# taz.de -- Ausstellung von Dörte Eißfeldt: Fotografisches Papier und Modell werden eins
> Das C/O Berlin entdeckt die konzeptuelle Fotografie von Dörte Eißfeldt.
> Das Physische der analogen Technik schließt sie mit Sinnlichkeit kurz.
(IMG) Bild: Dörte Eißfeldt, „Hand Dessauer 02“, 1988
Dass die äußerst populäre Institution mit dem bescheidenen Namen C/O Berlin
sich jemals mit dem Werk von Dörte Eißfeldt beschäftigen würde, durfte als
unwahrscheinlich gelten. Mit dem neuen amerikanischen Kurator Boaz Levin
aber ist es möglich. Denn Eißfeldt bewegt sich schon immer in einer
Hinterstube der Fotografie, an deren Tür geschrieben steht: Bildzweifel und
Alchemie. Bildhistorisch besteht diese Stube aus zwei Instanzen, der Camera
obscura und der Dunkelkammer.
Es geht um Urformen der Fotografie, um die Bedingungen ihrer Existenz und
die heikle Frage, ob man diese besser im technischen Apparat verberge oder
über die Arbeit am Bild ausstelle. Für das Ausstellen, subjektiv und
analytisch zugleich, hat sich Eißfeldt, Jahrgang 1950, schon früh
entschieden. Die Rückschau beginnt im Jahr 1978.
Im Gefüge ihrer Alterskohorte bewegt sie sich im semantischen Feld von
Kurzfilm, konkreter Poesie und improvisierter Musik. Eine locker über die
Wand gestreute Installation kleiner Bilder in hellen Holzrahmen zeigt Aus-
und Aufsichten auf eine Stadt (wohl Berlin), die von einer Hand oder einem
Finger teils verdeckt werden, aber als Schattenriss: „Hand Dessauer“ von
1988. Es bleibt gänzlich in der Schwebe, ob die Hand das Auge leitet oder
schützt. Gegenüber, ganz streng als Fries in Eisenrahmen – absichtlich zu
hoch gehängt – sind sieben matt-dunkle Bilder montiert, „Portrait I – 5a“
(und ähnlich), die nur mit intensivem Spähen als Nahporträts jüngerer Leute
auszumachen sind. Dies sind zwei Arbeiten aus dem ersten von drei Räumen
als kleine Warnung, was dann kommt.
Ihr Gegenpol in [1][der deutschen Post-Nachkriegsfotografie] war Floris
Neusüss, der mit seiner bildmächtigen „kameralosen“ Fotografie den Stein
der Weisen gefunden zu haben glaubte und auf seiner Professur in Kassel
versuchte, ganze Jahrgangsjahrzehnte zu Fotogrammkünstlern zu formen. Dörte
Eißfeldt dagegen, etwas zeitversetzt Professorin in Braunschweig, war auf
leisen Schwingen unterwegs.
## Unweigerlich verstrickt in Methodenfragen
Ihre Fotografie fliegt soeben unter dem Radar der Anschauung. Wer sie
dennoch anschaut, ist unweigerlich verstrickt in Methodenfragen. Diese aber
lässt sie nicht offen, sondern zurrt sie fest zu eigenwilligen Antworten.
Die in jeder Sekunde neu gewonnene Bildlichkeit der Brandung zum Beispiel,
haben schon viele Künstler bestaunt. Ihre Bilder sind nüchterne Panoramen
in Schwarz-Weiß, vom Strand her mit geneigter Kamera. Der Bildstreifen
wurde dann um 180 Grad geschraubt und an den Rändern montiert, sodass ein
Möbiusband entstand, in dem die Bildseite und die Nichtbildseite
„unendlich“ miteinander verbunden sind. Noch nie wurde das Meer so
dargestellt.
Man muss allerdings gut aufpassen, dass man „Möbiusband – Schleife“ (2003)
nicht verpasst. Es findet sich im zweiten Raum in einer von acht schwarzen
Vitrinen. Diese sind als [2][Terrassenlandschaften in zwei Gruppen]
zusammengerückt. Etwas derartig Elegantes hat man in dieser Gattung des
Displays wohl selten gesehen. Sie illustrieren den Archipel, der den
Ausstellungstitel hergibt.
Hier beginnt man zu verstehen, dass an der Basis von Eißfeldts Grübeleien
die Arbeit einer Diaristin liegt, es gibt ein „Grünes Heft“ und ein
„Fetzenheft“. Der Titel „Nach Arles – Nach Arles (fotografieren)“ (1981)
verweist listig auf die Spannung ihrer Arbeit zwischen Pleinair und
Atelier. Ausgestellt in wenig bekannten Kunstvereinen Norddeutschlands ließ
sie über viele Jahre schmale Publikationen herstellen zur Begleitung.
Einen wunderbaren Leporello im Schuber über einen „schneeball“, der wild
funkelnd ins Kohleschwarz mutiert (Dunkelkammer), hat European Photography
1988 publiziert. Schockierend, dass diese Arbeit mit einem weißen
Kunststoffobjekt entstanden sein soll, das in einer Vitrine ausliegt. Aber
nein, es ist der „Schneeball (von Florian Lösche)“ (2024), offensichtlich
eine Künstlerinnenhommage.
## Kein eingeübter Diskurs
Im früheren Amerikahaus findet gleichzeitig eine umfassende Retrospektive
von Graciela Iturbide statt, einer 83-jährigen Fotografin aus Mexiko, die
laute Zeichen zelebriert, Kakteen und Nacktheit, Religion und Tod. Wie
einige Ausstellungen zuvor, wurde auch [3][diese vom MAPFRE in Madrid]
übernommen, sodass der Katalog gleich mitkommt. Bei Eißfeldt aber fehlt er.
Es ist nämlich gar nicht leicht, die Werkgruppen zu begreifen, deren
Erkenntnisinteresse und Triebkraft, die Verschachtelung und Serialität –
auch deren Verhältnis zueinander.
Eine große vierteilige Arbeit über den „Rücken“ (nicht datiert) eines
jungen Mannes im dritten Raum deutet vehement darauf hin, dass die
konzeptuelle Fotografin Sinnlichkeit nicht etwa verweigert, sondern im
Gegenteil mit dem physischen Drängen der analogen Fotografie kurzschließt.
Die großen Prints sind einfach an die Wand gepinnt. Das fotografische
Papier wird auf unheimliche Weise eins mit der Haut des Modells. Durch den
Flattervorhang tönt dann schon wieder ein Video aus einer weiteren
Ausstellung im C/O, in der Lingua franca des Kunstbetriebs. Eißfeldts Werk,
seherisch und still, hat wenig gemein mit den eingeübten Diskursen der
Gegenwart. Es spricht für sich.
29 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ulf Erdmann Ziegler
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