# taz.de -- Gescheiterte Olympia-Kandidatur: In Hamburg sagt man nein
       
       > Mit ihrem Nein zu Olympia zwingen die Hamburger*innen den Senat, sich
       > um Zukunftsprojekte zu kümmern, für die es Mehrheiten gibt. Den
       > Klimaschutz zum Beispiel.
       
 (IMG) Bild: Kann weg: Die Hamburger Olympia-Bewerbung
       
       Viele hatten einen spannenden Abend in Hamburg erwartet. Doch ganz im
       Gegenteil, das Olympia-Referendum wurde am Sonntagabend zu einer
       Start-Ziel-Klatsche für den rot-grünen Senat. Vom Beginn der Auszählung an
       lagen die Olympia-Gegner:innen klar in Front, lange vor dem Ende stand
       fest: Die Hamburger:innen [1][wollen Olympia nicht]. Also wirklich
       nicht. Wie sie es ja bereits vor elf Jahren kundgetan hatten. Nur noch
       deutlicher diesmal, mit satten 54,9 Prozent. Und das, wo in der
       Stadtregierung die Überzeugung vorgeherrscht hatte, dass auch eine knappe
       Zustimmung nicht gereicht hätte, um sich die deutsche Kandidatur für Spiele
       ab 2036 zu schnappen.
       
       Noch eine klarere Sprache sprechen die kartografischen Darstellungen der
       Stimmverteilungen. Auf der [2][Website des Statistikamts Nord] sind alle
       sieben Hamburger Bezirke dunkelblau für „Nein“. Interessant wird es bei den
       Stadtteilen: Türkis für „Ja“ sind ausnahmslos wohlhabende und sehr
       wohlhabende Stadtteile an Elbe und Alster sowie die Walddörfer im äußersten
       Nordosten der Stadt. Die Olympia-Karte bietet ein perfektes Abziehbild der
       sozialen Statuslagen. Wo die Reichen wohnen: Ja. Wo der Rest wohnt: Nein.
       
       Augenfälliger könnte man es kaum machen: Olympia ist in Hamburg ein
       Elitenprojekt, für das sich, neben der Politik, vor allem
       Unternehmer:innen begeistern. Das Gros der Bevölkerung ist skeptisch
       bis indifferent. Schließlich hat nicht mal die Hälfte abgestimmt, noch
       weniger als 2015.
       
       Dabei hatte der Senat weder Kosten noch Mühen gescheut, die
       Hamburger:innen für Olympia an die Urnen zu bringen. Vor den mehr oder
       minder inspirierenden Botschaften mehr oder minder bekannter
       Hamburger:innen gab es praktisch nirgendwo ein Entrinnen.
       
       ## Überwältigungsstrategie ging nach hinten los
       
       Die Stadt war zuplakatiert, als wäre Bundestags- und Bürgerschaftswahlkampf
       gleichzeitig, über die allgegenwärtigen Videotafeln flimmerte ein ständiges
       „Ja“, über dem Hafen gab es opulente Drohnenshows. Der Erste Bürgermeister
       [3][Peter Tschentscher (SPD) persönlich tingelte durch die Bezirke], um für
       Olympia zu werben. Am Schluss hatten sie sogar noch Rock-Faktotum Udo
       Lindenberg drei Worte aus seiner Suite im Hotel Atlantic abgerungen:
       „Olympia? Cooles Ding!“ Nur zu der Frage „Wo?“ hatte er sich damit, streng
       genommen, nicht geäußert.
       
       Vielleicht war das alles ein bisschen zu viel des Guten. Am Ende ist diese
       Überwältigungsstrategie nach hinten losgegangen. Denn wenn Menschen etwas
       nicht leiden können, dann, dass man ihnen eine Meinung als einzig richtige
       vorgibt, als alternativlos. Tschentscher und seine Leute haben so getan,
       als stünden praktisch alle großen, in den vergangenen Jahren bereits
       angeschobenen Projekte in der Stadt ohne Olympia vor dem Aus oder doch
       mindestens vor der langen Bank: der Ausbau von U- und S-Bahn, die
       Erweiterung des Hauptbahnhofs, tausende neue Sozialwohnungen, ja sogar der
       gesetzlich vorgeschriebene Ausbau der Barrierefreiheit.
       
       Rot-Grün steht nun vor einem kommunikativen Dilemma: Scheitern die Projekte
       oder ziehen sich ewig hin, könnten sie zwar auf das verlorene Referendum
       verweisen. Aber die Bürger:innen müssten sich fragen, ob sie veräppelt
       wurden, als lange vor der Olympia-Kampagne Infrastruktur-Planungen
       vorgestellt wurden, die offenbar trotz vom Bund genehmigter Sonderschulden
       gar nicht finanzierbar waren. Geht es nun dennoch zügig voran, würde
       offensichtlich, dass der Senat mit einer Angstkampagne versucht hat, den
       Hamburger:innen die Zustimmung zu Olympia abzupressen.
       
