# taz.de -- 90. Jahrestag Olympische Spiele 1936: Hauptsache, ein Olympia mit dem Kürzel 36
       
       > Zum Jahrestag der Propagandaspiele findet kein Erinnern statt. Wie
       > geschichtsvergessen ist die Stadt Berlin, die vom IOC den Zuschlag für
       > 2036 möchte?
       
 (IMG) Bild: Festival und Nazi-Ästhetik: Im Juli fand im Olympiapark das Lollapalooza statt. Rechts eine Skulptur von Joseph Wackerle, 1936
       
       Keine Ergebnisse gefunden“. Das kommt raus, wenn man auf der [1][Website]
       der Initiative für eine [2][Berliner Olympiabewerbung] die Jahreszahl
       „1936“ eingibt. Die Site gibt es im Auftrag der Berliner Senatskanzlei.
       
       Dabei gibt es durchaus einen aktuellen Anlass, nach Veranstaltungen und
       Veröffentlichungen zum Thema „[3][1936]“ zu suchen. Genau vor 90 Jahren, am
       1. August 1936, hatte nämlich Adolf Hitler in Berlin die Olympischen
       Sommerspiele eröffnet.
       
       Wenige Monate zuvor waren in [4][Garmisch-Partenkirchen] die Winterspiele
       zu Ende gegangen, und der bayerische Skiort hat 2026 mit einer
       Veranstaltungsreihe und einer historisch fundierten Website versucht, sich
       dem schwierigen Erbe zu stellen. In Berlin gibt es nichts dergleichen.
       
       Dafür aber kann man hier alles erklären. „Die Auseinandersetzung mit 1936
       ist fester Teil der Berliner Bewerbung um Olympische und Paralympische
       Spiele“, sagt Senatssprecherin Christine Richter zur taz. Die Stadt will
       die Olympia im Jahr 2036 ausrichten, und nicht nur in der internationalen
       Wahrnehmung deutet das Datum auf so etwas wie Jubiläumsspiele hin.
       
       ## Alternativ auf dem Tempelhofer Feld?
       
       Richter erklärt, das 1936er [5][Olympiastadion] solle zu einem „sichtbaren
       Lern- und Erinnerungsort“ werden, auch in Schulen, in der Kinder- und
       Jugendarbeit und im organisierten Sport werde die Auseinandersetzung mit
       1936 stattfinden. Immerhin, auf etwas halbwegs Konkretes weist Richter doch
       noch hin: „Auch die geplante Eröffnungsfeier der [6][Paralympischen Spiele]
       im Olympiastadion unter dem Motto ‚A Celebration of Life‘ ist bewusst als
       symbolischer Kontrapunkt zu 1936 angelegt: Die Paralympics – 1936 undenkbar
       – sollen an diesem historischen Ort ein Zeichen für Vielfalt, Würde und
       Teilhabe setzen.“
       
       Während die Paralympics ins große 1936er Stadion gehen, soll die andere
       Eröffnungsfeier auf dem [7][Tempelhofer Feld] stattfinden. Das ist
       mittlerweile ein Volkspark, war zuvor Flughafen, davor militärisches
       Aufmarschgelände, und ab 1933 stand hier eines der frühesten
       Konzentrationslager, das [8][Columbiahaus].
       
       „Das ist ja wohl die denkbar schlechteste Alternative zum Olympiastadion“,
       sagt Gabriele Hiller vom Bündnis „[9][NOlympia Berlin]“. Dass der Senat gar
       nichts zum Thema 1936 unternähme, will man bei dem Bündnis nicht behaupten
       – „es könnte aber deutlich mehr sein“, sagt Hiller. „Defizitär ist
       sicherlich die Auseinandersetzung mit der historischen Rolle des IOCs bei
       den Nazi-Spielen 1936.“ Alles werde weggeschoben, bloß um den Zuschlag vom
       IOC zu bekommen. „Da steht das reine Habenwollen im Vordergrund“, so
       Hiller.
       
       Wenn von Olympia 1936 die Rede ist, dann fallen oft Begriffe wie
       „Missbrauch“ und „Instrumentalisierung“ der olympischen Sache. Als hätten
       das IOC und die deutschen Sportfunktionäre keinen Anteil daran, dass die
       Propagandaspiele als eines der strahlendsten Projekte des NS-Staats in die
       Geschichte einging. Erst in den vergangenen 20 Jahren begann eine
       Umorientierung. Da haben etliche Kommunen ihre Carl-Diem-Sporthallen und
       -Straßen flächendeckend umbenannt. [10][Diem] war der Cheforganisator der
       36er Spiele.
       
