# taz.de -- Grünen-Kongress „Impuls“: Die Grünen wollen nicht rosten und lassen sich lieber rösten
> Auf ihrem „Impuls“-Kongress suchten die Grünen nach unbequemen Ideen. Sie
> fanden eine Leerstelle, aber auch einen guten Rat: Habt keine Angst.
(IMG) Bild: „Roast the Greens“ hieß eine Veranstaltung mit der Kabarettistin Teresa Reichl, hier bei einem Auftritt in Moers, 2023 (Archivaufnahme)
Am Ende eines langen Kongresstages wollen sich einige Dutzend Grüne noch
ein bisschen veräppeln lassen. „Roast the Greens“ heißt eine der letzten
Veranstaltungen auf der Tagesordnung. „Röste die Grünen“ also. Der Saal ist
gut gefüllt, als Teresa Reichl loslegt.
Die Partei habe sich mit ihr eine „radikale linke Kabarettistin aus Bayern
eingeladen“, sagt die 29-Jährige. „Ich weiß ja nicht, ob das so schlau
war.“ Dann macht sie aber eine Viertelstunde lang vornehmlich Witze über
Söder, Merz und Lindner. Über die Grünen scherzt sie nur zwei Mal, erst
über deren Bedeutungsverlust, dann über deren Bauchschmerzen bei
Ampel-Kompromissen. Gemessen am Titel: ziemlich harmlos.
„Impuls“ nennen die Grünen ihre Veranstaltung. Über anderthalb Tage halten
sie sie am Wochenende in Berlin-Neukölln ab, in einem neu errichteten
Kongress-Zentrum mit typischem Startup-Chic. Die Partei hat das Event vorab
als eine grüne re:publica beschrieben; für taz-Leser*innen könnte man
auch sagen: ein grünes taz.lab. Eine Veranstaltung also, bei der auf
verschiedenen Bühnen zig interessante Leute über diverse Themen
diskutieren, bis am Abend allen der Kopf schwirrt.
Den Parteivorsitzenden Franziska Brantner und Felix Banaszak kam die Idee
nach eigenen Angaben beim Kaffeetrinken. Das Personal der
Bundesgeschäftsstelle durfte sie innerhalb weniger Monate umsetzen. Was man
eben so macht, wenn man in der Opposition sitzt und Zeit hat, über sich
nachzudenken.
„Kein Parteitag mit anderen Möbeln“ solle der Kongress sein, sagt Banaszak
am Freitagabend zur Eröffnung. Frei von Antragsdebatten und
Beschlussvorlagen wolle man stattdessen „offen denken, frische Luft
reinlassen.“ Bewusst mute man der Partei etwas zu. Brantner spricht von
Gästen, bei denen man sich frage: „Warum ist denn der eingeladen?!“ Ihnen
solle man zuhören und nicht sofort urteilen. „Vielleicht hat der Andere ja
recht.“
## Geknickter Stolz
Dann wollen wir mal sehen. Am Samstag spricht als erste Rednerin auf großer
Bühne [1][Frauke Brosius-Gersdorf] – die Juristin, die Verfassungsrichterin
werden sollte, von Schwarz-Rot aber in letzter Minute fallengelassen wurde.
Die Grünen waren anständig mit ihr umgegangen. Eine Ungeheuerlichkeit ist
ihre Einladung also nicht, und was sie sagt, kommt zum Großteil gut an. Zum
Beispiel, dass das Ehegattensplitting Gleichstellung verhindere und
abgeschafft gehöre.
Nur einmal wird es sehr still im Saal: Als Brosius-Gersdorf über die
Lockerung der Schuldenbremse im vergangenen Jahr spricht, durch die
Verteidigungsausgaben auf Pump nahezu unbegrenzt möglich wurden. „Nicht
generationengerecht“ sei dieser Teil der Grundgesetzänderung. Die Grünen
hatten die Reform [2][kurz nach ihrer Wahlniederlage mitgetragen] und waren
eigentlich stolz darauf, so konstruktiv in die Opposition zu gehen.
Eine Replik darauf gibt es nicht, es ist nun mal kein Parteitag.
Stattdessen verteilen sich die Gäste (rund 1.000 Personen, ein großer Teil
von ihnen Grünen-Mitglieder) ab dem Vormittag auf drei Stockwerke. Grob
überschlagen finden 80 Panels, Keynotes und Kultureinlagen statt. Etliche
Redner*innen stehen den Grünen inhaltlich noch näher als
Brosius-Gersdorf: der Ökonom Marcel Fratzscher zum Beispiel, die
Antifaschistin [3][Birgit Lohmeyer] oder der Inklusions-Akivist Raúl
Krauthausen.
