# taz.de -- Nach Volksentscheid in Hamburg: Braucht Deutschland Olympia?
> Hamburgs Bevölkerung hat überraschend Nein zu Olympia gesagt. Ist das ein
> schlechtes Signal über die Stadt hinaus? Ein Pro und Contra.
(IMG) Bild: Die Olympischen Spiele wären etwas, hinter dem sich das ganze Land versammeln könnte
Während bei Volksabstimmungen in der Rhein-Ruhr-Region und in München ein
positives Votum herauskam, [1][hat die Mehrheit der HamburgerInnen, die zur
Wahl gingen], die rote Karte gezeigt. Ist das doof?
Ja!
Denn eine große internationale Veranstaltung wie die Olympischen Spiele,
die von Milliarden Menschen beachtet wird, könnte Deutschland helfen, aus
dem Stimmungstief zu kommen. Sie wäre ein Programm gegen die um sich
greifende Verzagtheit, das Gemeckere, gegen das von vielen geäußerter
Gefühl: Es geht alles den Bach hinunter.
Es lohnt sich kaum, noch einmal aufzuzählen, was alles nicht läuft oder
lief: Großprojekte wie Stuttgart 21 oder der Berliner Flughafen BER, die
sich ewig verzögern und den Kostenrahmen sprengen; die Bahn, die ihren
guten Ruf im Privatisierungswahn gründlich vergeigt hat; das
Wirtschaftsmodell mit billigem Gas aus Russland und China als Exportmarkt
perdu; bei der IT abgehängt.
Wir sind ein Land, das ziemlich verunsichert auf Wachstumsregionen wie
China blickt und sich bei den eigenen Projekten selbst im Weg steht. Firmen
wie Privatleute halten es für selbstverständlich, das eigene Interesse
gegenüber der Allgemeinheit durchzusetzen – hier stimmt die Balance nicht
mehr. Wir pflegen den kritischen Diskurs – was ein Fortschritt ist, aber
einen unschönen Nebeneffekt mit sich bringt: Wir denken mehr an Gefahren
als an Chancen. Wenn dieses Auf-der-Bremse-Stehen nur am Umwelt- und
Naturschutz läge, könnten wir wenigstens darauf stolz sein.
Die Olympischen Spiele wären etwas, hinter dem sich das ganze Land
versammeln könnte. Sie würden eine Zielmarke setzen, bis zu der bestimmte,
klug gewählte Projekte fertig sein müssten, und könnten die Wohlhabenden in
die Pflicht nehmen. Sie schüfen den Zwang zu beweisen, dass Deutschland
noch planen und organisieren kann. Die Spiele können Kreativität
freisetzen, wie die großartigen Bauten und Otl Aichers Piktogramme für die
Münchner Spiele von 1972 beweisen.
Und wie beim sogenannten Sommermärchen, der Fußball-Weltmeisterschaft 2006,
könnte Deutschland zeigen, dass es ein buntes, gastfreundliches, womöglich
sogar entspanntes Land sein kann – „Schland“-Rufen zum Trotz. Gernot
Knödler
Nein!
Die Bevölkerung in Hamburg hat (mal wieder) richtig entschieden: Olympia
wird es dort nicht geben. Man hat sich nicht täuschen lassen von der immer
gleichen Trommelei in Politik, Kultur und Spitzensport. Ein vereinendes
öffentliches Fest sollen die Spiele sein, dabei sind sie stets vor allem
eines: Gentrifizierung leicht gemacht.
Mieten schießen nachweislich in die Höhe, Verdrängung steigt an, und von
der Infrastruktur, die angeblich zu keinem anderen Anlass errichtet werden
kann, profitieren vor allem wohlhabende Viertel. Steuerzahler:innen
tragen hohe Kosten, [2][während die Profite in die Taschen von Sponsoren,
IOC-Funktionär:innen und TV-Bossen] fließen. Olympiatickets leisten können
sich viele nicht. Derweil sind zig Hallen im deutschen Breitensport marode,
und Sportklubs gerade in Großstädten haben wegen Platzmangel Aufnahmestopp.
Dort wäre das viele Geld richtig aufgehoben.
Ja, olympisches Flair in einer Stadt ist magisch, große Sportstars
inspirieren Generationen. Aber das macht die routinierte Lügerei um Olympia
nicht besser. Es wird jedes Mal viel teurer, schmutziger und weniger
breitenwirksam als versprochen. Der Preis für zwei Wochen Sport ist zu
hoch.
## Märchen kollektive Versöhnung
Und sollte Deutschland sich wirklich dort präsentieren dürfen und sein
internationales Image polieren? Ein Land, wo die Politik gerade so massiv
wie nie zuvor Arbeitnehmerrechte angreift, aber rund um Olympia auf
volksnah macht? Ein Land, gegen das derzeit eine Klage wegen Beihilfe zum
Völkermord in Gaza vorliegt und das sich weigert, seinen
Völkerrechtsverpflichtungen nachzukommen? Ein Land, das massiv gegen
EU-Asylrecht verstößt – und wo möglicherweise zum Zeitpunkt der Spiele
Rechtsextreme an der Regierung sitzen? Bitte nicht.
Solche Mega-Sportevents neigen übrigens dazu, nationalistische
Einstellungen zu steigern; das Märchen von kollektiver Versöhnung ist
großer Quatsch. Zum Glück immerhin gibt es im parlamentarischen
Kapitalismus zumindest noch eines: die Möglichkeit, „NOlympia“ zu sagen.
Alina Schwermer
1 Jun 2026
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