# taz.de -- FDP-Bundesparteitag: Reichweite ist nicht Zustimmung
> Nicht alle in der FDP sind von der Wahl des notorischen Polterers Kubicki
> begeistert. Der 17-jährige Jungliberale Lars Jan Verwaal dagegen umso
> mehr.
(IMG) Bild: … auch eine Zusammenarbeit mit der AfD? Das Rednerpult beim FDP-Bundesparteitag samt Parteislogan
Deutschland sollte Mallorca kaufen. Als strategisches Investment. Das und
nichts weniger forderte im vergangenen Jahr der Kreisverband der Jungen
Liberalen Ulm-Biberach. Das Video ging viral, FDP-Politiker reagierten, die
britische Daily Mail berichtete ebenso wie spanische Medien. Sie schrieben,
die Forderung habe sogar das spanische Königshaus erreicht.
Der Malle-Vorstoß aus Baden-Württemberg war nicht ernst gemeint, natürlich
nicht. Sondern ein klassischer Ragebait: ein Social-Media-Post, der
Empörung hervorruft, dadurch online besonders viele Reaktionen bekommt und
dann vom Algorithmus so häufig ausgespielt wird, dass er viral geht.
Hinter der Aktion steht der 17-jährige Lars Jan Verwaal aus der Nähe von
Ulm. Dunkler Anzug, weiße Sneakers, steht er am Samstagvormittag in der
Lobby des Estrel-Hotels in Berlin-Neukölln. Mit 13 sei er politisiert
worden durch die ZDF-Talkshow von Markus Lanz, mit 14 dann bei der
Jugendorganisation der FDP eingetreten, mit 16 habe er versucht, ein
Social-Media- und Marketing-Unternehmen zu gründen. Aber das sei an den
Hürden gescheitert, die einem minderjährigen Gründer in Deutschland so im
Wege stehen.
Überall Staat, überall Hürden, überall Beschränkung der unternehmerischen
Freiheit. Man wird das an diesem Wochenende noch sehr häufig hören in
Berlins größtem Tagungshotel. [1][Die FDP hat zu ihrem Bundesparteitag
geladen.] Für eine Partei, die seit ihrem Scheitern an der
Fünf-Prozent-Hürde bei der Bundestagswahl im Februar 2025 immer weiter in
der Bedeutungslosigkeit zu versinken scheint, ist das Interesse riesig.
## Reichweite first, Inhalte second?
„Reichweite ist Macht“, sagt der Nachwuchs-FDPler Lars Jan Verwaal der taz.
Bevor man Inhalte thematisiere, müsse man dafür sorgen, gehört zu werden.
Diesem Prinzip folgt auch Wolfgang Kubicki, der an diesem Tag zum neuen
Bundesvorsitzenden der Liberalen gewählt werden will.
Anecken, polarisieren, für Aufmerksamkeit sorgen, dafür ist der 74-Jährige
Kubicki der richtige Mann. Sein einstiger Herausforderer Henning Höne –
Landeschef in Nordrhein-Westfalen, 35 Jahre jünger als Kubicki, weitaus
moderater, aber auch ein wenig langweilig auftretend – [2][hat sich vor
zwei Wochen selbst aus dem Rennen genommen]. So steht nur noch der Polterer
aus Schleswig-Holstein zur Wahl. Zumindest ist es das, was fast alle der
rund 660 Delegierten der FDP an diesem Morgen noch denken.
Schon vor dem Parteitag sorgte Kubicki für Kontroversen. Er hatte erklärt,
er kenne keine Brandmauer zur AfD, er wisse auch nicht, wer die erfunden
habe. „Die steht weder in der Verfassung, noch ist sie gesetzgegeben“,
sagte er. Schränkte dann aber ein, er würde keinem AfD-Antrag zustimmen,
nicht mit der extremen Rechten koalieren oder sich von ihr dulden lassen.
Er sei kein Rechtspopulist, wird er später auf dem Parteitag betonen.
Die Sozialliberalen in der FDP sind trotzdem irritiert, es soll vereinzelte
Austritte gegeben haben. Und die Medien sind elektrisiert. Weil:
Zoffpotenzial. Am Samstag erschienen über 170 Medienvertreter, um über den
Parteitag zu berichten, laut FDP ein Rekord. Kubicki hat also schon vor
seiner Wahl die Reichweite erhöht. Aber Reichweite ist nicht unbedingt
Zustimmung: Eine am Samstag veröffentlichte Insa-Umfrage sieht die Partei
weiterhin bei nur drei Prozent.