## Vorbereitung für die Front
Tatsächlich stehen aber auch Namen auf dem Programm, die zunächst
irritieren. Der von Marcel Bohnert zum Beispiel, ein Bundeswehroffizier,
der auch publizistisch tätig ist und vor Jahren in die Schlagzeilen geriet:
wegen Likes für Instagram-Posts eines Identitären und einem Vortrag bei
einer rechten Burschenschaft. Die Bundeswehr stellte ein anschließendes
Disziplinarverfahren damals ein. Mit einem Auftritt bei den Grünen ist
Bohnert wohl endgültig rehabilitiert.
Er spricht in einer Runde zum Thema Wehrpflicht. Der Offizier ist für eine
Dienstpflicht, aber mit der Option, sie jenseits des Militärs zu
absolvieren – eine Position, die [4][auch bei den Grünen vertreten ist.]
Ungewohnt ist für die Partei höchstens Bohnerts Begründung: Komme es zum
Krieg, werde die Wehrpflicht sowieso wiedereingesetzt. Es sei besser, die
Leute jetzt an der Waffe auszubilden, als sie später ohne ausreichende
Kenntnisse an die Front zu schicken.
Der Gegenpol in der Runde ist Luis Bobga, Bundessprecher der Grünen Jugend.
Er ist gegen eine Dienstpflicht, möchte selber nie zur Bundeswehr gehen und
kritisiert Rassismus in der Armee. Verteidigungsbereitschaft gegen Russland
hält aber auch er für nötig. Noch stärker abweichende Positionen, von
Gruppen der Friedensbewegung zum Beispiel, sind nicht im Panel vertreten.
## Rente, Verbrenner, Milliardäre
Den linkesten Part nimmt Bobga auch in einer anderen Diskussion ein: zur
Rente. Der 23-Jährige will das Renteneintrittsalter stabil halten, dafür
Gutverdienende mehr einzahlen lassen. Widerspruch erhält er von Clara von
Nathusius von der Jungen Union, aber auch von einem anderen Grünen: Quentin
Gärtner, ehemals Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz. Es sei
einfache Mathematik, sagt Gärtner: „Wenn wir länger leben, müssen wir
länger arbeiten.“ Im Publikum regt sich da der Bundestagsabgeordnete Armin
Grau auf. „Ist nicht wahr“, murmelt er sehr laut. Für diese Zumutung
brauchte es also noch nicht einmal Input von außen.
Anders ein Stockwerk tiefer bei einer Debatte mit Glenn Schmidt,
sogenannter Nachhaltigkeitschef bei BMW. Er glaube an E-Mobilität, sagt er,
sei aber gegen das Verbrennerverbot. „Warum habe ich einen Vorteil, wenn
ich etwas verbiete?“, fragt der Manager. So grundsätzlich lehnt bei den
Grünen [5][nicht mal Daimler-Versteher Cem Özdemir] das Verbrenner-Aus ab –
und auf der Bühne in Neukölln kommt auch direkt Widerspruch.
„Konsumentenverunsicherung ist kein Kavaliersdelikt“, erwidert Felix
Matthes vom Freiburger Öko-Institut.
Auf dem Weg zum nächsten Panel ein kurzes Gespräch mit Sven Giegold,
Mitglied im Grünen-Vorstand: Wie findet er, was sich die beiden
Vorsitzenden hier ausgedacht haben? „Die Methodik ist ein Schritt nach
vorne“, sagt der Parteivize. Sich für Menschen öffnen, die der Partei
ferner stehen, sei richtig. Sichtbar sei im Programm aber „die Leerstelle
bei der politischen Ökologie“.
Umwelt- und Naturschutzfragen jenseits vom Klima, ein altes Kernthema der
Partei: Viel gibt es dazu wirklich nicht. Nabu-Chef Jörg-Andreas Krüger
sitzt immerhin auf einem Podium und fordert den Abbau von Bürokratie –
dort, wo sie Natur- oder Klimaschutz hemmt. Neben ihm sitzt Jan-Hendrik
Goldbeck, Bauunternehmer und leibhaftiger Milliardär. Seine Firma hat Elon
Musks Autofabrik in Brandenburg gebaut, ein paar kritische Fragen würden
sich also anbieten. Aber Moderatorin und Publikum gehen nachsichtig mit ihm
um. Umgekehrt fordert Goldbeck von den Grünen, dass sie sich entscheiden
müssten: „Bin ich im Kern eine liberale Partei mit ökologischer Ausprägung
oder bin ich im Kern eine Degrowth-Partei mit sozialistischer
Grundwahrnehmung?“
## Liberale Chefin
In Teilen dürfte ihm die Rede gefallen haben, die Parteichefin Brantner zum
Auftakt am Freitag hielt: Anknüpfend [6][an eine Reihe ähnlicher Aufschläge
in den vergangenen Wochen] sprach sie sich für grünen Liberalismus aus.
