# taz.de -- Debütroman von Clara Umbach: Die totale Bejahung und ihr Gegenteil
> Clara Umbach erzählt in ihrem Debütroman eine queere Liebesgeschichte zum
> Teil in Form von Chatnachrichten. Das entwickelt einen eigentümlichen
> Sog.
(IMG) Bild: Hat „Pizza Orlando“ ausgehend von einer echten Begegnung geschrieben: Clara Umbach
Ist es möglich, eine Liebesgeschichte größtenteils in Form von
Chatnachrichten zu erzählen? Dass zwei Verliebte sich von ihren Nachrichten
mitreißen lassen, sie darin eintauchen, ist sofort einleuchtend. Doch kann
man daraus auch einen Roman machen, der Außenstehende mitnimmt? Der
Leser*innen die Intensität, die Überwältigung, den Schmerz der Distanz
vermittelt?
Die [1][Hamburger Autorin und Künstlerin Clara Umbach] hat diesen Versuch
in ihrem Debüt [2][„Pizza Orlando“] unternommen. Ihre Figuren heißen Clara
und Nina und wie die Autorin in einem Interview sagte, „lassen sich
Wahrheit und Fiktion in diesem Text kaum voneinander trennen“. Dem Buch
liegt eine reale Begegnung zugrunde und wesentliche Eigenschaften der
beiden Figuren sind nicht fiktiv. Zugleich handelt es sich um einen stark
literarisierten Text, wie im Laufe der Lektüre deutlich wird.
Clara und Nina kannten sich schon als Kinder, begegnen sich als Erwachsene
wieder – und sind umgehend schwer verliebt: „16.08.17, 21:39 – Nina: Du
bist der Wahnsinn. (…) 16.08.17, 21:45 – Nina: Du bist der Wahnsinn. (…)
16.08.17, 22:03 – Clara: (…) Sobald ich die Augen schließe, werde ich an
dich denken. 17.08.17, 09:49 – Clara: (…) Ich war sooo gerne mit dir
zusammen und wäre es gerne wieder! Ich denke an deinen Körper, deine Hände,
deine Finger. C.“
Clara ist zu diesem Zeitpunkt alleinerziehende Mutter zweier Kinder,
Künstlerin, reibt sich in Hamburg zwischen Studienabschluss und
Erwerbsarbeit auf. Erstmals verliebt sie sich in eine Frau. Nina lebt in
einer anderen Stadt. Sie kann nicht mehr arbeiten, sie hat HD, die
[3][Huntington-Krankheit]. Es ist diese unheilbare, zum Tode führende
Erkrankung, die von Beginn an die Dynamik der Beziehung prägt, die so viel
Raum fordert, dass sie ungewollt doch ins Zentrum rückt, Bezugspunkt der
meisten Handlungen, Empfindungen und auch Reflexionen ist.
## Das Ende immer im Blick
Die Lektüre der Nachrichten entwickelt schnell einen eigentümlichen Sog, es
ist eine Form, die große Unmittelbarkeit, ja Intimität suggeriert. Die
Euphorie der neuen Liebe, ihrem Wesen nach eine totale Bejahung, trifft auf
ihr Gegenteil, die Krankheit, die Grenzen setzt. Darin liegt eine
zerreißende Spannung.
In der Ferne, doch sichtbar, das Ende: „Als du mich das nächste Mal
besuchen kamst, sagtest du in irgendeiner Nacht an irgendeinem Tresen, dass
es für dich keinen anderen Weg gebe als den frühzeitigen, selbst gewählten
Tod. Du wüsstest, was dir sonst bevorstünde, du hättest es bei deiner
Mutter ja erlebt“, heißt es in einem der erzählerischen Einschübe aus Sicht
der Ich-Erzählerin Clara, die fortfährt: „Wir versuchten, darüber zu
sprechen, wie es für dich möglich sein könnte, dein Leben zu beenden. Es
war schwierig.“ Da ist Nina 30.
Einschübe wie diese unterbrechen und ergänzen den Fluss der Nachrichten.
Während die dialogische Form des Chats eng an den Empfindungen der beiden
Figuren bleibt, liefern sie Kontext, etwa Informationen zur Krankheit, zum
familiären Hintergrund Ninas, wie sie von der Krankheit erfuhr, damit
bisher umging. Oder erläutern, was in der Zeit zwischen den aufgeführten
Nachrichten geschah.
Sie geben aber auch die Möglichkeit zur Selbstreflexion der Erzählerin
Clara, die damit aus der gleichberechtigten Dialogform aussteigt. Ihre
Sicht erhält mehr Gewicht, sie wählt die Nachrichten aus, ordnet sie. Und
so erweitert die Autorin Clara Umbach die Erzählgegenwart der
Chatnachrichten um Rückblicke, die Einschübe sind oft im Präteritum
geschrieben.
## Mit Absicht fragmentarisch
So wird das Ringen Claras und Ninas mit der Situation einerseits quasi in
der Echtzeit des Chats eindrücklich fassbar, aber auch im späteren
Reflektieren Claras darüber: „Ich glaubte, es sei meine Aufgabe, die
Herausforderungen, die mit der Erkrankung einhergingen, zu lösen. Eine als
Verantwortungsbereitschaft getarnte Selbstüberhöhung, die mehr mit meinen
Ängsten als mit deinen Bedürfnissen zu tun hatte.“
Nina kommt zusätzlich zu den Nachrichten in Form von ihr angefertigten
Listen zu Wort, die sie dem „Ungenügen (…) vollständiger Sätze“ vorzieht.
Zum Beispiel eine Liste der fünf wichtigsten Gegenstände, auf der
[4][Wolfgang Herrndorfs Buch „Arbeit und Struktur“] nicht fehlt – auch der
unheilbar an einem Hirntumor erkrankte Autor wollte sein Leben
selbstbestimmt beenden und beging Suizid.
Es gibt zudem Fußnoten, Zitate, sodass „Pizza Orlando“ etwas absichtsvoll
Fragmentarisches zu eigen ist und die Fragmente zugleich kunstvoll zu einer
Text- oder Romancollage zusammengefügt sind.
Die viel Raum einnehmenden Chatnachrichten vermitteln die beiderseitige
Sehnsucht, den Rückzug Claras – eine „Vernunftentscheidung“ –, die
Verletztheit, Fragilität, Widerständigkeit und Verzweiflung Ninas und die
Wiederannäherung beider sehr eindringlich und berührend. Darin liegt die
Authentizität einer vermeintlich wahren Liebesgeschichte, die durch die
Gestaltung des Textes zugleich gebrochen und eben als eine Erzählung über
Liebe sichtbar wird. Eine äußerst originelle Erzählung, die Clara Umbach
hier mit ihrem Debüt gelungen ist.
29 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.instagram.com/clay.ramics/?hl=de
(DIR) [2] https://www.harpercollins.de/products/pizza-orlando
(DIR) [3] /Fehler-im-Genom/!6020748
(DIR) [4] /Biografie-ueber-Autor-Wolfgang-Herrndorf/!5949623
## AUTOREN
(DIR) Carola Ebeling
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