       ## Unterstützung vonseiten der AfD
       
       Gabriele Hiller verweist auf Kontinuitäten. Etwa, dass der IOC-Gründer, der
       französische Baron [11][Pierre de Coubertin], Hitler bewunderte. „Nach
       Coubertin ist immer noch ein Platz auf dem Berliner Olympiagelände
       benannt.“ Oder sie erwähnt den Schirmherrn der 1936er-Bewerbung, den
       damaligen Reichspräsidenten [12][Paul von Hindenburg], der Hitler zum
       Reichskanzler ernannte. Auch nach ihm ist in Berlin eine Straße benannt.
       
       Und Hiller verweist auf die Aktualität, etwa den heutigen Umgang mit
       damaligen Opfergruppen wie trans Personen. „Die werden durch die
       [13][IOC-Regeln] im Zuge der gegenwärtigen reaktionären Welle wieder
       zunehmend durch neue Reglements diskriminiert.“
       
       Bei NOlympia macht man sich zudem noch ganz andere Sorgen, was sich aus
       einem unpolitischen und undemokratischen Blick auf den Sport ergeben
       könnte. „Es besteht die Möglichkeit, dass das IOC die Olympischen Spiele
       2036 zusammen mit einer rechtsextremen Bundesregierung feiern könnte“, sagt
       Hiller. Schließlich wurden auch die Spiele 1936 nicht an die Naziregierung
       vergeben, sondern 1931 an die Stadt Berlin, damals regiert von der SPD.
       
       Die AfD unterstützt die Berliner Olympiabewerbung. Schon 2022 brachte die
       Partei im Bundestag einen Antrag ein, in dem es hieß, Olympische Spiele
       seien das „großartigste Sportereignis weltweit“ und zwar: „bis auf wenige
       Ausnahmen“, die auch aufgelistet werden: 1936 gilt dabei der AfD nicht als
       Ausnahme, sondern bloß die Sowjetunion beziehungsweise Russland und auch
       China werden als Negativbeispiele erwähnt.
       
       Das seien nämlich Länder, „die zu einem erheblichen Anteil mit Sport
       Politik machen“. Die AfD freilich macht keinen Hehl daraus, mit Hilfe von
       Olympischen Spielen Machtpolitik zu betreiben. „Keine der großen
       Sportnationen und der großen Wirtschaftsnationen war so lange nicht mehr
       Ausrichter von Olympischen Spielen“, heißt es mit beleidigtem Unterton im
       Bundestagsantrag. „In allen G7-Staaten, außer in Deutschland, fanden
       seitdem, teilweise mehrfach Olympische Spiele statt“.
       
       ## Von der Ablehnung zur Machtdemonstration
       
       Rückblende. Ab dem Jahr 1930 hatten sich einige deutsche Städte um die
       Ausrichtung bemüht: Frankfurt am Main, Köln und Nürnberg, doch letztlich
       blieb Berlin als einziger deutscher Bewerber übrig. International war
       Barcelona der wichtigste und letzte verbleibende Konkurrent.
       
       Auf Unterstützung durch die NSDAP konnten die deutschen Olympiabefürworter
       nicht setzen. Die Nazis lehnten weltoffenen Sport ab, denn da würden nur
       „Franzosen, Belgier, Pollacken, Judenneger“ mitmachen – und zwar
       unverschämterweise „auf deutschen Aschenbahnen“. So hatte es Bruno Malitz,
       Sportreferent der SA, 1933 in seinem Buch „Die Leibesübungen in der
       nationalsozialistischen Idee“ geschrieben.
       
       Der Sporthistoriker Hans Joachim Teichler hat jedoch gezeigt, dass diese
       rassistischen Tiraden in der konkreten Politik keinen Niederschlag fanden.
       Schon im Oktober 1932 hatte Hitler das IOC mit Blick auf die geplante
       Machtergreifung wissen lassen, „dass er die Frage der Durchführung mit
       großem Interesse“ betrachte.
       
       Die Spiele wurden eine Machtdemonstration des NS-Staats: Ein international
       überwiegend positiv beachtetes Weltereignis, perfekt organisiert, und
       Deutschland führte den Medaillenspiegel an. Diese Nationenwertung wurde
       übrigens erst 1936 eingeführt – zunächst gegen den Willen des IOCs und auch
       gegen den Willen von Joseph Goebbels, der damit erst nach den Spielen die
       deutsche und arische Überlegenheit beweisen wollte.
       