Liberale Gedanken waren in der Partei zwar nie wirklich verschwunden. Die
ausgeprägte Ukraine-Unterstützung basiert zum Beispiel auch auf der
Überzeugung, dass Freiheit im Zweifel wichtiger sei als Frieden. Brantner
hält trotzdem mehr für nötig.
Sie spricht sich nicht für den Liberalismus der FDP aus, die am selben
Wochenende wenige Kilometer entfernt ihren Parteitag abhält. Die habe die
Freiheit in Verruf gebracht, als „Codewort für die Starken“, die „machen,
was sie wollen“. Für Brantner heißt Liberalismus im Gegensatz dazu, allen
Freiheit zu ermöglichen. Was wiederum bedeute: Milliardenerben höher zu
besteuern und davon bessere Bildung zu finanzieren.
Dafür gibt es im Saal großen Applaus. Milliardäre besteuern: Dem können
sich auch linke Grüne anschließen, obgleich sie es nicht mit dem
Liberalismus begründen würden. Verhaltener ist der Applaus, als Brantner
Selbstkritik anmahnt: Die Grünen kämen zwar aus einer staatskritischen
Tradition, hätten aber an einem Staatsapparat mitgebaut, der für „jedes
Problem eine Behörde hat“. Für die Parteichefin dürfte es gerne weniger
sein.
## Veränderung doch nicht out?
Mit ihrem Co-Vorsitzenden Felix Banaszak bildete sie beim Amtsantritt vor
anderthalb Jahren kein natürliches Duo. Inzwischen ergänzen sich die beiden
aber. In seine Rede am Samstagmorgen streut auch Banaszak liberale
Elemente, die für den eigenen, linken Flügel ungewohnt klingen dürften. Der
Staat solle nicht „omnipräsent“ sein, wo man „ihn nicht braucht“, sagt
Banaszak etwa.
Der Kern seiner Rede ist aber ein anderer. Banaszak zweifelt die
Gesellschaftsdiagnose an, die spätestens seit der letzten Bundestagswahl
weit verbreitet ist und vermeintlich auch die Niederlage der Grünen
erklärt: Die Menschen seien veränderungsmüde.
„Die Leute sind nicht veränderungsmüde. Im Gegenteil: Sie sind
erneuerungsbegierig“, behauptet der Grünen-Vorsitzende. Was ihnen fehle,
sei das Vertrauen, dass die Veränderungen in die richtige Richtung gingen.
Was dagegen hilft? Banaszak, sehr knapp zusammengefasst: den Menschen keine
Formelkompromisse auftischen, ihnen nicht nur vor Wahlen zuhören und statt
einer internen Arbeitssitzung lieber mal ein Familienfest veranstalten.
Oder eine Sozialberatung.
## Tipp vom Volksentscheid
Dafür gibt es am Ende sogar kurz stehende Ovationen, beinahe doch wie auf
einem Parteitag. Hoffnung lassen sich Grüne in diesen Zeiten eben gerne
einreden. Und das ist ein Stück weit auch Zweck der Veranstaltung.
„Geschichten des Gelingens“ ist die Überschrift über einer Reihe von
Vorträgen. Um Mut zu machen, spricht zum Beispiel Annika Rittmann,
Aktivistin des erfolgreichen [7][Hamburger Klimavolksentscheids]. Sie
berichtet, wie Medien wie das Hamburger Abendblatt Stimmung gegen ihre
Initiative gemacht hätten – und der Volksentscheid dank tausender Gespräche
auf der Straße und an Haustüren trotzdem erfolgreich war.
Rittmanns Ratschlag: Sich nicht durch „Angst vor Horror-Schlagzeilen“
lähmen lassen. „Das ist etwas, was progressive Menschen viel zu oft falsch
machen.“ Falls die Grünen von ihrem Kongress nur einen Impuls mitnehmen:
Vielleicht wäre dieser nicht schlecht.
31 May 2026
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