# taz.de -- Bücher, so viele Bücher: Zu viel Besitz macht nervös
       
       > Wohin mit all den Büchern, die schon gelesen sind und die nie mehr
       > irgendwer aufschlagen wird? Im Hausflur abgelegt finden sie vielleicht
       > neue Besitzer.
       
       Bücher stapeln sich in einer Ecke meines Arbeitszimmers. Viele habe ich vor
       längerer Zeit gelesen, weiß aber heute nicht mehr, warum. Andere werde ich
       nie lesen. Auch wenn mensch niemals nie sagen sollte. Die über Tage
       angehäufte Entschlossenheit, die von den Bücherstapeln ausgeht, tut mir
       gut. Ich verkleinere mich und optimiere meine Bedürfnisse, indem ich mich
       von einem überflüssig gewordenen Teil meiner selbst trenne. Der
       eigennützige Wunsch, durch raumhohe Regale nach außen Gelehrsamkeit zu
       demonstrieren, tritt hinter dem eigensinnigen Wunsch nach innerlicher
       Balance zurück.
       
       [1][Zu viel Besitz macht nervös]. Ich fühle mich erdrückt von meinem
       materiellen Ich. Also muss ich den abstumpfenden Überfluss loswerden. Aber
       wie bloß? Ich frage in meinem Umfeld herum. Aber alle winken ab. Die
       meisten haben mit ihren eigenen Besitztümern zu kämpfen. Alternativ könnte
       ich die Bücher verkaufen. Aber das ist einerseits mühsam, andererseits
       beschämend. Ich kaufe die meisten Bücher gebraucht und kenne die
       entsprechenden Portale. Aber für das Kleingeld, was ich bekommen würde, mag
       ich sie nicht abgeben. Dafür sind sie mir dann doch zu wichtig.
       
       Ich entscheide mich, sie zu verschenken, und lege sie im Hausflur ab. Das
       machen auch die Nachbarn. Immer wieder finde ich interessante Bücher, die
       [2][ich spontan oft lieber lese als die eigenen von der ewigen Warteliste].
       Auf dem Weg zu einer Verabredung verteile ich einen Stapel auf den
       Briefkästen. Eine Galerie des Wissens als Ausdruck sinnhafter Umverteilung.
       Als ich kurze Zeit später wieder komme, sind alle Bücher weg. Ich bin
       zufrieden mit mir. Der [3][nicht kommerzielle Kreislauf] der Dinge
       funktioniert.
       
       Oben in der Wohnung treffe ich meine Tochter. Ich habe ganz vergessen, dass
       sie am Nachmittag zu Besuch kommen wollte. Zum Glück ist sie beschäftigt.
       Sie ist ein ausgewachsener Büchermensch und hat immer Appetit. „Schau mal“,
       sagt sie und strahlt mich an, „die Bücher habe ich unten im Hausflur
       gefunden. Ist das nicht toll?“
       
       4 Jun 2026
       
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