## Libertäre Brandmauersprenger
Eine mögliche Zusammenarbeit von FDP und AfD scheint aber kein reiner
Ragebait für die Reichweite zu sein. Einige von Kubickis Unterstützern sind
durchaus davon überzeugt, dass man sich bei „Sachfragen“ nicht so anstellen
solle. So auch Verwaal.
„Bei der AfD und der FDP gibt es gewisse Überschneidungen. Dass wir weniger
Steuern wollen, dass wir die Bürger entlasten wollen, auch beim Bürgergeld
und der Wirtschaftspolitik“, sagt Verwaal der taz. Und nicht nur da: Frauen
sollen sich sicherer fühlen können, indem die Polizeipräsenz erhöht wird
und mehr „illegale Migranten“ aus dem Nahen Osten sowie ausländische
Straftäter abgeschoben werden, findet er. Das fordert auch die AfD.
Ein paar Tage vor dem Parteitag postete der Jungliberale ein Bild auf
Instagram. Es zeigt einen Pool, blauen Himmel, dazu die Aufschrift: „Das
und keine Talahons.“ Talahons. Rechtsextreme wie Martin Sellner benutzen
diese Bezeichnung abwertend für männliche, migrantische Jugendliche.
Verwaal lächelt kurz verlegen auf die Frage, was er mit diesem Post
vermitteln wollte. Seine Antwort: Es ginge nicht um Ausländer, vielmehr
bedeute Talahon für ihn eine Einstellung, unabhängig von Nationalität. „Ich
kann es nicht dulden, wenn Menschen auf den Boden spucken und unsere
Rechte, unsere Demokratie nicht unterstützen. Sie fordern hier, das Kalifat
aufzumachen, und catcallen unsere Frauen.“ Solche Menschen seien Talahons.
Was die im September anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt angeht,
hofft Lars Jan Verwaal, dass die AfD die absolute Mehrheit holt. So müsse
sie sich beweisen. „Und ich glaube, dass sie daran scheitern wird.“ Die
Entzauberungsstrategie also. In den Niederlanden habe das ja auch
funktioniert und da regierten jetzt die Liberalen, sagt Verwaal.
Anders als in den Niederlanden liegen die Liberalen in Sachsen-Anhalt
allerdings bei lediglich drei Prozent. Ob die FDP in dem strukturschwachen
ostdeutschen Bundesland mit ihrer markradikalen Kettensägenrhetorik Erfolge
einfahren wird, darf bezweifelt werden. Gleiches gilt für
Mecklenburg-Vorpommern, wo ebenfalls im September gewählt wird. Die
absolute Mehrheit der AfD ist dagegen hier wie dort nahe.
## Quietscheentchen mit Gewehr
Auf dem Weg aus der Lobby in den Konferenzsaal wird Lars Jan Verwaal von
einem Mann im Anzug begrüßt, sie schütteln Hände. Kurz darauf spricht ihn
ein anderer Jungliberaler an: „Dich kenne ich doch.“ Verwaal hat es durch
seinen Instagram-Auftritt zu einer gewissen Bekanntheit gebracht. In den
vergangenen drei Monaten hätten seine Posts über 18 Millionen Views
erzielt, sagt er. Darin erklärt er, warum er linke Politik hasst und
kostenlose Kitaplätze fordert. Oder er posiert mit einem Sektglas.
Übertitelt mit: „Kapitalismus“, dazu ein rotes Herz.
In der Halle vor dem Tagungssaal haben der Verband der Automobilindustrie,
der Tabakkonzern Philip Morris, die Liberalen Jäger, die
Bundeszahnärztekammer und der Verband Deutscher Büchsenmacher und
Waffenfachhändler ihre Stände aufgebaut. Bei Letzteren darf man sich pinke,
mit Gewehren bewaffnete Quietscheentchen mitnehmen. Beim Bundesverband
Liberaler Hochschulgruppen liegen Sticker einer „Antikollektivistischen
Aktion“ auf dem Tisch. Die Liberalen Schwulen, Lesben, Bi, Trans und Queer
– kurz: LiSL – trinken Sekt. Auch bei den Liberalen Bikern ist die Stimmung
ganz gut.
