# taz.de -- Kultur in Berlin: Motor für Wirtschaft und Wohlbefinden
       
       > Eine neue Studie beziffert den Nutzen der Berliner Kultur erstmals
       > umfassend. Die Stadt verliert durch den aktuellen Kulturabbau Millionen.
       
 (IMG) Bild: Bei einer Demo gegen den Kulturabbau des Berliner Senats 2024
       
       Oft werden Menschen, die in Berlin Kultur machen, von der Politik
       belächelt. Mal gelten sie als hoffnungslose Träumer, die sich ja
       schließlich freiwillig auf ihren brotlosen Job eingelassen haben, mal als
       ökonomische Randerscheinung: als Sahnehäubchen und Luxus, den sich eine
       Stadt erst einmal leisten können muss.
       
       Dass das Gegenteil keine Frage der Überzeugung ist, sondern sich mit
       nüchternen Zahlen belegen lässt, zeigt eine neue datenbasierte Studie des
       [1][Instituts für kulturelle Teilhabeforschung]. Vorgestellt wurde sie am
       Montagvormittag im Foyer der Deutschen Oper; gefördert wurde sie von der
       Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
       
       Zu den eindrücklichsten Befunden gehört dieser: Jeder Euro, der in Kultur
       investiert wird, erzeugt im Schnitt 3,50 Euro, die in die Hauptstadt
       zurückfließen. Die meisten Einnahmen entstehen durch Ausgaben vor, während
       und nach Kulturveranstaltungen, [2][der größte Anteil entfällt auf
       Tourist*innen], die zu 63 Prozent angeben, dass sie wegen der Kultur
       nach Berlin gekommen sind. Würde man Publikumsmagnete wie die Stiftung
       Berliner Mauer, die Topographie des Terrors und die Gedenkstätte
       Hohenschönhausen einbeziehen, läge der Effekt noch höher: Dort fließen für
       jeden Euro 7 Euro zurück.
       
       ## 190 Millionen in zwei Jahren verschenkt
       
       Insgesamt, so errechnet es das Institut, verdient Berlin jährlich 1,35
       Milliarden Euro mit Kultur. Man kann sich also leicht ausrechnen, auf wie
       viele Einnahmen die Stadt durch den Kulturabbau der letzten beiden Jahre
       freiwillig verzichtet hat: [3][2025 gab es rund zwölf Prozent weniger
       Fördergelder, in diesem Jahr knapp elf Prozent.] Zusammen ist das ein
       Gewinn von knapp 190 Millionen Euro, die sich Berlin auf diese Weise durch
       die Lappen gehen ließ.
       
       Ebenfalls bemerkenswert: Die Politik thematisiert längst, dass Kultur in
       Berlin ein wichtiger Wirtschaftszweig ist, spricht aber ungern darüber, in
       welchem Maße. Nun liegen auch dazu Zahlen vor. Mit einer
       Bruttowertschöpfung von 12 bis 14 Milliarden Euro, 200.000 Beschäftigten
       und einem Jahresumsatz von mehr als 40 Milliarden Euro übertrifft die
       Berliner Kultur- und Kreativwirtschaft klassische Industriebranchen der
       Stadt wie die Pharmaindustrie oder den Maschinenbau. Da fragt man sich
       schon, warum die Senator*innen für Kultur und Wirtschaft in Berlin
       nicht enger zusammenarbeiten.
       
       Eine weitere eindrückliche Zahl betrifft nicht die Wirtschaft, sondern das
       Wohlbefinden. Mithilfe repräsentativer Umfragen unter Berliner*innen zu
       ihrer Haltung gegenüber Kultur, ihrem Einkommen sowie weiterer Studien der
       Glücksforschung kommt das Institut zu dem Ergebnis, dass Kultur selbst in
       homöopathischen Dosen das Leben messbar verbessern kann. Im
       Statistiker*innensprech heißt das Well-Being. Vier oder mehr Besuche
       von Kulturveranstaltungen steigern das Wohlbefinden laut Thomas Renz vom
       Institut so stark wie ein um bis zu 2.700 Euro erhöhtes Jahreseinkommen.
       [4][„Kein Wunder, dass es anderswo längst Kultur auf Rezept gibt“], sagt
       Vera Allmanritter, ebenfalls vom Institut.
       
       Nur in einem Punkt widersprechen die Zahlen des Instituts den gängigen
       Erzählungen nicht. Tatsächlich verdienen drei Viertel der 32.420
       solo-selbständigen Künstler*innen in Berlins freier Szene sehr schlecht:
       weniger als 22.000 Euro im Jahr. Wie es um deren Well-Being steht, führten
       die Institutsmitarbeiter*innen am Montagmorgen nicht weiter aus.
       
       29 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kulturelle-Teilhabe-in-der-Diskussion/!6098183
 (DIR) [2] /Touristische-Hotspots-in-Berlin/!6102957
 (DIR) [3] /Berlin-spart-an-der-Kultur/!6048501
 (DIR) [4] /Kunst-auf-Rezept/!6076354
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Messmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kulturpolitik
 (DIR) Kultur in Berlin
 (DIR) Kulturförderung
 (DIR) Kulturpolitik
 (DIR) Kulturpolitik
 (DIR) Bibliotheken in Berlin
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Gefährdete Ateliers in Berlin: Lärm gegen Verdrängung
       
       Mehr als 150 Künstler*innen arbeiten im Atelierhaus Prenzlauer
       Promenade. Nun wurde jenen gekündigt, die es in eine Genossenschaft
       überführen wollen.
       
 (DIR) Berliner Kulturpolitik: Mut allein reicht nicht
       
       Bei einer Debatte warben die Spitzenkandidat*innen um das Vertrauen
       der Kulturszene. Dabei zeigte sich: Berlin braucht jetzt jemanden, der
       kämpft.
       
 (DIR) ZLB Berlin am Alexanderplatz: Ein Haus gegen die Leere
       
       Die Zentral- und Landesbibliothek wird 125 Jahre alt. Seit ihrer Gründung
       sucht sie den richtigen Ort. Die Galeria Kaufhof am Alex könnte ihn bieten.