# taz.de -- Baustelle in Berlin-Charlottenburg: Lauf Jonas, lauf
       
       > Monatelang tut sich nichts auf der Baustelle in Berlin-Charlottenburg.
       > Interessant wird sie erst wieder, als zwei Jungs dort herumturnen.
       
 (IMG) Bild: „Die Baustelle war natürlich immer noch da“
       
       Der Bezirk ist ja voller Baustellen. Geflickt muss immer was werden, schon
       klar. Aber gefühlt hört das nie auf. Auch in der Charlottenburger nicht,
       durch die ich gerade nach Hause schlendere. Ich bin träge. Nach Monaten ist
       keine Baustelle mehr spannend. Da gähnen selbst Kleinkinder, wenn sie
       wieder an denselben rostigen Betonmischern vorbei geschoben werden.
       Flatternde Absperrbänder nehmen sie auch schon lange nicht mehr ernst.
       
       Umso überraschter war ich, als heute ein Geräusch die Stille zerriss, das
       kein Presslufthammer war. Vielmehr handelte es sich um das rhythmische und
       sehr zügige Klatschen von Turnschuhen auf hartem Straßenbelag.
       
       „Du kriegst mich eh nicht, Jonas!“, brüllte ein Junge über seine Schulter.
       Dieser Junge, nennen wir ihn Lukas, hatte seinen Oberkörper weit nach vorne
       gebeugt, ein freches Grinsen im Gesicht und die Arme weit nach hinten
       gebogen, wie Naruto. In seiner rechten Hand schleuderte ein Rucksack
       hinterher.
       
       Der andere, Jonas also, war mindestens gleich schnell auf der anderen
       Straßenseite unterwegs, und ebenfalls bester Laune. Der Verfolger blieb dem
       Verfolgten dicht auf den Fersen. Ich wurde zur Slamonstange in der Mitte
       des Wegs. Und ich war es gern.
       
       ## Lebendige Tupfen im ewigen Stillstand
       
       Was auch immer ihre Geschichte war, ob Lukas nun Jonas die Tasche geklaut
       hatte, oder nicht, war unwichtig. Denn in diesem Moment waren die Jungs in
       dieser engen Baustellenstraße die Farbflecken in einem Schwarz-Weiß-Foto.
       Zwei lebendige Tupfen im ewigen Stillstand.
       
       Lukas und Jonas schossen über Gehwegplatten und Bordsteinkanten. Sie
       landeten schließlich nebeneinander auf meiner Straßenseite, weiter lachend
       und hopsend.
       
       Das war kein Moment für offene Hausaufgaben.
       
       An der nächsten Ecke verlor ich sie schließlich aus den Augen.
       
       Die Baustelle war natürlich immer noch da – nur ein kleines bisschen
       weniger grau.
       
       28 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus Esterluss
       
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