Nicht dabei ist die FDP-Vorfeldorganisation Liberale Vielfalt (LiVi). Das
Netzwerk vertritt die Interessen von und wirbt um Menschen mit
Migrationshintergrund, Juden und Spätaussiedlern. Nur würden die Themen des
Vereins, Migration und Integration, nicht ernst genommen. „Es fehlt in
dieser Partei an Wertschätzung, und zwar auf allen Ebenen“, so
LiVi-Beisitzer Lawand Salim.
Also sagte die Organisation Anfang der Woche ihre Teilnahme am Parteitag
ab. Auch etliche Redner in Berlin werden dann die mangelnde Wertschätzung
für alle Themen jenseits von Wirtschaft, Leistungsbereitschaft,
Staatsbashing beklagen.
## Mehr Musk und Milei
Die FDP sei die einzige Partei, die langfristig denke und nicht nur in
Legislaturperioden, sagt dagegen Verwaal. Sie wolle echte
Generationengerechtigkeit herstellen. Beides sehe man zum Beispiel an dem
Willen, die Rente zu einer Aktienrente umzubauen, oder daran, dass die FDP
keine weiteren Schulden aufnehmen will.
Ist es wirklich das, was diese Partei jungen Menschen zu bieten hat?
Braucht es die FDP überhaupt noch? Ja, da ist sich Verwaal sicher.
Schließlich sei da ja auch noch das liberale Aufstiegsversprechen.
Unabhängig davon, wo man herkomme, solle es darum gehen, wo man hinmöchte,
dafür stehe die FDP. Um das zu erreichen, ist ihm Bildung besonders
wichtig.
Außerdem könne man ruhig ein bisschen „mehr Musk und Milei wagen“. Nach dem
beim Parteitag viel beschworenen Neuanfang klingt das nicht. Mit genau
dieser libertären Botschaft waren schon Ex-FDP-Chef Christian Lindner und
dessen Nachfolger Christian Dürr hausieren gegangen. Beide [3][propagierten
Disruption und Marktradikalität].
Im Ergebnis stürzten die Liberalen noch weiter ab, vergeigten nach der
Bundestagswahl auch die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und
Rheinland-Pfalz. Dürr erklärte im April nach den anhaltenden Wahlpleiten,
nicht mehr als Vorsitzender zur Verfügung stehen zu wollen, nach nur einem
Jahr im Amt. Deshalb brauchte es nun einen neuen Vorsitzenden, der es
besser machen soll: den Politrentner Wolfgang Kubicki. Seine Wahl galt
vorab als reine Formalie.
## Die offene Feldschlacht
Doch es kam anders. Kurz nachdem am Samstagnachmittag Wolfgang Kubicki für
den Posten des neuen Bundesvorsitzenden nominiert wird, besteigt der
frühere nordrhein-westfälische Landesminister Joachim Stamp die Bühne. Der
Saal wird still. Stamp erklärt, dass er mit der Unterstützung von 33
Delegierten die EU-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann als
Gegenkandidatin nominiere. In Teilen des Saales bricht anhaltender Applaus,
teils Jubel aus. Kubicki wirkt verdattert. Strack-Zimmermann verzieht keine
Miene.
Schon zuvor gab es immer wieder Kritik an Kubicki und an seinem
designierten Generalsekretär Martin Hagen. Der [4][Geschäftsführer der
rechtskonservativen Denkfabrik R21] hatte kurz vor dem Parteitag die
Brandmauer zur AfD einen „Popanz“ genannt, den die FDP nicht brauche.
Strack-Zimmermann sieht das anders. Ganz anders. „Ich mache mir Sorgen, und
zwar ernsthafte Sorgen“, sagt sie der taz. In anderen Parteien mag es „ein
Gerüttel“ an der Brandmauer geben. „Ich hoffe, dass es bei den Liberalen
kein Gerüttel geben wird.“ Sie nimmt die Nominierung an. Es kommt zum
Showdown.
