# taz.de -- Neue Klimaproteste: Gegenwind für Katherina Reiche
       
       > Tausende demonstrieren für die Energiewende – und gegen neue
       > Gaskraftwerke. Die Polizei setzt hunderte Aktivist:innen von Ende
       > Gelände fest.
       
 (IMG) Bild: Ein Klimabündnis aus Fridays for Future, Greenpeace, BUND und Campact hat zu der Kundgebung unter dem Motto „Zukunft statt Gas – Energiewende verteidigen“ aufgerufen
       
       taz | Rund 5.000 Menschen haben am Samstag in Hamm im Ruhrgebiet für
       erneuerbare Energien und gegen neue Gaskraftwerke demonstriert. Im Fokus
       der Kritik stand CDU-Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, die zur
       Bekämpfung von „Dunkelflauten“, in denen weder Wind weht noch die Sonne
       scheint, [1][den Neubau von etwa 20 großen fossilen, durch ihren
       Kohlendioxidausstoß klimaschädlichen Gasblöcken plant].
       
       „Stoppt den fossilen Wahnsinn“, „Energiewende verteidigen“ und „Reiche
       braucht niemand“ stand auf den Transparenten der Protestierenden. Heftig
       kritisiert wurde die Wirtschaftsministerin auch bei der
       [2][Auftaktkundgebung der Demo]: Reiche setze voll auf klimaschädliches
       fossiles Gas, lasse große [3][Stromkonzerne interessengeleitet an Gesetzen
       zur künftigen Kraftwerksstrategie mitwirken] und bremse so etwa
       Batteriespeicher zur verstärkten Nutzung der Erneuerbaren aus, kritisierte
       Verena Graichen, beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND)
       Geschäftsführerin Politik.
       
       „Reiche ist ein Totalausfall, und so ein Totalausfall gehört
       ausgewechselt“, forderte auch Campact-Vorstand Christopher Bautz – zusammen
       mit Greenpeace und Fridays for Future [4][hatten die beiden Organisationen
       bundesweit für die Klimademo mobilisiert]. Den Rahmen dafür bildete ein
       Klimacamp im Hammer Lippepark auf dem Gelände des ehemaligen
       Steinkohlebergwerks Heinrich Robert. Dort hatten schon ab Mittwoch Tausende
       meist junge Leute diskutiert und für eine andere Energiepolitik
       protestiert. Vor Ort waren auch Klimaktivist:innen etwa aus Namibia,
       Kolumbien und Uganda – und die Klimaikone Greta Thunberg.
       
       Der Standort Hamm stehe idealtypisch für die überfällige Energiewende,
       erklärte auch der lokale Klimaaktivist Jürgen Blümer: „Hier in Hamm steht
       die Atomruine von Deutschlands einzigem Thorium-Hochtemperaturreaktor THTR.
       Wir protestieren hier auf den Ruinen der Kohleindustrie – und vor zehn
       Jahren [5][haben wir hier nach sechsjährigem Kampf Gasbohrungen
       verhindert]“, erklärte Blümer vor laut Veranstalterangaben 5.000 Menschen –
       die Polizei sprach dagegen von nur 2.600 Demonstrierenden.
       
       Von den von Reiche geplanten 20 neuen Gasblöcken sollen allein im Raum Hamm
       drei entstehen, in Nordrhein-Westfalen als größtem Bundesland sind es
       insgesamt sieben. „Wir haben den Atomausstieg erkämpft, wir haben den
       Kohleausstieg erkämpft – und jetzt wollen wir den Gasausstieg“, hielt
       BUND-Geschäftsführerin Graichen dagegen. Schließlich seien die Erneuerbaren
       eine Erfolgsstory: Während vor 20 Jahren nur 10 Prozent des Stroms aus
       regenerativen Quellen stammten, seien es heute 60 Prozent. Sonne und Wind
       seien kostengünstige Energieträger, die Deutschland in Zeiten von
       Grönlandkrise und den Kriegen in der Ukraine und am Golf unabhängig machen
       könnten, betonte auch Campact-Geschäftsführer Bautz.
       
       [6][Schon am Freitag hatten deshalb Proteste und Blockaden] des
       Klimagerechtigkeits-Bündnisses [7][Ende Gelände] im gesamten Ruhrgebiet für
       Aufsehen gesorgt. Aktivist:innen blockierten in Mülheim an der Ruhr
       etwa Europas größten Gaspipeline-Hersteller Europipe und die
       Friedrich-Wilhelms-Hütte, wo der deutsch-französische Rüstungskonzern KNDS
       statt Rotornaben für Windräder jetzt Panzerstahl herstellen lässt.
       
       Auch auf das Gelände des Kraftwerks Scholven in Gelsenkirchen konnte Ende
       Gelände vordringen. Dort wird neben Kohle bereits Gas verbrannt. Wie im
       Gersteinwerk unmittelbar an der Hammer Stadtgrenze soll auch in Scholven
       ein weiterer neuer Gas-Großblock entstehen. Weniger erfolgreich waren die
       insgesamt rund 1.500 Aktivist:innen dagegen in Voerde nördlich von
       Duisburg: Der dortige Kraftwerkstandort erwies sich von Polizei und
       Werksschutz als zu gut gesichert.
       
       Von der Polizei ausgebremst wurde Ende Gelände auch am Samstag in Hamm. Ein
       mehrere hundert Menschen zählender Marsch des Bündnisses wurde festgesetzt
       und konnte sich nicht der Klimademonstration von BUND, Greenpeace, Campact
       und Fridays anschließen. Offenbar fürchtete das für den massiven
       Polizeieinsatz rund um das Klimacamp federführende Dortmunder
       Polizeipräsidium, das am Freitag von den Protesten im gesamten Ruhrgebiet
       überrumpelt wirkte, weitere Blockadeversuche.
       
       „Die Polizei hat unsere Meinungs- und Versammlungsfreiheit massiv
       eingeschränkt“, kritisierte dagegen Tomke Jansen von Ende Gelände gegenüber
       der taz. „Völlig legitim“ sei der Protest des Bündnisses: „An verschiedenen
       Orten haben wir gezeigt, dass Klimakatastrophe, Kriege und soziale Krisen
       wie durch ein Brennglas im Gasausbau zusammenfallen. Daraus entsteht
       aktuell eine Klimabewegung, die deutlich an Größe und Vielfältigkeit
       gewinnt.“
       
       Endpunkt der Proteste bildete am Samstagnachmittag dann ein Weltrekord: Vor
       der Kulisse der heute schon bestehenden vier RWE-Gasblöcke des
       Gersteinwerks bildeten rund 2.000 Demonstrierende ein bewegliches
       menschliches Windrad. „Wir wollen Zukunft statt Gas“, erklärten die
       Organisator:innen der Klima-Demo dazu – „und stellen uns mit
       vereinten Kräften dem klimapolitischen Rollback der Bundesregierung
       entgegen“.
       
       30 May 2026
       
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