
       umgeht, wie er die extreme Gefangenschaft erlebt, und auch, was seine
       lebenslange Haft für die chilenische Gesellschaft bedeutet. Es gab damals
       einige, die zu den Waffen griffen, andere, die politisch aktiv wurden, und
       wieder andere, die große Angst hatten und nicht in der Lage waren, etwas zu
       tun. Was auch sehr verständlich ist.
       
       taz: Ist die „Frente“ der jüngeren Generation in Chile noch ein Begriff?
       
       Fernández: Ja, zumindest denen, die stärker politisiert sind. Aber
       natürlich gibt es andere, die davon nie gehört haben oder sich nicht dafür
       interessieren. Die Polarisierung und Spaltung, die Chile erlebt, zeigt sich
       in gewisser Weise auch darin, wie man die „Frente“ und Mauricio beurteilt.
       Besonders die Ermordung von Senator Jaime Guzmán und die Entführung des
       Unternehmers Cristian Edwards 1991 sind zwei sehr symbolträchtige Fälle und
       für die chilenische Rechte sehr schwer zu verzeihen.
       
       taz: Die „Frente Patriótico“ steht auch für die klassenkämpferische
       Ideologie der orthodoxen Linken. Die Guerilleros wurden damals von Kuba und
       der Sowjetunion unterstützt. Wie steht Mauricio Hernández heute dazu?
       
       Fernández: Ich bin nicht seine Sprecherin. Aber wir haben oft darüber
       geredet, dass alles einer besonderen Logik in einem konkreten historischen
       Moment entsprang. Diese Welt ist nicht die von heute. Er hat sehr viel Zeit
       zum Nachdenken und Lesen gehabt. In den Interviews fiel mir auf, wie offen
       er schien. Manches von dem, was er mir gesagt hat, würde ich nicht
       öffentlich machen. Man würde es mir vielleicht auch nicht glauben, weil es
       nicht in das Bild vom „Comandante Ramiro“ der Linken passt. Aber auch der
       chilenischen Linken würde es gut tun, [5][sich etwas zu erneuern]. Das
       fällt [6][ihnen jedoch schwer.]
       
       taz: Die Verbrechen der Diktatur, das Vergessen und die Erinnerung spielen
       in Ihren Romanen und Theaterstücken eine zentrale Rolle. Was lässt sich
       anhand der Geschichte dieser Guerilla festhalten?
       
       Fernández: Nostalgisches Erinnern langweilt mich etwas. Für mich dient
       Erinnerung dazu, die Gegenwart infrage zu stellen, unser Unbehagen in der
       Gegenwart zu verstehen. Ich finde es äußerst interessant, dass diese jungen
       Menschen bereit waren, alles für eine gemeinsame Sache zu geben, auch wenn
       sie wussten, dass sie die Früchte ihres Handelns vielleicht gar nicht mehr
       erleben würden. Natürlich ist das nicht unser Weg, die Maschinenpistole in
       die Hand zu nehmen und loszuziehen
       
       taz: Es war eine andere Zeit. 
       
       Fernández: Aber ich denke oft darüber nach, wie das in der Gegenwart wäre.
       Dabei entstand die „Frente Patriótico“ nicht einmal mit dem Ziel, die
       Diktatur zu besiegen, sondern um sie zu destabilisieren. Sie wussten, dass
       etwas anderes gar nicht möglich war. Heute fällt es uns schwer, gemeinsame
       Anliegen zu finden und etwas dafür zu geben. Ich glaube nicht, dass große
       Revolutionen darin bestehen können, ein „Like“ auf Instagram oder Twitter
       zu hinterlassen.
       
       taz: Geht es ums Handeln?
       
       Fernández: Mauricio Hernández spricht davon, dass sie irgendwann begriffen
       hätten, dass die sozialistische Revolution nicht stattfinden würde, aber
       sie lange Zeit mit aller Kraft dafür gekämpft hätten. „Wir haben uns
       geirrt“, sagte er, „wir sind gescheitert. Aber das bedeutet nicht, dass wir
       nicht weiter versuchen können, eine bessere Zukunft für alle zu schaffen.“
       Der Versuch, niemals aufzuhören, es zu versuchen, diesen Gedanken möchte
       ich aufgreifen. Es ist dringend notwendig, dass wir kreativ werden und uns
       eine Zukunft erfinden, auf die wir hinarbeiten wollen.
       
       28 Mar 2026
       
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