## Puls von 140
Alena Trauschel schaut auf ihre Smart-Watch. Ein Puls von 140, die ganze
Zeit schon. Sie sagt: „Ich habe komplett Gänsehaut. Dass das möglich ist,
zeigt einfach, dass solche Hinterzimmerdeals nicht akzeptiert werden.“
Trauschel meint den Rückzug von Henning Höne. „Ich bin sehr, sehr, sehr
glücklich, dass wir diese Wahl haben, und ich bin Marie-Agnes zutiefst
dankbar, weil sie damit ja auch einiges aufs Spiel setzt.“ Endlich mal eine
Frau, die kandidiere.
Auch Trauschel ist bei den Jungen Liberalen, auch sie kommt aus
Baden-Württemberg. Doch anders als Lars Jan Verwaal sieht die 27-Jährige in
Wolfgang Kubicki nicht die Zukunft ihrer Partei. Kubicki bringe Reichweite,
ja. Aber es gehe um Inhalte und um Akzeptanz des oder der Vorsitzenden in
der Partei.
Marie-Agnes Strack-Zimmermann stehe klar hinter der Ukraine, Kubicki sei da
immer mal wieder „wankelmütig“ geworden. „Ich habe einen Heidenrespekt vor
den Ukrainern, die kämpfen auch für unsere Freiheit und haben all unsere
Demut und Unterstützung verdient.“ Dieses Thema sei für sie nicht
verhandelbar, sagt Trauschel.
Die dem sozialliberalen Parteiflügel zugerechnete Strack-Zimmermann – laut
Kubicki wie er ein „altes Schlachtross“, – hält eine lange, flammende, auf
jeden Fall nicht erst gerade eben verfasste Bewerbungsrede. Für die
Ukraine, gegen die AfD, auch Klimaschutz und Antidiskriminierung erwähnt
sie.
Sie bietet deutlich mehr Inhalte als Kubicki. Zwischendurch brandet immer
wieder lauter Applaus auf – und Buhrufe. „Hier wird nicht gebuht“, ermahnt
der Sitzungsleiter. Es wird trotzdem weiter gebuht. In den
Delegiertenreihen fallen hämische Kommentare. Eine Frau fordert einen
Parteikollegen auf, den Saal zu verlassen, wenn er sich weiter so aufführe.
## Vergiftete Stimmung
Lars Jan Verwaal sagt, Strack-Zimmermann sei als Persönlichkeit verbrannte
Erde. Sie habe auf der Plattform X die vormalige Ampel-Regierung viel zu
häufig unterstützt. „Sie wird niemals die Wähler der CDU und AfD
zurückholen“, so sein Urteil.
Das will Strack-Zimmermann nach eigenen Angaben auch gar nicht. Mehrfach
ruft sie in ihrer Rede dazu auf, sich den Rechtspopulisten niemals
anzubiedern, auch nicht, wenn es gemeinsame Gegner gebe. „Das führt nur zu
Applaus und Schulterklopfen an reaktionären Stammtischen, die uns niemals
wählen würden!“
Am Ende reicht es trotzdem nicht. Mit fast 40 Prozent der
Delegiertenstimmen erzielt Strack-Zimmermann gleichwohl einen mehr als
beachtlichen Erfolg. Und hinterlässt einen beschädigten Sieger Wolfgang
Kubicki. [5][Mit 59 Prozent Zustimmung hätte dessen Einstand als neuer Chef
verstolperter kaum sein können.] Auch sein Generalsekretär Martin Hagen
bekam von den Delegierten nur 58 Prozent, obwohl es keinen Gegenkandidaten
gab.
Kubicki war auf den Gegenwind wie auf die Gegenkandidatin offenkundig nicht
vorbereitet. In seiner weitaus kürzeren und eher unambitionierten
Bewerbungsrede beschwor er vor allem die Einheit der FDP. „Wir sind eine
liberale Familie. Ich kenne keine geteilten oder halben Liberalen“, sagte
er mit Blick auf die Flügelkämpfe in der Partei. Eine gewagte These
angesichts der teils vergifteten Stimmung im Tagungssaal.
Dass Strack-Zimmermann angetreten ist, findet der jungliberale
Kubicki-Unterstützer Verwaal trotzdem gut. Wegen des Wettbewerbs. Wegen der
Aufmerksamkeit. Er holt sein Smartphone aus der Hosentasche und geht auf
die Seite der Bild-Zeitung. Wie anderswo steht auch hier die
Kampfkandidatur ganz oben, FDP an erster Stelle. Kommt ja sonst nicht mehr
so häufig vor.
31 May 2026
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