       Abgesehen von solchen Stilfragen stellt sich dennoch die Frage, warum in
       Hamburg eine solch große Mehrheit gegen die Spiele ist, während in München
       und im Ruhrgebiet zwei Drittel der Menschen dafür sind. Nun, München aus
       dem Selbstbewusstsein heraus, dass man es kann. Der Ruhrpott in dem
       Glauben, dass er einen solchen Impuls dringend braucht.
       
       Aber es gibt noch eine weitere Dimension: Die Münchner können davon
       ausgehen, dass das reiche Land Bayern einen Teil zumindest der
       Infrastrukturkosten trägt, dass also auch die Steuerzahler:innen aus
       Oberammergau den Münchner:innen die Party sponsern. Und selbst im armen
       Ruhrgebiet verteilen sich die Risiken nicht nur auf 19 Städte, sondern auch
       auf den Haushalt eines 19-Millionen-Landes.
       
       Im Stadtstaat Hamburg hingegen, wo Kommune und Land eins sind, wissen sie
       genau: Wenn Olympia einen Schuldenberg hinterlässt, fehlt das Geld in ihrer
       Kita, in ihrer Straße und in ihrer Kunsthalle. Wenn es dumm läuft, für
       Jahrzehnte. Die zentrale Kritik an der Olympia-Bewerbung vor elf Jahren war
       die unseriöse Finanzplanung gewesen. Und die sah diesmal nicht viel besser
       aus.
       
       Kaum zu verstehen ist, wieso der Senat sich überhaupt erneut diese blutige
       Nase geholt hat. Man hätte wissen können, dass die Hamburger:innen eine
       gewisse Lust daran haben, ihrer Regierung eins auszuwischen. Und konkret
       mit dem Olympia-Thema hatten sie es ja auch bereits erlebt, einige sogar
       schon in Amt und Würden.
       
       Es drängt sich der Verdacht auf, dass es SPD und Grünen schlicht an Ideen
       für ein Projekt mangelt und sie deswegen alle paar Jahre auf einen Zug
       aufspringen wollen, von dem sie denken, er führe gerade vorbei. Sie sollten
       schleunigst ein eigenes Zukunftsprojekt entwickeln, hinter dem sie größere
       Teile der Stadt versammeln könnten, mindestens aber die eigene Klientel.
       
       Bei Olympia hatte die Grünen-Führung schon einige Kraft aufbringen müssen,
       um die Basis auf Linie zu bringen, von der Wähler:innenschaft ganz zu
       schweigen. Das, was mal die SPD-Stammwähler:innenschaft war, hat zumindest
       für diesmal die Linke mit ihrer Olympia-Ablehnung abgeholt.
       
       ## Was ist das Projekt dieses Senats?
       
       Es ist schwer auszumachen, was das Projekt dieses immerhin schon dritten
       Tschentscher-Senats sein soll. Anfangs war mal vom Neubau des Krankenhauses
       Altona die Rede. Nach acht Jahren an der Regierung reckt sich nun immer
       noch stolz der Riegel aus den 1950er Jahren in den Himmel, während drinnen
       der Putz bröckelt. Wenn Tschentscher den ersten Spatenstich tun will, wird
       er vermutlich eine vierte Amtszeit benötigen.
       
       Aber zuletzt schien sein Projekt auch eher [4][die Rettung jedes einzelnen
       Parkplatzes] in der Stadt. Ach ja, und den Hamburg-Takt, der allen
       Hamburger:innen binnen fünf Minuten Zugang zu einem öffentlichen
       Verkehrsmittel versprach, hat der Senat jüngst still beerdigt.
       
       Was also könnte es sein, womit dieser Senat in die Annalen eingeht? Nun, es
       gäbe da einen Vorschlag, der immerhin schon mal eine Mehrheit in einer
       Volksabstimmung errungen hat: Hamburg könnte [5][endlich Ernst mit dem
       Klimaschutz machen]. Ach, was heißt hier Vorschlag? Es ist ja sogar ein
       Gesetz! Aber dazu sind aus der Koalition vor allem Bedenken zu vernehmen:
       Ach, so schwierig! Und wenn der Bund nicht die Rahmenbedingungen schafft …!
       
       Dabei haben die Hamburger:innen gerade gesehen, zu welcher Verve dieser
       Senat fähig ist, wenn er eine Idee zu seiner Sache macht. Das macht beinahe
       Appetit auf mehr.
       
       1 Jun 2026
       
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