       ## Der IOC war begeistert 1936
       
       Im IOC hatte man zu keinem Zeitpunkt daran gedacht, Berlin nach der
       Nazi-Machtergreifung die Spiele zu entziehen. Das IOC mit seinem
       Premiumprodukt Olympische Spiele war damals, Ende der 1920er/Anfang der
       1930er Jahre, harter Konkurrenz ausgesetzt. Der Weltfußballverband Fifa
       hatte sich etwa geweigert, 1932 bei den Spielen in Los Angeles
       teilzunehmen, und lieber eigene Weltmeisterschaften ausgerufen. Die
       Bereitschaft des NS-Staats, Olympia nicht nur auszurichten, sondern sich
       seiner auch ideologisch anzunehmen, wurde begeistert angenommen.
       
       Mit dem olympischen Fackellauf, der Hymne, dem Eid und der gesamten
       Inszenierung, zu der auch der „Lichtdom“ Albert Speers, die Skulpturen Arno
       Brekers und Georg Kolbes und letztlich der Olympiafilm Leni Riefenstahls
       gehören, gelang es dem IOC, sich als ein besonderes Sportereignis, das –
       anders als andere – höheren Werten verpflichtet sei, zu präsentieren. Es
       war ein Schulterschluss von NS- und IOC-Führung zu beider Nutzen.
       
       Augenfällig wurde dies in der Person des Avery Brundage. Der Funktionär
       verhinderte als Präsident des amerikanischen Olympiakomitees einen –
       zeitweilig durchaus wahrscheinlichen – Boykott der Nazispiele durch die
       USA. 1936 wurde Brundage Mitglied des IOCs – als Ersatz für den geschassten
       Boykottbefürworter Ernest Lee Jancke. Brundage, Spitzname „Slavery“, machte
       keinen Hehl daraus, Frauen, Juden und Schwarze zu verachten. Noch in den
       späten 1960er Jahren, als er bereits Präsident des IOCs war, stellte er das
       NS-Regime als politisches Vorbild dar: „Eine intelligente, wohltätige
       Diktatur ist die effizienteste Form der Regierung. Schauen Sie, was im
       Deutschland der 1930er Jahre sechs oder sieben Jahre lang geschehen ist.“
       
       Nach Einschätzung von „NOlympia Berlin“ sind keine Bemühungen der
       Olympiaplaner zu erkennen, sich mit der Rolle des IOCs oder dem konkreten
       Konzept der 1936er Spiele zu beschäftigen. „Was wir am Senat und am
       Landessportbund kritisieren, ist, dass sie vollmundig behaupten, sie machen
       2036 andere Spiele – und man will das aufarbeiten –, aber dass es scheinbar
       dafür kaum oder keine Vorüberlegungen gibt“, sagt Gabriele Hiller.
       
       ## Es werden schon alle Verantwortung übernehmen, vielleicht…
       
       Senatssprecherin Richter verweist stattdessen auf die noch frühe Phase der
       Bewerbung: „Eine konkrete Liste einzelner Gedenkveranstaltungen,
       Ausstellungen oder wissenschaftlicher Forschungsprojekte ist auf dieser
       Planungsstufe noch nicht enthalten.“ Es gelte aber, wie es im Feinkonzept
       der Bewerbung formuliert ist: „Jede Berliner Olympiabewerbung muss sich
       zwangsläufig mit dem Erbe von 1936 auseinandersetzen.“ Wenn die Stadt die
       Spiele bekäme, 2036 oder später, würde sie „die Chance nutzen, die enorme
       politische und kulturelle Distanz sichtbar zu machen, die Deutschland
       seitdem zurückgelegt hat“.
       
       Noch kürzer ist die Distanz, die Frank-Walter Steinmeier in dieser Frage
       zurückgelegt hat. Noch im Februar hatte der Bundespräsident ein erneutes
       Berliner Olympia mit dem Kürzel ’36 „historisch problematisch“ genannt. Im
       Juni 2026 war er bereits davon überzeugt, dass alle Beteiligten mit diesem
       Datum verantwortungsvoll umgehen würden.
       
       Wer da allerdings wie verantwortungsvoll umgeht, ist freilich weder der
       Website noch anderen Kanälen der Olympiabewerber zu entnehmen. So bleibt es
       erst mal dabei: Berlin will Olympia 2036, erinnert aber nicht an die Spiele
       1936.
       
       1 Aug 2026
       
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