# taz.de -- Im Improtheaterkurs: Meckerndes Meerschweinchen
       
       > Zwischen Gruppentherapie und Hubschrauberimprovisation: Ein Neuköllner
       > Volkshochschulkurs zeigt, wie leicht die schwersten drei Worte fallen
       > können.
       
       Auf mein gehauchtes „Ich liebe dich“ erhalte ich von A. ein
       entschuldigendes, aber bestimmtes „Ich weiß“. Ich treffe A. zum ersten und
       vermutlich letzten Mal. Vom Wecker unsanft geweckt hetze ich einige Stunden
       zuvor mit vom eilig heruntergestürzten Kaffee verbrannten Mund durch
       Neukölln. Begleitet werde ich vom Gesang der Vögel, die den Frühling
       einleiten, und meinem eigenen angestrengten Schnaufen.
       
       Endlich angekommen, warten in einem hellen Raum mit Blick ins Grüne bereits
       ein Dutzend Kursteilnehmende. Ihre Blicke sind noch müde oder leicht
       beschämt zu Boden gerichtet. Die Kennenlernrunde fühlt sich wie eine
       Gruppentherapie an. Fragen wie „Wo will ich hin?“ stellen mich seit Jahren
       vor große Herausforderungen. Und nun soll ich sie in Kürze vor Fremden
       beantworten?
       
       Später verwandle ich mich in ein meckerndes Meerschweinchen, mein Gegenüber
       in eine selbstreinigende Fensterscheibe, einen kreisenden Hubschrauber oder
       Horst, einen 66-jährigen Sicherheitsbeamten mit Minderwertigkeitskomplex.
       Unsere Geschichte spielt in einem Berlin, räumlich nah, doch inhaltlich
       fern der Realität.
       
       Im Laufe der Zeit schreien wir uns an, flüstern uns zu, streicheln uns
       gegenseitig den Kopf, beherrschen oder unterwerfen uns. Wir sind zu
       Freunden in diesem für die Kürze geschaffenen Universum geworden.
       
       Vor den Türen der Volkshochschule, wo unser Theaterimprovisationskurs für
       diesen Morgen geendet hat, schließlich bloß ein schüchternes Lächeln
       Richtung A., ein leises „Tschüss“ und wir zerstreuen uns in verschiedene
       Richtungen, zurück in unser altes Leben und die alten Rollen.
       
       Die übrig gebliebenen Erinnerungen: „Ich liebe dich“ – drei Worte, für die
       ich sonst lange brauche, die mir hier, vor Fremden, mühelos über die Lippen
       kamen. Vielleicht liegt ihr Gewicht weniger in ihrer Seltenheit als im
       Moment, in dem sie fallen. Vielleicht gewinne ich etwas, wenn ich sie öfter
       wage.
       
       2 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rahel Bueb
       
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