# taz.de -- Abschiebezentren und härtere Strafen: EU verschärft ihre Migrationspolitik
> Ein Gesetz plant Zentren im EU-Ausland für mehr Abschiebungen. Die AfD
> findet’s super. In Deutschland gingen die Asylerstanträge zuletzt stark
> zurück.
(IMG) Bild: Hier hat Italien schon mal probiert, ungeliebte Migranten abzuschieben: Wohncontainer in Albanien
afp | Die EU verschärft ihre Einwanderungspolitik und geht dabei
insbesondere härter gegen abgelehnte Asylbewerber vor. Dazu gehören auch
die umstrittenen Abschiebezentren in Ländern außerhalb der EU. Am
Montagabend einigten sich EU-Parlament und Mitgliedstaaten bei
Verhandlungen auf einen Kompromiss. Ein Überblick:
## Was sind Abschiebezentren?
[1][In Abschiebezentren („return hubs“)] in Drittstaaten außerhalb der EU
sollen Asylbewerber „zurückgeführt“ werden, deren Anträge auf
Aufenthaltsrecht in der EU abgelehnt wurden, die aber nicht in ihre
Herkunftsländer abgeschoben werden können. Dabei spielt es keine Rolle, ob
die Menschen eine Verbindung zu dem Land haben, in das sie abgeschoben
werden.
Voraussetzung ist lediglich ein Abkommen zwischen einem oder mehreren
EU-Ländern mit dem Drittland. Letzteres muss „die internationalen
Menschenrechtsstandards und -grundsätze im Einklang mit dem Völkerrecht“
achten. Entsprechende Abkommen sollen vor ihrer Umsetzung von der EU
geprüft werden.
## Ist das legal?
Das ist noch nicht abschließend geklärt. Ein juristisches Gutachten am
Europäischen Gerichtshof (EuGH) vom April kam zu dem Ergebnis, dass
zumindest die umstrittenen italienischen Abschiebezentren in Albanien nicht
gegen Europarecht verstoßen. Grundsätzlich verbiete es das EU-Recht den
Mitgliedstaaten nicht, solche Zentren außerhalb ihres Territoriums
einzurichten, heißt es darin.
Voraussetzung sei jedoch, dass die Menschen dort weiter juristischen
Beistand und sprachliche Unterstützung bekommen sowie Kontakt mit ihrer
Familie und den zuständigen Behörden halten können. Die europäischen
Richterinnen und Richter orientieren sich oft an solchen Gutachten.
Fraglich ist, ob eine solche Entscheidung auch für weiter entfernte Länder
gelten würde, die nicht EU-Beitrittskandidaten sind.
## Welche Kritik gibt es?
Menschenrechtsorganisationen und Kirchenverbände warnen vor einer
„Kriminalisierung der Migration“. Es wirke so, als ob die neue Verordnung
den „Einsatz von Haft in gefängnisähnlichen Einrichtungen außerhalb des
EU-Gebiets“ normalisiere, „die im Grunde genommen rechtliche Schwarzlöcher
sind“, kritisierte etwa Marta Welander vom International Rescue Committee
(IRC). Es steige damit das Risiko, dass Menschen in Länder abgeschoben
werden, wo ihnen „Verfolgung, Folter oder Schlimmeres“ drohe.
Die Caritas erklärte, die EU lagere mit den Abschiebezentren ihre
Verantwortlichkeiten aus. Betroffene könnten durch „willkürliche und
unbefristete Inhaftierung“ in einer „rechtlichen Grauzone“ verbleiben. Die
Hilfsorganisation Picum befürchtet „verstärkte Überwachung und
Diskriminierung“ von Abgeschobenen in Ländern, „in die sie noch nie einen
Fuß gesetzt haben“.
[2][In Deutschland gab es Kritik am Zustandekommen] der Position des
EU-Parlaments zu den Zentren. Dabei hatte es Absprachen zwischen der AfD
und der EVP-Fraktion gegeben, der auch CDU und CSU angehören. Die
konservative EVP brachte den Gesetzentwurf mit den Stimmen der rechten
Fraktionen durch das Parlament.
## AfD lobt – Kritik von Grünen und Sozialdemokraten
Die AfD-Europaabgeordnete Mary Khan zeigte sich nach der EU-Einigung
zufrieden. Man schaffe die Grundlage dafür, „endlich Ordnung in die
europäische Migrationspolitik zu bringen“, teilte sie mit. Auf einem
gemeinsamen Foto ist die deutsche Politikerin nach den erfolgreichen
Verhandlungen unter anderem mit anderen Abgeordneten des rechten Flügels im
Europaparlament sowie EVP-Abgeordneten und EU-Kommissar Brunner zu sehen.
Die SPD-Europaabgeordnete Birgit Sippel kommentierte, mit der Einigung sei
trotz sinkender Ankunftszahlen der Panikmache der Rechten in Europa
nachgegeben worden. Die französische Europaabgeordnete Mélissa Camara von
der Grünen-Fraktion bezeichnete das Ergebnis als eine „beschämende
Einigung“ zwischen den Mitgliedstaaten und einer Mehrheit aus EVP und
rechtsextremen Parteien.
## Was ändert sich noch?
Die Abschiebezentren sind Teil einer neuen Rückführungsverordnung, die auch
härtere Strafen für diejenigen vorsieht, die sich trotz fehlender
Aufenthaltserlaubnis weigern, die EU zu verlassen. So sollen Inhaftierungen
erleichtert werden, etwa wenn ein Sicherheitsrisiko besteht oder die
Identität überprüft werden muss. Auch Minderjährige sollen inhaftiert
werden können. Einreiseverbote sollen künftig systematischer verhängt
werden.
Nach der Einigung vom Donnerstag muss die Übereinkunft von beiden Seiten
noch abschließend abgesegnet werden. Die neue Verordnung tritt in Kraft,
sobald sie im Amtsblatt der EU veröffentlicht wurde. Einige Bestimmungen
werden aber der Einigung vom Montag zufolge erst nach einer Übergangszeit
von zwölf Monaten angewandt.
Doch einige EU-Länder haben es eilig. Italien hat bereits Abschiebezentren
in Albanien eingerichtet. Dänemark, Deutschland, Österreich, Griechenland
und die Niederlande treiben gemeinsam ihre Planungen zu Abschiebezentren
voran.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte an, bis Ende des
Jahres Vereinbarungen mit Drittstaaten zur Errichtung solcher Zentren
treffen zu wollen. Gut unterrichteten Kreisen zufolge sollen EU-Länder ein
Dutzend Länder als potenzielle Partner ins Auge gefasst haben, darunter
Ruanda, Libyen, Mauretanien, Usbekistan und Äthiopien.
## Vergleichsweise wenig Asylanträge in Deutschland
Die Zahl der Menschen, die in Deutschland Schutz beantragen, ist im Mai
indessen weiter gesunken. Wie das Bundesinnenministerium mitteilte, wurden
beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) im vergangenen Monat
5.556 Asylerstanträge gestellt – so wenig wie seit 2020 nicht mehr, als
aufgrund der Beschränkungen während der Corona-Pandemie kaum Menschen nach
Deutschland einreisen konnten.
Im Vergleich zum Vorjahresmonat ging die Zahl der Erstanträge um rund 30
Prozent zurück. Bereits im April hatten deutlich weniger Menschen (6.144)
erstmals einen Asylantrag in Deutschland gestellt als im entsprechenden
Monat des Vorjahres.
## Innenminister Dobrindt ist zufrieden
Obgleich Migrationsforscher eher die Situation in Herkunftsländern wie
Syrien und Aufnahme- beziehungsweise Transitstaaten wie Iran oder der
Türkei als Ursachen für den Rückgang sehen, verbucht Bundesinnenminister
Alexander Dobrindt (CSU) diesen als Ergebnis der veränderten
Flüchtlingspolitik der schwarz-roten Bundesregierung. Er sagte: „Die
Migrationswende setzt sich fort.“ Es bleibe Ziel dieser Regierung, „die
Migration wirksam zu ordnen und die Belastungen weiter zu reduzieren“.
2 Jun 2026
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